Zu Hause erwartet sie ein ungewisses Schicksal und es herrscht Krieg: Dennoch wollen immer mehr Mitglieder der iranischen Frauen-Fußballnationalmannschaft, denen Australien nach dem Asien Cup humanitäre Visa gewährt hatte, wieder in ihre Heimat zurückkehren. Fünf der sieben Spielerinnen haben ihre Asylgesuche mittlerweile zurückgezogen und sind zusammen mit dem restlichen Team nach Malaysia geflogen, eine direkte Rückreise in den Iran ist derzeit nicht möglich. Zwei Frauen wollen weiterhin in Australien bleiben.
Fußballerinnen hatten Nationalhymne nicht mitgesungen
Am 2. März hatten die Sportlerinnen beim ersten Gruppenspiel des Asien Cups während der Nationalhymne geschwiegen. Ihr Verhalten wurde im Iran als Zeichen gegen die Führung in Teheran gewertet. Staatsmedien nannten sie später „Verräterinnen“, obwohl die Fußballerinnen bei den folgenden Partien wieder mitsangen und salutierten. Nach dem Turnier hatten zunächst fünf Teammitglieder Asyl beantragt und die Zusage mit Australiens Innenminister Tony Burke gefeiert. Kurz darauf hatten eine weitere iranische Fußballerin sowie ein Mitglied des Betreuerstabes ebenfalls Asyl erhalten.
Am Abend des 10. März reiste die iranische Mannschaft von Australien ab. Journalisten der Zeitung „Sydney Morning Herald“, die den Nachtflug von Sydney nach Kuala Lumpur begleiteten, berichteten von dramatischen Szenen am Flughafen. Kurz vor dem Boarding hätten mehrere Spielerinnen Tränen in den Augen gehabt. Eine Frau habe noch ein letztes Telefonat mit ihrer Familie geführt, um zu entscheiden, ob sie zu den Teamkolleginnen gehören wollte, die in Australien bleiben. Am Ende sei sie dennoch in das Flugzeug gestiegen.
Mittlerweile haben fünf der sieben Frauen ihren Asylantrag zurückgezogen und die Reise in ihr vom Krieg stark beeinträchtigtes Heimatland angetreten. Australische Medien berichteten unter Berufung auf die staatliche iranische Nachrichtenagentur Irna, dass es sich bei der letzten von ihnen um die Kapitänin des Teams handele. Sie soll Sonntagnacht aus Australien abgeflogen sein.
„Die haben das einfach gemacht und es nachher bitter bereut“
Beobachter befürchten nun, dass den Frauen im Iran schlimme Konsequenzen drohen könnten – oder ihre Familien unter Druck geraten, falls sie nicht zurückkehren sollten. „Man muss kein Iran-Feind sein, um anzunehmen, dass das Regime direkt oder indirekt damit gedroht hat, Angehörige Repressalien auszusetzen“, sagt Klemens Fischer, Professor für Internationale Beziehungen und Geopolitik an der Universität zu Köln. Dem Völkerrechtler zufolge könnte das der ausschlaggebende Grund für die Rückkehr in ihre Heimat sein.
„Wir wissen nicht, wie es dazu kam, dass sich die iranische Nationalmannschaft geschlossen weigerte, die Hymne mitzusingen. Ob sich die Damen zu diesem Zeitpunkt darüber im Klaren gewesen sind, welcher Gefahr sie sich aussetzen, wage ich zu bezweifeln“, so Fischer. Er geht davon aus, dass es sich um eine spontane und emotionale Entscheidung der Spielerinnen handelte, die nicht mit der Teamleitung abgesprochen war.
„Das sind alles relativ junge Frauen. Ich glaube, die haben das einfach gemacht und es nachher bitter bereut“, sagt der Experte. Auch habe die Angelegenheit schnell an Relevanz zugenommen. „Ab dem Moment, in dem die australische Regierung den Asylantrag gewährt hat, ist diese ganze Angelegenheit von geopolitischer Bedeutung geworden: Australien hat damit eine politische Karte gezogen, die sagt: ‚Wir schützen iranische Spielerinnen vor der Verfolgung im Iran.‘ Ab diesem Zeitpunkt ist es den Spielerinnen völlig entglitten.“
„Belohnungen“ für Rückkehr in den Iran?
In den sozialen Medien kursiert derzeit ein Video, auf dem Aussagen einer iranischen Spielerin zu hören sein sollen. Darin erzählt sie, sie habe keine Angst vor einer Rückkehr in den Iran. Beim Zwischenstopp der Mannschaft in Malaysia hätten Vertreter aus Teheran den Fußballerinnen eine gute Behandlung und sogar „Belohnungen“ in Aussicht gestellt. Die Spielerinnen würden nach ihrer Rückkehr wie „Prinzessinnen“ oder „Königinnen“ behandelt werden.
Trotz des Hinweises ihrer Gesprächspartnerin, dass solche Zusagen politisch motiviert sein könnten und womöglich nicht eingehalten würden, zeigt sich die mutmaßliche Spielerin in dem Video zuversichtlich: Die internationale Aufmerksamkeit werde die Gruppe schützen und verhindern, dass ihnen nach der Rückkehr Schaden drohe, sagt sie. Die Echtheit der Aufnahme lässt sich nicht unabhängig verifizieren.
„Gehen wir mal davon aus, dass das Video authentisch ist und die gezeigte Person eine iranische Spielerin ist“, kommentiert Fischer die Aufnahmen. Dann könne es tatsächlich sein, dass den Fußballerinnen im Falle einer Rückkehr eine Prämie versprochen worden sei. „Ich glaube, dass man in einer solchen Situation nach jedem Strohhalm greift. Ob sie wirklich an eine Belohnung glauben, weiß ich nicht.“
Angesichts der möglichen Risiken nach einer Rückkehr sieht Fischer auch den Weltfußballverband in der Verantwortung. „Das Mindeste, was man von der Fifa derzeit erwarten kann, ist, dass sie ihre Verantwortung wahrnimmt und sich um das Wohl dieser jungen Spielerinnen kümmert, wenn sie im Iran zurück sind“, fordert der Völkerrechtler. Der Verband habe sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit weiter über das Leben dieser Frauen informiert bleibe. „Sollte die Fifa daran scheitern, verliert sie meiner Meinung nach ihre Berechtigung, damit zu werben, für Menschenrechte einzustehen.“
Mit Material der DPA
Iran
Asyl
Fußball
Australien
Nationalhymne
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur
Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke