Warum Winfried Kretschmann Bundespräsident werden muss – und wie
Diese Kolumne beginnt in Philippsreut, aber sie endet hoffentlich im Amtssitz des Bundespräsidenten. Manchmal muss man eben weite Wege gehen, um Gutes zu erreichen.
Philippsreut liegt im Bayerischen Wald. Und die Bewohner haben jüngst bei den Kommunalwahlen einen Kandidaten gewählt, der gar nicht angetreten war. 216 Philippsreuter gaben dem amtierenden Bürgermeister Helmut Knaus ihre Stimme, 57,1 Prozent. Er stand nicht auf dem Wahlzettel, also haben die Bürgerinnen und Bürger ihn draufgeschrieben.
Winfried Kretschmann ist konservativ und weltoffen, philosophisch und pragmatisch
Ortswechsel: In Stuttgart nimmt demnächst Ministerpräsident Winfried Kretschmann seinen Abschied. 15 Jahre lang hat er Baden-Württemberg regiert, sein Nachfolger wird wahrscheinlich Cem Özdemir. Von dem Kollegen Peter Unfried habe ich jüngst in einer sehr lesenswerten Würdigung Kretschmanns in der „taz“ erfahren, dass über den angehenden Polit-Rentner vereinzelt gesagt werde, „ihm sei himmelangst bei dem Gedanken, dass er künftig zu Hause sitzen müsse“. Das sollte die Einflugschneise sein: Herr Kretschmann, wir hätten da was für Sie!
Denn Winfried Kretschmann ist geradezu der natürliche Bundespräsident. Sachlich, aber nicht langweilig. Konservativ und weltoffen, Philosoph und Pragmatiker, grün und trotzdem überparteilich.
Ich habe Kretschmann das erste Mal im Herbst 2010 erlebt. Damals noch in der Opposition, hielt er eine Rede zum Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Ich bin in Ulm geboren und des Schwäbischen mächtig, trotzdem hatte ich Mühe, ihn zu verstehen. Und ich gebe zu, dass ich damals dachte: Was wollen die Grünen denn mit dem? Bald darauf war er Ministerpräsident. Erst vor wenigen Wochen habe ich mich übrigens auch festgelegt, dass Cem Özdemir keine Chance hat. Lesen Sie also lieber Unfried als Fried, wenn es um die Grünen geht.
Kretschmann wäre ein Grüner, den sogar Söder unterstützen würde
Jetzt aber geht es um den Bundespräsidenten. Die Grünen müssten eigentlich für Kretschmann sein, auch wenn man so was bei ihnen nie sicher weiß. Markus Söder wäre für ihn, weil er sich mit dem Nachbarn stets gut verstand und froh ist, wenn er nicht Ilse Aigner nominieren muss. Söder könnte Merz überzeugen, der ihm außer der Kanzlerkandidatur noch nie was abgeschlagen hat. Und was die SPD will, ist eigentlich egal.
Okay, Kretschmann ist keine Frau, aber in gewisser Weise würde er sich das Amt ja mit seiner Lieblingsphilosophin Hannah Arendt teilen. Kretschmann wäre bei Amtsantritt 78. Na und? Ein älterer Präsident, der jung wirkt, ist mir lieber als umgekehrt. Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella wird demnächst 85 – und ist seit Jahren so beliebt, dass er 2022 sogar gegen seinen ausdrücklichen Wunsch wiedergewählt wurde.
Genau dieser Gedanke führt uns wieder nach Philippsreut. Wenn Union und SPD sich auf eine andere Kandidatur verständigen oder wenn Kretschmann gar nicht Bundespräsident werden will, dann sollten die Damen und Herren in der Bundesversammlung sich ein Vorbild an den bayerischen Kommunalwählern nehmen und Winfried Kretschmann einfach auf ihren Stimmzettel schreiben.
Kretschmann habe immer Republikanismus gefordert, las ich beim „taz“-Kollegen, „also dass Leute den Arsch für das Gemeinwesen hochkriegen“. Bei der Wahl des Staatsoberhaupts würde es schon reichen, wenn ausreichend viele Bundesversammelte einfach den Stift in der Wahlkabine für die gute Sache einsetzten.
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