Viele Deutsche vermissen Angela Merkel – und wollen einen Kanzler, der geschmeidig ist wie sie. Diese Nostalgie wirkt wie das Sehnen nach „Wetten, dass..?“. Und führt in die Irre.

Da steht sie. Die Hände ineinander verschränkt, dazu einer ihrer farbigen Blazer, in Türkis, Gelb oder Blau. Sie spricht ein paar Sätze, vieles wirkt beiläufig. Am Ende dieses verschmitzte Grinsen.

Fast jeder ruft diese Bilder sofort ab. 16 Jahre Angela Merkel, das verblasst nicht einfach.

Hach, die gemütliche alte Zeit. Nicht wahr?

Plötzlich scheint alles über Angela Merkel vergessen

Diese Sicht teilen offenbar viele Deutsche. Jedenfalls fordern sie, dass ihre Partei, die CDU, wieder auf den geschmeidigen Merkel-Kurs einschwenkt. Das zeigt eine neue stern-Umfrage. Schon neulich hatte sich in einer Erhebung ein Viertel der Menschen eine Kanzlerin Angela Merkel zurückgewünscht. Und jetzt werben auch noch erste Grüne dafür, Angela Merkel zur neuen Bundespräsidentin zu machen.

Merkel-Mania, das Musical.

Für die Sehnsucht nach der Altkanzlerin gibt es einige nachvollziehbare Gründe. Dazu später mehr. Vor allem aber scheint ein Teil des Landes von einer Nostalgie ergriffen, in der man sich zurückträumt in eine Zeit, in der der westliche Teil der Welt friedlich vor sich hin dämmerte, sich der Wohlstand bei immer angenehmerer Arbeitsbelastung mehrte und die größten Aufreger in den alljährlichen „Wetten, dass.. ?“-Sommershows in der Stierkampfarena auf Mallorca hochkochten.

Schlechte Neuigkeiten: Diese Zeit kehrt nicht zurück. Und niemand holt sie zurück, schon gar nicht Angela Merkel.

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit herrschte quer durch alle politischen Lager bemerkenswerte Einigkeit in einem Punkt: der unterlassenen Steuerungsleistung der Kanzlerin. Robert Habeck urteilte nach dem Ende ihrer Kanzlerschaft, Deutschland sei über Jahre nicht modernisiert worden, Christian Lindner stempelte das Land zum Reformnachzügler, die SPD hatte schon zuvor No-Groko-Kampagnen riskiert und die CDU-Mitglieder hievten daher ausgerechnet Merkels politischen Intimfeind Friedrich Merz an die Parteispitze. Eine andere Partei übernahm sogar einen ihrer Ausdrücke im Namen: als Alternative für Deutschland.

Man kann die CDU deshalb nur davor warnen, erneut dem Merkelismus zu verfallen. Asymmetrische Demobilisierung, Regieren vor allem nach Umfragen und eine Politik, die im Guten wie im Schlechten bloß auf das Machbare zielte, mögen das Land 16 Jahre lang beruhigt haben. Aber die Bürger waren auch müde gemerkelt. Und die Zeiten haben sich sowieso radikal gewandelt.

Mehr als 20 Milliarden Euro fehlen im nächsten Staatshaushalt, mehr als 60 Milliarden im darauffolgenden. Mit ein bisschen höheren Reichen- und Erbschaftssteuern allein, wie manche träumen, lassen sich diese Löcher nicht stopfen. Gefragt ist eine Vision für die postindustrielle Gesellschaft, eine neue Leitidee fürs Land. Es braucht jetzt den Streit, das Ankämpfen gegen Widerstände, denn es steht Grundsätzliches auf dem Spiel: Krieg gegen Frieden, Arm gegen Reich, Alt gegen Jung.

Hat Friedrich Merz wirklich den Mut für Reformen?

Wenn Friedrich Merz das am Ende zusammenführt, wird diese Regierung dem Land ein Reformprogramm verschreiben, das manche Crash-Diät in den Schatten stellt. In der Verteidigungspolitik, in der Pflege und im Sozialen sowie in der Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik sind grundlegende Änderungen nötig. Anstrengungen. Wenn, ja, wenn Friedrich Merz das bewältigt. Derzeit darf man daran zweifeln.

Insofern scheint das Verlangen nach Merkel auch eine Art Verlustanzeige an Friedrich Merz. Selbst in seiner eigenen Partei hört man zuletzt wieder lobende Worte über die Altkanzlerin – sogar von jenen, die ihr politisch stets fernstanden und Merz nah. Es sollte den Parteichef alarmieren. Denn jenseits aller Nostalgie breitet sich Respekt aus: vor Merkels Regierungshandwerk.

Dieses beruhte auf einigen Grundtugenden: Verlässlichkeit, gründliche Vorbereitung und Achtung vor Andersdenkenden. Merz lässt es bisher an allen drei Eigenschaften mangeln. Er tut stattdessen oft das Gegenteil dessen, was er wenige Tage zuvor angekündigt hat. Stichwort: Schuldenpaket. Er lässt Konflikte fahrlässig eskalieren, weil er sie nicht ernst genug nimmt. Stichwort: Rentenstreit. Und ihm fehlt zu oft das Gespür für all jene, die nicht so denken wie er. Fragen Sie mal Ihre Töchter.

Merz ist jetzt 70 Jahre alt. Kaum jemand hielt es für möglich, dass er überhaupt Kanzler wird. Er hat wenig zu verlieren, genau das ist seine Chance. Von Merkel kann Merz dafür manche Technik lernen. Ansonsten sollte sie für ihn kein Vorbild sein. Die Zeiten sind längst andere.

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