Minderheitsregierungen oder doch der Tabubruch? So sehen die Umfragen aus
Für die schwarz-rote Bundesregierung geht es bei den Landtagswahlen in diesem Jahr um einiges. Niederlagen für die CDU könnten die Koalition mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) schwächen. Aber vor allem die SPD muss um Ministerpräsidentenposten bangen. Die FDP könnte noch mehr an Bedeutung verlieren, die AfD und die Linke hingegen erstarken.
Zuletzt erschütterte allerdings eine Vetternwirtschaftsaffäre die AfD. Seit immer mehr Fälle bekannt geworden sind, wie mit Beschäftigungsverhältnissen eventuell Familienangehörige und eigene Netzwerke begünstigt werden, ist die Partei in Aufruhr. Die Verwandtenaffäre betrifft mittlerweile unter anderem die Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, in denen im März und September gewählt wird. Mit Markus Frohnmaier und Ulrich Siegmund sind sogar zwei Spitzenkandidaten betroffen. Noch scheint sich der Skandal nicht auf die Umfragen auszuwirken, doch das Potenzial dafür hätte er.
Baden-Württemberg ohne Kretschmann
Am 8. März 2026 schaut alles nach Baden-Württemberg. Mit dem geänderten Wahlrecht, dem neuen Wahlalter ab 16 und dem Rückzug einer prägenden politischen Figur wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann steht Baden-Württemberg vor einer neuen politischen Phase. Der Wahltermin am 8. März markiert zugleich den Auftakt des deutschen Wahljahres 2026 mit mehreren Landtagswahlen im Bund.
In der Landeshauptstadt Stuttgart entscheidet sich, ob es die Grünen noch einmal schaffen, oder ob sich die Wähler nach der langen Amtszeit Kretschmanns für eine andere Regierung als Grün-Schwarz entscheiden. Der Amtsinhaber tritt nicht erneut an. Der erste grüne Ministerpräsident war auch der längst amtierende: Nach mehr als 14 Jahren überholte er im August 2025 CDU-Urgestein Erwin Teufel. Übernehmen soll das Zepter Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir. Dieser Berliner Polit-Import mit schwäbischen Wurzeln soll den Abwärtstrend stoppen, nachdem seine Grünen lange in allen Umfragen weit hinter der CDU lagen, für die Landeschef Manuel Hagel antritt. Allerdings holen die Grünen aktuell gewaltig auf. Die AfD liegt knapp unter 20 Prozent.
Die meisten Chancen auf die Regierung könnte am Ende die alte haben – vielleicht unter anderen Vorzeichen. Schwarz-Grün ist nach aktuellem Stand die wahrscheinlichste Koalition, denn in vielen Umfragen liegt die CDU aktuell vorn und beide Parteien erreichen zusammen meist eine Mehrheit ohne FDP oder AfD. Schwarz-Grün hat damit die beste Ausgangsposition, um den Ministerpräsidenten zu stellen. Auch wenn die CDU jede Zusammenarbeit mit der AfD ablehnt: Die baden-württembergische AfD würde nach eigenen Angaben auch eine CDU-geführte Minderheitsregierung im Landtag unter bestimmten Voraussetzungen tolerieren.
Generell erschweren die AfD-Zuwächse eine Mehrheitsbildung jenseits der CDU-Grünen-Achse. Eine sogenannte „Deutschlandkoalition“ aus CDU, SPD und FDP wäre vielleicht auch rechnerisch im Rahmen der Möglichkeiten, aber hier bleibt die Ungewissheit, ob die FDP es über die 5-Prozent-Hürde schafft. Gleiches gilt für eine „Jamaika“-Koalition aus CDU, Grünen und FDP.
Eine schwarz-rote Koalition dürfte im Gegensatz zum Bund nicht ausreichend Stimmen sammeln.
Folgt Rheinland-Pfalz dem Bundesbeispiel?
