„Sie haben gesagt: ‚Wir ermorden dich‘, wenn ich kein Kopftuch trage“, erzählt eine Demonstrantin
Wer gegen das Mullah-Regime kämpfen will, muss an diesem Samstag früh aufstehen und Geduld haben. Es ist kurz nach elf Uhr, als sich die Münchner Theresienwiese langsam mit Menschen füllt. Aus allen Richtungen strömen sie auf das Gelände, Hunderte zuerst, dann Tausende. Viele haben eine lange Anreise hinter sich. Auf den umliegenden Straßen stehen Fahrzeuge mit Kennzeichen aus Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich, Dänemark, Polen und Tschechien, an einigen hängen Iran-Flaggen aus den Fenstern. Die meisten tragen an diesem Morgen denselben Dresscode – grün-weiß-rote Iran-Fahnen über ihre Schultern drapiert wie Umhänge, selbst gemalte Anti-Regime-Plakate, Transparente mit „Free Iran“-Aufschriften oder durchgestrichenen Mullahs darauf.
Es gibt Umarmungen, leise Begrüßungen, aufgeregtes Lachen – und immer wieder diesen Blick über die Wiese, als wollten alle sehen, wie viele heute wirklich kommen bei grauem Himmel und Nieselregen. Aus Lautsprechern läuft ein iranisches Lied, erst leise, dann lauter. „Free, free Iran!“, ruft ein junger Mann. Der Ruf wird aufgenommen, verstärkt, zurückgeworfen. „Free, free Iran!“, Immer wieder.
Mitten durch die Menge geht ein Mann mit einem Strauß roter Rosen. Valentinstag. Auf jede Blüte hat er kleine Schilder geklebt: „Free IRAN“ und „#IranMassacre“, drückt sie Frauen in die Hand, Jugendlichen, älteren Demonstranten. Einige lächeln, andere umarmen ihn kurz. Später stecken Rosen auch an Polizeifahrzeugen, zwischen Scheibenwischern und Türgriffen, mehrere Dutzend. Hunderte Polizisten sind im Einsatz. Sie stehen am Rand der Wiese, in kleinen Gruppen, ohne Helm, ohne Wasserwerfer, ohne sichtbare Nervosität. Manche schauen glücklich auf die Blumen an ihren Autos, andere nicken den Demonstrierenden zu.
Gegen 13:30 Uhr wirkt die Wiese nicht mehr wie ein weitläufiges Gelände, sondern wie ein dichter Raum, der sich füllt und füllt. Angemeldet waren 100.000 Menschen, doch diese Marke ist längst überschritten. Die Polizei korrigiert ihre Schätzungen im Laufe des Tages mehrfach nach oben. Am Abend spricht sie von rund 250.000 Teilnehmern – eine Viertelmillion Menschen, eine der größten Kundgebungen der vergangenen Jahre in München.
Von einem erhöhten Punkt aus sieht man nur noch Fahnen, Transparente und Menschen. „Stop the terror regime“ steht auf einem Banner, „Woman, Life, Freedom“ auf einem anderen.
Nahe einem Café fällt eine Frau mittleren Alters auf, die sich von der Menge abhebt, ohne wirklich herauszustechen. Sie trägt eine Mund-Nase-Maske, eine Sonnenbrille, eine Kappe tief ins Gesicht gezogen. In gleichmäßigen Abständen hebt sie ihr Handy, fotografiert Gesichter, zoomt auf Autokennzeichen, senkt das Gerät wieder, geht ein paar Schritte weiter. Ihre Bewegungen wirken routiniert. Sie mischt sich unter die Gruppen, fällt kaum auf. Doch wer genauer hinsieht, merkt, dass sie nicht einfach nur Erinnerungsbilder sammelt. Mehr als eine Stunde bleibt sie in diesem Bereich, dann verschwindet sie zwischen den Fahnen.
Unter dem Vordach des Cafés steht Soraya P., die ihren Nachnamen aus Angst nicht veröffentlicht sehen will. Ihre Familie lebt im Iran. Sie kam vor zehn Jahren nach Deutschland, sagt sie. „Ich musste fliehen.“ Sie war Dozentin an einer großen Universität. Dann wurden die Einschränkungen enger: Kopftuchpflicht, berufliche Hürden, Druck. „Frauen werden im Iran behandelt wie die Pest im Mittelalter“, sagt sie, und ihre Stimme bricht kurz weg. Heute ist sie Lehrerin in Deutschland. „Hier darf ich unterrichten. Im Iran durfte ich das nicht.“ Während sie spricht, laufen hinter ihr Sprechchöre über die Wiese. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, doch sie lächelt, als sie sagt, dass sie trotz allem Hoffnung habe.
Ein paar Meter weiter steht eine junge Studentin. Aus Sicherheitsgründen soll sie hier nur „Semina S.“ heißen. Sie erzählt, dass sie im Iran überwacht worden sei, weil sie sich nicht an die Sittenordnung hielt. „Sie haben mich bespuckt. Sie haben mich angegriffen. Sie haben gesagt: ‚Wir ermorden dich‘, wenn ich kein Kopftuch trage.“ Ihre Stimme ist leise, aber fest. „Ich hab’s geschafft zu fliehen“, sagt sie. „Es gibt Millionen Frauen, die von diesem Leben träumen. Dafür muss die Welt endlich aufwachen.“ Als sie das sagt, kommen ihr die Tränen. Eine Freundin legt ihr den Arm um die Schulter.
