„Ölinsel“ in Trumps Fadenkreuz: Was auf Charg wirklich auf dem Spiel steht
Auf den ersten Blick wirkt die Insel Charg wie eine trostlose Ansammlung von Felsen. Eine öde Gesteinslandschaft, hier und da ein paar Bäume, eine Kleinstadt mit Flugzeugpiste am östlichen Ufer – und doch gilt Charg (englisch Kharg) als Herzstück der iranischen Wirtschaft.
Der Grund dafür sind Dutzende kreisrunde Tanklager, ebenfalls aus der Luft gut auszumachen. In ihnen werden Millionen Liter Öl gespeichert. Schätzungen gehen davon aus, dass auf der Insel täglich rund 1,5 Millionen Barrel, etwa 240 Millionen Liter, umgeschlagen werden können. Charg ist damit einer der wichtigsten Orte der globalen Ölwirtschaft – und damit auch für das Mullah-Regime von zentraler Bedeutung.
Charg ist zentral für iranische und globale Ölrwirtschaft
„Wenn Sie diese Insel ausschalten, sind das 80 bis 90 Prozent des Erdöl-Umsatzes der Iraner. Sie schalten sie damit wirtschaftlich aus“, sagte vor gut einer Woche der frühere US-Top-Militär Keith Kellogg im konservativen US-Sender Fox News.
Ein erfolgreicher, umfassender Angriff auf Charg könnte die iranische Regierung zumindest finanziell hart treffen, aber – und genau darin liegt Teherans strategisches Faustpfand – auch die Weltwirtschaft würde unter einer Zerstörung der Ölanlagen massiv leiden, mit kaum absehbaren Folgen. Der Ausfall Chargs in den globalen Handelsketten könnte den Ölpreis um 40 Prozent oder mehr nach oben schnellen lassen, befürchten Analysten Medienberichten zufolge.
Einer der verheerendsten Bombenangriffe in der Geschichte des Nahen OstensUS-Präsident Donald Trump über den Militäreinsatz gegen die iranische „Ölinsel“ Charg
Diese Verwundbarkeit ist auch Donald Trump bewusst. Der US-Präsident informierte in der Nacht zu Samstag (MEZ) auf seinem sozialen Netzwerk Truth Social über einen Großangriff der US-Streitkräfte auf Charg. Es sei „einer der verheerendsten Bombenangriffe in der Geschichte des Nahen Ostens“ gewesen. Und er fügte hinzu, man habe „sämtliche militärische Ziele“ auf Charg zerstört.
Unabhängig überprüfen lässt sich diese Darstellung freilich nicht, aber den Angriff als solchen bestätigten auch die iranische Führung und ihre staatlich kontrollierten Medien. Die Nachrichtenagentur Fars meldete, die US-Armee habe „die Verteidigungsanlagen der Armee, die Joschan-Marinebasis, den Flughafen-Tower und den Hubschrauber-Hangar des iranischen Unternehmens Continental Shelf Oil“ angegriffen. Es gebe jedoch keine Schäden an den Ölanlagen.
Auch das betonte Trump: Er habe sich aus „Gründen des Anstands“ entschieden, die Ölinfrastruktur auf der Insel nicht zerstören zu lassen. Dass der US-Präsident sich allein von „Anstand“ leiten ließ, ist kaum anzunehmen. Zu groß ist die Abhängigkeit der amerikanischen Wirtschaft von preiswertem Öl. Die infolge des Irankriegs gestiegenen Preise setzen Industrie und Verbrauchern in den USA bereits jetzt kräftig zu.
Ölanlagen über Jahrzehnte ausgebaut
Die Insel – mit rund 20 Quadratkilometern etwa so groß wie Amrum – entwickelte sich ab den 1950er Jahren zum Zentrum der iranischen Ölförderung. Nach der Revolution von 1979 wurden die Anlagen verstaatlicht. Die Anlagen wurden mit mehreren Terminals und Piers, einem Gaswerk, einem Flughafen und gigantischen Speichertanks stetig erweitert. Mit jedem Ausbau wuchs die Bedeutung der Insel. „Ohne Charg gelangt quasi kein iranisches Öl auf den Weltmarkt“, bilanzierte die „Zeit“.