Am 22. März geht es weiter in Rheinland-Pfalz. Hier könnten die Wähler erstmals seit 35 Jahren die SPD abwählen. Ministerpräsident Alexander Schweitzer übernahm das Amt 2024 von der zurückgetretenen Malu Dreyer und stellt sich somit zum ersten Mal dem Wählervotum. Obwohl er bekräftigt, dass er mit seinen aktuellen Regierungspartnern weitermachen möchte, droht seiner Ampelregierung aus SPD, Grünen und FDP ebenso ein Scheitern wie auf Bundesebene.
Die CDU liegt in aktuellen Umfragen vorn, gefolgt von SPD und AfD. Deren Landeschef Jan Bollinger wurde als Spitzenkandidat bestätigt und positioniert sich selbstbewusst im Wahlkampf.
Die Grünen kreisen um die zehn Prozent, die Linke wäre knapp im Landtag, die FDP scheitert derzeit an der Fünf-Prozent-Hürde. Bereits 2011 flog sie aus dem Landtag. Da alle Parteien eine Koalition mit der AfD ausschließen, lässt die Koalitionsbildung aktuellen Umfragen folgend nicht viele Optionen. Rheinland-Pfalz könnte am Ende dem Beispiel Bund folgen: Nach dem Aus der Ampel bleibt für CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder am Ende nur Schwarz-Rot.
Wahlforscher warnen allerdings, dass Umfragen in Landeswahlen oft noch stärker abweichen können als prognostiziert, und raten zur Vorsicht bei zu frühen Interpretationen.
Und tatsächlich war das Umfrageloch der SPD vor vergangenen Landtagswahlen genauso tief und stets schafften die Sozialdemokraten auf den letzten Metern die Wende – bei den vergangenen beiden Wahlen mit Malu Dreyer an der Spitze gegen die Unions-Spitzenkandidaten Julia Klöckner und Christian Baldauf. Nun wird Dreyers Nachfolger Alexander Schweitzer zeigen müssen, ob er Endspurt kann. Eine aktuelle Umfrage von Infratest dimap deutet dies bereits an.
Es deutet also viel auf eine künftige Koalition aus CDU und SPD hin, mit wem als Sieger und wem als Juniorpartner wird sich zeigen. Damit dürfte das Duell zwischen Schweitzer und seinem Unions-Herausforderer Gordon Schnieder, dem Bruder von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, in den Fokus rücken.
Sachsen-Anhalt steht vor schwierigen Verhältnissen
Die wohl spannendste Wahl des Jahres findet am 6. September in Sachsen-Anhalt statt, denn dort könnte die AfD erstmals stärkste Kraft werden und stabile Mehrheiten sind nicht in Sicht. In den Umfragen liegt die als gesichert rechtsextrem eingestufte Landespartei, deren Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sich zurzeit mit einer Affäre um Vetternwirtschaft herumschlägt, mit deutlichem Abstand vorn. Eine absolute Mehrheit gilt als nicht ausgeschlossen, sollten kleinere Parteien wie FDP und Grüne den Einzug ins Parlament verpassen. Die SPD verharrt in den Umfragen bei niedrigen sieben bis acht Prozent, das BSW kommt mit sechs Prozent bereits der Fünf-Prozent-Hürde nah. Die Linkspartei liegt bei elf Prozent.
Der amtierende Ministerpräsident Reiner Haseloff hatte sich entschieden, nicht noch einmal anzutreten und hat inzwischen auch sein Amt abgegeben. Neuer Ministerpräsident ist nun Ex-Wirtschaftsminister Sven Schulze, der nun als Spitzenkandidat mit Amtsbonus für die CDU antritt. Ähnlich wie in Rheinland-Pfalz dürfte die Suche nach Koalitionspartnern aber schwierig werden. Eine Minderheitsregierung ist also denkbar.
Linkspartei und CDU müssten sich näherkommen, wenn sie die Rechtsextremen von der Regierung fernhalten wollen. Noch gilt für die Christdemokraten ein Unvereinbarkeitsbeschluss, der eine Zusammenarbeit mit AfD und Linkspartei verbietet.
