Vom Rapper zum Regierungschef – Wo die Generation Z Wahlen gewinnt
Die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen lächelt Balendra Shah, streckt sich aus dem Schiebedach seines Autos, um seinen Anhängern die Hand zu reichen. Die Menge jubelt, Menschen halten ihre Handys in die Luft, einige weinen vor Freude.
Für viele junge Nepalesen ist dieser Moment mehr als ein Wahlsieg. Es ist das Ende einer politischen Ära – und der Beginn einer neuen. Noch vor wenigen Jahren war Shah vor allem als Rapper bekannt, dessen Songs über Korruption, Armut und Perspektivlosigkeit Millionen Aufrufe auf YouTube erzielten. Nun ist der 35-Jährige zum Premierminister des kleinen Landes im Himalaya-Gebirge gewählt worden.
Balendra Shah, bekannt als „Balen“, und seine erst drei Jahre alte Rastriya Swatantra Party haben bei der ersten Wahl nach den landesweiten Generation-Z-Protesten im September in der vergangenen Woche einen historischen Sieg errungen. Der langjährige Premierminister Khadga Prasad Sharma Oli (74) unterlag Shah sogar in seinem eigenen Wahlkreis deutlich.
Für viele Wähler verkörpert der studierte Ingenieur Shah den Bruch mit einer politischen Elite, die Nepal seit Jahrzehnten mit wechselnden Koalitionen, Korruptionsskandalen und Machtkämpfen geprägt hat. Vor dem neuen Premier liegt nun die schwierigste Aufgabe: Die Interessen eines Landes zu wahren, das droht, zwischen die geopolitischen Ziele zweier Großmächte zu geraten – Indien und China.
Wer Balendra Shah verstehen will, muss bei seinen Texten beginnen. In seinem bekanntesten Song „Balidan“ – Opfer – rappt er über die Leiden der Armen, über Politiker, die sich bereichern, während viele Nepalesen das Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlassen. Eine Stimme, die vom Volk gehört wurde, bevor sie eine Partei hatte.
2022 kandidierte Shah erstmals für ein politisches Amt, als unabhängiger Kandidat für den Bürgermeisterposten der Hauptstadt Kathmandu. Er gewann – und räumte buchstäblich auf: Illegale Bauten wurden abgerissen, die Entsorgung von Müll reorganisiert. In einem Land, in dem Politiker seit Generationen vor allem für sich selbst gearbeitet hatten, war das bereits eine kleine Revolution.
Ein Sieg, der Geschichte schreibt
Dann kam der September 2025. Was als Protest gegen ein Verbot sozialer Netzwerke begann, wurde zu einem landesweiten Aufstand. Tausende junge Nepalesen gingen auf die Straße, getrieben von einer tieferen Wut: auf Arbeitslosigkeit, auf Vetternwirtschaft, auf eine politische Klasse, die sich selbst reproduzierte.
Die Polizei setzte Schusswaffen ein. 77 Menschen starben. Eine BBC-Recherche legte später nahe, dass der Polizeichef den ausdrücklichen Befehl erteilt haben soll, auch auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen.
Premierminister Oli trat daraufhin zurück. Shah hatte die Protestbewegung öffentlich unterstützt und Oli als „Terroristen“ bezeichnet. Die Gen-Z-Aktivisten wollten ihn sofort als Übergangspremier. Er jedoch lehnte ab und wartete auf reguläre Wahlen.
Die Wahl am 5. März wurde dann zur finalen Abrechnung mit dem alten System. Shahs Partei RSP gewann mindestens 122 von 165 Direktmandaten – die größte parlamentarische Mehrheit seit der Einführung der Demokratie in Nepal im Jahr 1990. Shahs Entscheidung, ausgerechnet in Jhapa-5 anzutreten – dem Wahlkreis seines Vorgängers – war ein kalkuliertes Symbol. Er bekam fast viermal so viele Stimmen wie der Premier: 68.348 zu 18.724.
Seine Partei profitierte von der wachsenden Frustration vieler Bürger, insbesondere einer jungen Generation, die kaum noch wirtschaftliche Perspektiven im eigenen Land sieht. Millionen Nepalesen arbeiten im Ausland, um ihre Familien zu unterstützen.
Nepal ist ein Binnenstaat im Himalaya, eingekeilt zwischen den beiden asiatischen Großmächten Indien und China. Seit Jahrzehnten prägt dieser geopolitische Spagat die Innenpolitik des Landes. Indien ist Nepals wichtigster Handelspartner und liefert einen Großteil der Energie und Treibstoffe. Gleichzeitig hat China seine wirtschaftliche Präsenz in den vergangenen Jahren stark ausgebaut.