„Das hier beeindruckt mich“
Am Rand der Theresienwiese steht eine 65-jährige Münchnerin und schaut sich das Geschehen an. Sie sei zufällig vorbeigekommen, sagt sie. Sie ist Anwohnerin. Mit dem Iran habe sie persönlich nichts zu tun. „Aber das hier beeindruckt mich“, sagt sie und blickt auf die Menschenmenge. Sie habe nicht erwartet, dass so viele kommen würden. „Wie stark die sind, wie geschlossen sie auftreten – das finde ich bemerkenswert.“ Sie sagt, jeden Tag brauche sie so eine Großdemonstration vor ihrer Haustür nicht. „Aber für die eigenen Rechte auf die Straße zu gehen, das ist wichtig. Das gehört zur Freiheit dazu.“
Dass parallel die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) läuft, finde sie passend. „Drinnen reden sie über Weltpolitik, draußen stehen die Menschen, um die es geht.“ Dann wird sie nachdenklich. Sie frage sich, wie sich das anfühlen müsse, hier in Deutschland in Freiheit zu leben, während die eigene Familie im Iran in Angst und Unsicherheit lebt. „Das muss schwer auszuhalten sein.“ In diesem Moment klingelt ihr Telefon. Ihre Tochter. Sie hebt ab, dreht sich ein Stück vom Geschehen weg – und verschwindet wenige Minuten später wieder in Richtung Wohnhaus.
Am Nachmittag wird es vor der Bühne plötzlich lauter. Menschen drehen sich um, Fahnen schnellen nach oben. Reza Pahlavi betritt die Bühne, begleitet von seiner Frau Yasmine. Ein Teil der Menge ruft „Lang lebe der König“, andere bleiben bei „Free Iran“.
Pahlavi hebt eine Hand und beginnt zu sprechen. Seine ersten Worte gelten den Menschen im Iran. „Wisst, dass ihr nicht allein seid“, sagt er. Er spricht von fast einem halben Jahrhundert Unterdrückung, von Freiheitsbewegungen, die niedergeschlagen wurden, von einem Volk, das vereint sei, trotz aller Versuche, es zu spalten. „Nach fast einem halben Jahrhundert Unterdrückung stehen unsere Landsleute heute vereint – aus allen Ethnien, Sprachen, Religionen und politischen Richtungen – in einem nationalen Kampf für die Freiheit zusammen“, sagt er. Er wolle den Übergang zu einer säkularen, demokratischen Zukunft anführen, sagt er, damit die Menschen eines Tages frei über ihr Land bestimmen könnten.
Auf der Münchner Sicherheitskonferenz, wo Pahlavi ebenfalls Gast ist, sind gleichzeitig mehr als 60 Staats- und Regierungschefs sowie rund 100 Außen- und Verteidigungsminister versammelt. Hinter verschlossenen Türen wird über Sicherheitsarchitektur, Abschreckung und das iranische Atomprogramm beraten. Pahlavi spricht von einem globalen Aktionstag, von Solidarität aus Toronto, Los Angeles und anderen Städten. US-Senator Lindsey Graham bekräftigt vor der Menge die Unterstützung für das iranische Volk. Aus Teilen der Demonstrierenden ertönen „USA, USA“-Rufe. Präsident Donald Trump hatte zuletzt erklärt, ein Machtwechsel im Iran sei womöglich „das Beste, was passieren könnte“.
Im Iran selbst sind die Proteste trotz massiver Repression nicht verstummt. In mehreren Städten kommt es immer wieder zu Demonstrationen gegen das Regime, Sicherheitskräfte gehen mit Härte vor. Berichte sprechen von Razzien, Festnahmen und gezielter Einschüchterung von Aktivisten. Das Internet wird regional eingeschränkt, Informationen dringen nur bruchstückhaft nach außen. Offizielle Angaben aus Teheran gibt es nicht. Die in den USA ansässige Human Rights Activists News Agency spricht von mehr als 6.000 bestätigten Toten. Weitere 17.000 gemeldete Todesfälle würden noch überprüft. Andere Quellen nennen deutlich höhere Zahlen. Der in London ansässige Sender Iran International spricht von bis zu 36.500 Toten. Welche Zahl stimmt, ist unklar.
Am späten Nachmittag in Münchnen, es ist gegen 16:00 Uhr, fällt der Regen nun stärker. Vielen läuft das Wasser durchs Gesicht, wie unter der Dusche. Vor der Bühne stehen noch immer Zehntausende. Die Polizei bleibt zurückhaltend, am Ende spricht sie von einer friedlichen Demonstration.
Gegen Abend lösen sich die Reihen langsam auf. Erst gehen einzelne, dann größere Gruppen. Fahnen werden gefaltet, Plakate unter den Arm geklemmt. Einige Rosen liegen noch auf der Wiese. Auf den Straßen wird es eng, die Gehwege sind gefüllt, der Verkehr stockt. Viele sind mit Reisebussen angereist, andere im Kleinbus oder mit dem Fahrrad.
Auf dem Heimweg, im Dunkeln und bei Regen, sind immer wieder Gesänge zu hören. „Free, free Iran“, hallt es zwischen den Häusern. Viele wirken erschöpft. Eine Frau bleibt stehen, hebt ihre Faust und ruft auf Persisch: „Wir sind Iran – und wir werden Iran wieder Iran machen. Freiheit für Iran.“
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