Charg, exponiert rund 25 Kilometer vor der iranischen Küste gelegen, war aufgrund seiner strategisch vorteilhaften Lage seit Jahrhunderten umkämpft, stand zeitweise auch unter britischer Kontrolle.
Im 20. Jahrhundert richteten mehrfach US-Präsidenten ihre Blicke auf die Insel. Bei Jimmy Carter lag der Plan für eine Einnahme als Reaktion auf eine Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran auf dem Schreibtisch. Er wurde aber nicht umgesetzt. Auch Ronald Reagan ließ in der Irankrise in den 1980er Jahren die Finger von der Insel. Und Donald Trump scheut bisher ebenfalls den ganz großen Schlag.
Welche Rolle die Straße von Hormus spielt
Warum hält sich der aktuelle US-Präsident zurück? Die iranische Armee droht im Fall von US-Angriffen auf iranische Ölanlagen mit einer Eskalation. Alle Öl- und Energieanlagen von Unternehmen, die teilweise im Besitz der USA seien oder mit den USA zusammenarbeiteten, „werden unverzüglich zerstört und in Schutt und Asche gelegt“, sagte ein Sprecher.

Erster Golfkrieg Als der „Tankerkrieg“ in der Straße von Hormus eskalierte
geoSolche Drohungen dürften für Trump jedoch weniger entscheidend sein als die unabsehbaren Folgen eines Angriffs oder einer (ungleich riskanteren) Eroberung. Das Center for Strategic and International Studies in Washington rechnet für den Fall der Unterbrechung der iranischen Ölexporte mit einer „beispiellosen Krise auf den Energiemärkten“.
Der Experte des Hudson Institute in New York und frühere US-Regierungsbeamte Doran Eckel erklärte bei „Euronews“, Trump habe bislang eine Art rote Linie um Charg gezogen und die Insel bewusst verschont.
Denn im Persischen Golf liegt noch ein weiterer Krisenherd: Die Straße von Hormus gilt als Achillesferse der globalen Ölwirtschaft und als weiteres Druckmittel Teherans. Alle Tanker, die ihre Fracht von Charg und den anderen Ölterminals in der Region in die Welt verschiffen wollen, müssen sie passieren.
Donald Trump droht mit weiteren Angriffen
De facto ist die Meerenge seit dem Beginn des Krieges weitgehend dicht, nur wenige Schiffe gehen das Risiko einer Passage ein. Jüngst hat Donald Trump Marine-Eskorten in Aussicht gestellt, um ein Durchfahren der Straße von Hormus zu ermöglichen – doch noch ist dieser Seeweg wegen iranischer Angriffe und Seeminen hochriskant (lesen Sie dazu: „Seeminen in der Straße von Hormus: Was die USA komplett unterschätzt haben“).

Irankrieg Trump will Öltanker durch die Straße von Hormus eskortieren – wäre das möglich?
Sollten Charg und seine umliegenden Ölfelder in amerikanische Hände fallen oder zerstört werden, hätte das Regime in Teheran kaum noch etwas zu verlieren und könnte in der Straße von Hormus voll auf Eskalation setzen – mit ebenfalls kaum absehbaren Folgen für die Weltwirtschaft.
Trump droht bereits: Sollte der Iran oder irgendjemand anderes die freie und sichere Durchfahrt von Schiffen durch die Straße von Hormus behindern, werde er seine Entscheidung, die Ölinfrastruktur zu verschonen, umgehend überdenken.
Ob es zu einem weiteren Angriff kommt, ist eine heikle Abwägung – zwischen Druck auf Teheran und der Gefahr einer globalen Energiekrise.
Quellen: Fox News, „Zeit“, Euronews, Truth Social, Center for Strategic and International Studies, Nachrichtenagenturen DPA, AFP und Reuters
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