Vom Pufferstaat zum Brückenstaat
Nepals politische Landschaft wurde über Jahrzehnte von einer Handvoll Parteien dominiert, die sich an der Macht abwechselten. Der Nepali Congress neigte traditionell Indien zu. Die kommunistischen Parteien – allen voran Olis CPN-UML sowie die maoistische CPN – tendierten zu China.
Besonders Oli hatte zuletzt einen deutlichen Schwenk Richtung Peking vollzogen: als Reaktion auf Indiens inoffizielle Wirtschaftsblockade 2015 und territoriale Streitigkeiten an der Grenze. Nepal unterzeichnete 2017 Chinas Seidenstraßen-Initiative. Keines der zehn geplanten Projekte kam jedoch über die Planungsphase hinaus.
Dass Shahs RSP kein ideologisches Gepäck mitschleppt, gilt unter Experten als echte Chance. Die Partei hat weder historische Schulden bei Peking noch emotionale Bindungen an Neu-Delhi. Im Wahlprogramm versprach sie eine „ausgewogene und dynamische Diplomatie“ mit beiden Nachbarn: Nepal solle sich vom Pufferstaat zum Brückenstaat wandeln. Eine Formel, die klingt wie ein Ausweg aus dem jahrzehntealten Dilemma. Ob sie aufgeht, wird sich zeigen.
Für Peking stellt der Wahlausgang eine Zäsur dar. Der ständige Politikwechsel unter den Vorgängerregierungen – je nach Koalitionslage mal China-nah, mal weniger – hatte die Beziehungen instabil gehalten. Nun hofft man auf verlässlichere Strukturen und Gesprächskanäle.
Doch die Vergangenheit belastet. Chinesische Infrastrukturprojekte in Nepal stehen unter Korruptionsverdacht. Die Behörden erhoben Anklage wegen mutmaßlicher Veruntreuung beim Bau des von Peking finanzierten Flughafens Pokhara – ein Milliardenprojekt, das kaum Passagiere anzieht und Nepal mit Schulden belastet. Für die neue Regierung ist das eine Erbschaft, die sie weder ignorieren noch leichtfertig abwickeln kann.
Besonders heikel bleibt das chinesisch-nepalesische „Freundschaftsindustriegebiet“ in Jhapa – ausgerechnet Shahs Wahlkreis. Es liegt in der Nähe des Siliguri-Korridors, jenem schmalen Geländestreifen, der Indien mit seinen nordöstlichen Bundesstaaten verbindet und für Neu-Delhi von existenzieller strategischer und sicherheitspolitischer Bedeutung ist.
Shah hat das Projekt im Wahlkampf bewusst nicht erwähnt – eine Botschaft an beide Seiten. Die Hinterzimmer-Deals früherer Regierungen, so der Konsens unter Beobachtern, werden mit der neuen Regierung nicht mehr funktionieren. Peking wird transparenter verhandeln müssen.
Der neue Premier hat im Wahlkampf Großes versprochen: frühere Regierungschefs wegen Korruption strafrechtlich zu verfolgen, rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze zu schaffen, das Pro-Kopf-Einkommen von 1447 auf 3000 Dollar zu verdoppeln und Nepals Wirtschaft innerhalb von fünf Jahren auf ein Bruttoinlandsprodukt von 100 Milliarden Dollar zu heben (2024: 43 Milliarden Dollar). Gewaltige Zahlen für ein Land, dessen wichtigste Einnahmequelle die Überweisungen der im Ausland arbeitenden Nepalesen sind.
Der Rapper, der nun Premierminister wird, steht damit vor einer paradoxen Situation. Sein Wahlsieg symbolisiert einen radikalen politischen Neustart. Doch die strukturellen Probleme – wirtschaftliche Abhängigkeit, politische Instabilität und geopolitischer Druck – lassen sich nicht mit einem Wahlkampf-Slogan lösen.
Shah ist selbst ein Kind der frustrierten Generation, die ihn gewählt hat. Seine Texte haben sie gehört. Jetzt werden sie ihn daran messen, ob er hält, was er gesungen hat.
Christina zur Nedden ist China- und Asienkorrespondentin. Seit 2020 berichtet sie im Auftrag von WELT aus Ost- und Südostasien.
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