Seine Partei versteckte Spitzenkandidat Cem Özdemir im Landtagswahlkampf fast schon. Mit der Strategie holte der Grüne vor der Wahl stark auf. Ob es am Ende auch für den Sieg reicht?

Egal, wie das Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU am Ende des Wahlabends ausgeht: Cem Özdemir hat die Grünen in Baden-Württemberg bei der Landtagswahl in Reichweite eines Sieges befördert. Prognosen sehen Özdemirs Partei kurz nach Schließung der Wahllokale vor der CDU.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er der Partei zumindest einen Teil der Macht in Stuttgart gesichert hat - wenn nicht sogar den Ministerpräsidenten-Posten. Die Grünen werden wahrscheinlich an der nächsten Landesregierung beteiligt sein, andere Koalitionsoptionen als eine Zusammenarbeit von CDU und Grünen sind den Prognosen zufolge eher unwahrscheinlich.

Wie hat Özdemir den anfänglich massiven Rückstand auf die CDU deutlich verkleinert? Und wer ist der Mann, der auch nach der Wahl weiter eine wichtige Rolle bei den Grünen im Südwesten spielen könnte?

Genau eine Woche vor der Landtagswahl nimmt Cem Özdemir auf einer Bühne in der oberschwäbischen Provinz Platz. An seiner Seite: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Beim Einzug in die Halle begleitet die örtliche Blaskapelle die drei Politiker mit Marschmusik, das Publikum klatscht im Takt mit. 

Komplett auf Özdemir zugeschnittene Kampagne

An diesem Abend in Ostrach, gut zwei Stunden von Stuttgart entfernt, dringt die Strategie, die den Grünen in Baden-Württemberg die Macht sichern soll, förmlich aus allen Poren. Nach der volkstümlichen Blasmusik stellt die Moderatorin die Herren als die drei populärsten Politiker in Baden-Württemberg vor - und Umfragen geben ihr Recht: Özdemir und Kretschmann kennt demnach so gut wie jeder im Ländle und selbst Palmer landet mit deutlichem Abstand vor CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel. 

Prominent, pragmatisch und "nah bei de Leut", wie man im Südwesten so schön sagt: So präsentierten die Grünen ihren Frontmann im Wahlkampf. Auf den dunkelgrünen Plakaten wurde nur für Özdemir ("Der kann es") geworben, für den Namen seiner Partei brauchte man eine Lupe. Gemeinsame Auftritte und Plakate mit Kretschmann sollten ihn als logischen Erben des beliebten Landesvaters positionieren und auch die Auftritte mit dem Ex-Grünen Palmer sendeten eine Botschaft: Maximale Abgrenzung zur grünen Partei, was auch schon Vorgänger Kretschmann erfolgreich machte.

Beide gehören dem Realo-Flügel der Partei an und geben sich maximal konservativ und pragmatisch: Ob beim Verbrenner-Aus oder in Fragen der Migration - immer wieder gingen sie in Konflikte mit der Bundespartei. 

Keine landespolitische Erfahrung

Vor dem Wahlkampf um das Ministerpräsidentenamt hatte der selbst ernannte "anatolische Schwabe" Özdemir mit Landespolitik wenig am Hut. Seit 1981 ist er Mitglied der Grünen, von 2008 bis 2018 war er Bundesvorsitzender. 1994 wurde er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt – als erster Abgeordneter mit türkischen Wurzeln.

Nach dem rasanten Aufstieg folgte der Fall: Als bekanntgeworden war, dass er dienstlich gesammelte Bonusmeilen privat genutzt und außerdem einen günstigen Privatkredit bei einem PR-Berater aufgenommen hatte, trat Özdemir zurück und verzichtete auf sein Mandat. Es folgte eine politische Auszeit in den USA, bevor er sich ab 2004 über das Europaparlament zurück in den Bundestag arbeitete. Ab 2013 saß er wieder im Berliner Plenarsaal und holte 2021 im Wahlkreis Stuttgart I mit 40 Prozent der Erststimmen das Direktmandat.

Im Ampel-Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wurde er überraschend Landwirtschaftsminister. Als solcher stand er im Proteststurm von Bauern, als die Bundesregierung die Subventionen für den Agrardiesel abschaffen wollte. Auch sonst bescheinigen ihm Kritiker eine magere Bilanz. Nach dem Bruch der Koalition übernahm er zusätzlich das bis dahin FDP-geführte Bildungsressort.

Karriere nicht in die Wiege gelegt

Seine Karriere sei ihm nicht in die Wiege gelegt worden, sagt Özdemir häufig. Seine Aufstiegsgeschichte erzählte der 60-Jährige im Wahlkampf gerne und oft: Der Vater arbeitete in mehreren Fabriken, die Mutter betrieb eine eigene Änderungsschneiderei. In der Schule tat sich der Sohn türkischer Gastarbeiter lange schwer. Hilfe fand er bei Nachbarn und Freunden, die ihn bei den Hausaufgaben unterstützten. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er die Fachhochschulreife nach und studierte Sozialpädagogik. Dann folgte der politische Aufstieg.

Ob er auch den letzten Schritt ins höchste Amt in Baden-Württemberg tun kann, entscheidet sich im Laufe des Wahlabends.

dpa
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