Größte Geländegewinne seit drei Jahren – Was hinter dem Erfolg der ukrainischen Offensive steckt
Die steigenden Ölpreise dürften für Freude im Kreml sorgen. Auf dem Schlachtfeld in der Ostukraine läuft es hingegen alles andere als gut für Russland. Die ukrainischen Streitkräfte haben im Dezember und Januar zwei separate Vorstöße in Richtung Huljajpole und Oleksandriwka südöstlich der Metropole Saporischschja gestartet.
Eine taktische Gegenoffensive, die die russischen Truppen nahezu vollständig aus dem Gebiet Dnipropetrowsk verdrängt hat. Kiew hat dabei insgesamt 460 Quadratkilometer zurückerobert – so viel wie seit drei Jahren nicht mehr. Die Operation basierte auf zwei einander unterstützenden Angriffen, einer klassischen Zangenbewegung mit zwei Achsen, um die russischen Linien zu überdehnen.
Der Gegenangriff scheint als sogenannte „spoiling attack“ ausgelegt gewesen zu sein. Also ein Störangriff, „der die russischen Vorbereitungen für eine Frühjahrsoffensive untergräbt“, wie die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) analysierte. Beobachter vermuten, dass Russland in dem Gebiet eine von zwei neuen Offensiven starten wollte.
Die andere Angriffszone soll im Ballungsraum von Kramatorsk und Slowjansk liegen. Die beiden weiter nordöstlich gelegenen Städte sind die letzten, aber am besten ausgebauten Bastionen der ukrainischen Verteidigungslinie im Donbass. Sie einzunehmen, könnte Monate oder gar Jahre dauern.
Bisher konnte Moskau den Vormarsch der Ukraine nicht stoppen. Der ukrainische Militärbeobachter Kostyantyn Mashovets berichtete Anfang der Woche, dass die ukrainischen Streitkräfte weitere taktische Vorstöße ausführen und östlich von Oleksandriwka sowie im Südosten von Novomykolaiwka weitere Ortschaften eingenommen haben.
Die Ukrainer sollen von Norden her bis auf zwei Kilometer an die Straße zwischen Huljajpole und Velyka Novosilka herangerückt sein und können so die russischen Materialtransporte unter Feuer nehmen. Ukrainische Einheiten sollen auch im Raum Kostyantyniwka und Druschkiwka sowie in der Nähe der Bergwerksstadt Pokrowsk vorgerückt sein.
Die russischen Truppen mussten von Offensivoperationen auf aktive Verteidigung umschalten und haben Marine-Reserveeinheiten in das Gebiet verlegt, um den Vormarsch der Ukrainer einzudämmen.
Einer der Gründe für den Erfolg der ukrainischen Operationen ist dem ISW zufolge die Blockierung der russischen Starlink-Satellitenverbindung in der Ukraine seit Februar. Dadurch wurden die russischen Drohnenkapazitäten abrupt eingeschränkt. Gleichzeitig haben die Ukrainer ihre elektronische Kriegsführung verbessert und neue Angriffstaktiken entwickelt.
So wurde die Reichweite der in Eigenproduktion hergestellten Kamikaze-Drohnen von 50 auf 150 Kilometer erhöht. Damit werden die Logistik und die Nachschubwege der Russen an der Front zur Zielscheibe.
Russische Blogger berichten außerdem über Schwärme von bis zu 400 ukrainischen Drohnen, die als „Luftwaffe“ an einem kleinen Frontabschnitt in einer Tiefe von 20 Kilometern eingesetzt werden. Anschließend würden mobile Infanterie und Konsolidierungsgruppen der Ukraine vorrücken, später gefolgt von Drohnenteams, um eine neue dieser Angriffswellen vorzubereiten.
Vor wenigen Wochen berichteten internationale Medien noch über ein Russland, das bei Drohnen technologisch und quantitativ die Oberhand gewonnen habe. Aber die Ukraine scheint signifikant nachgerüstet und Russland merklich zurückgedrängt zu haben. Das zeigt sich auch darin, dass die Golfstaaten und selbst Israel angesichts der Bedrohung durch iranische Drohnen Interesse an Kiews Know-how zeigen.
Alfred Hackensberger hat seit 2009 aus mehr als einem Dutzend Kriegs- und Krisengebieten im Auftrag von WELT berichtet. Vorwiegend aus den Ländern des Nahen und Mittleren Osten, wie Libyen, Syrien, dem Irak und Afghanistan, aber auch aus Bergkarabach und der Ukraine.
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