Doch dieser fällt womöglich nach der Wahl. Schon jetzt haben CDU und Linke in Sachsen-Anhalt eine Form der Kooperation gefunden. So wurde etwa die Parlamentsreform von 2020 in enger Abstimmung zwischen CDU, Linkspartei, SPD und Grünen erarbeitet.
Spannend wird zu sehen, ob der AfD ihre jüngste Vetternwirtschaftsaffäre schadet und sie in den Umfragen an Zuspruch verliert. Die Partei hat inzwischen eine Kommission zum „Verhalten im politischen Betrieb“ eingesetzt. Diese soll sich mit den Anstellungsverhältnissen bei Abgeordneten beschäftigen. Zugleich beklagte der Landesverband eine „politisch-mediale Kampagne“ gegen sich.
Berlins kurze CDU-Ära?
Für Berlins Regierungschef könnte nach einer bereits sehr kurzen Amtsperiode am 20. September 2026 schon wieder das Ende als Regierender Bürgermeister anstehen. Denn Kai Wegner von der CDU ist erst seit Frühjahr 2023 im Amt, nachdem wegen massiver Unregelmäßigkeiten bei der eigentlichen Wahl im Jahr 2021 neu gewählt werden musste.
Aus der Wiederholungswahl ging die CDU erstmals nach 1999 als stärkste Kraft hervor. Die SPD fiel laut dem endgültigen Ergebnis mit nur 53 Stimmen Vorsprung vor den drittplatzierten Grünen auf die zweite Position zurück. Selbst wenn Wegners CDU am Wahlabend stärkste Kraft bleiben sollte, könnte sich nach den Umfragen eine Koalition aus einer starken Linken, SPD und Grünen formieren und regieren.
In den Umfragen zeigt sich seit Wochen ein relativ stabiles Bild: Die CDU liegt vorn, während sich SPD, Grüne, Linke und AfD dahinter bei Werten zwischen 13 und 19 Prozent ein enges Rennen um die weiteren Plätze liefern. Aktuell würde es für eine Zweierkoalition in keiner Kombination mehr reichen.
Mecklenburg-Vorpommern
Mecklenburg-Vorpommern wählt am 20. September 2026 zeitgleich mit Berlin einen neuen Landtag. Im Norden regiert seit der Landtagswahl 2021 eine Koalition aus SPD und Linke, angeführt von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD).
Schwesig geht als Spitzenkandidatin ihrer Partei in die Landtagswahl. Sie fokussiert ihren Wahlkampf stark darauf, die SPD wieder konkurrenzfähig zu machen und der AfD entgegenzutreten. Diese liegt in aktuellen Umfragen deutlich vorn und ist faktisch stärkste Partei im Land, allerdings politisch ein kaum akzeptierter Koalitionspartner. Mit ihrem als gemäßigt geltenden Spitzenkandidaten Leif-Erik Holm konnte sie ihr Ergebnis in den Umfragen seit der letzten Landtagswahl mehr als verdoppeln. Holm äußerte sich auch kritisch über die Verwandtenaffäre um seinen Parteikollegen Ulrich Siegmund aus Sachsen-Anhalt.
Nach den letzten Umfragen würde die rot-rote Koalition ihre Mehrheit klar verlieren. Die CDU verharrt auf mäßigen Werten, Grüne und FDP kämpfen um den Einzug in den Landtag. Die AfD würde ihr Ziel „Alleinregierung“ allerdings ebenso verfehlen. Nur eine Dreier-Koalition aus SPD, CDU und Linke hätte eine stabile Mehrheit. Aufgrund des Kooperationsverbots zwischen CDU und Linke auf Bundes- und Landesebene wird dieser Tabubruch allerdings bisher politisch ausgeschlossen.
Für eine mögliche Koalition aus CDU und AfD gilt ähnliches: Rechnerisch möglich, aber die CDU positioniert sich klar gegen jede Zusammenarbeit. Das BSW als Koalitionspartner bleibt unsicher, weil die Partei die 5-Prozent-Hürde überwinden muss. Eine Minderheitsregierung ist nicht ausgeschlossen.
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