„Wir haben dich gewählt und dir gesagt, was wir wollen, bevor dein Arsch ins Weiße Haus gelangte“
Seit exakt zwei Wochen muss Donald Trump mitansehen, wie ihm der Einfluss auf seine Basis entgleitet. „Es ist Zeit, dass sich das Land anderen Themen widmet“, sagte der Präsident, nachdem das Justizministerium Ende Januar die jüngste Tranche Dokumente im Epstein-Fall veröffentlichte.
Das Gegenteil passierte. Nicht nur die breite Öffentlichkeit, sondern vor allem seine treusten Unterstützer beugen sich seitdem über die Akten – und sind zutiefst verärgert. Denn das Justizministerium hat zahlreiche Namen möglicher Mittäter und Mitwisser geschwärzt und macht diese nur zögerlich öffentlich.
Als sinnbildlich für den mangelnden Aufklärungswillen der Regierung verstanden viele den Auftritt von Justizministerin Pam Bondi vergangene Woche vor dem Justizausschuss des Repräsentantenhauses. Unter dem Arm hatte sie einen dicken Aktenordner. Seit ihrem Auftritt vor dem Senat einen Monat zuvor ist dieser als „Burn Book“ bekannt. Ihre Mitarbeiter haben ihn mit Informationen über die befragenden Abgeordneten gefüllt, sodass Bondi in der Anhörung zur effektiven Gegenattacke übergehen kann.
„Möchtegern-Looser-Anwalt“ nannte sie den demokratischen Abgeordneten Jerry Nadler und dem Republikaner Thomas Massie bescheinigte sie das „Trump Derangement Syndrom“. Ihre Strategie bestand darin, Fragen nach Schwärzungen von Namen möglicher Mittäter und Mitwisser von Sexualverbrechen gegen Minderjährige mit Angriffen der Abgeordneten und abrupten Themenwechseln zu begegnen. „Der Dow ist bei 50.000 Punkten, warum spricht niemand darüber“, rief sie den Abgeordneten zu.
Es war dieser Moment, der seit Tagen im Internet viral geht und an der MAGA-Basis für Wutausbrüche sorgt. Vor allem bei rechten Podcastern, bei denen Trump immer große Unterstützung genoss und die erheblichen Einfluss auf junge Männer haben, sorgt das Gebaren der Regierung im Epstein-Fall für Unmut. „Wenn man Namen derjenigen schwärzt, die nicht Opfer sind – was macht ihr? Warum beschützt ihr die Täter“, fragte etwa Joe Rogan.
Der Podcast gehört mit rund elf Millionen Hörern zu den beliebtesten weltweit. Rogan selbst führte vor der Wahl ein vielbeachtetes Interview mit Trump und sprach ihm danach seine Unterstützung aus. „Die Regierung gibt ein schlechtes Bild ab“, so Rogan nun.
Auch Shawn Ryan, der nach einem Interview ebenfalls zur Wahl von Trump aufrief, brach jetzt mit dem Präsidenten. „Ich habe Neuigkeiten für dich“, antwortete er auf die von Trump ausgegebene Devise, sich anderen Themen zuzuwenden. „Wir haben dich gewählt und dir gesagt, was wir wollen, bevor dein Arsch ins Weiße Haus gelangte. Und du lieferst nicht. Das ist erbärmlich.“
Es sind aber nicht nur die großen Mainstream-Podcaster, die Trump scharf kritisieren, sondern auch solche, die ausschließlich im MAGA-Universum Bekanntheit genießen. So bezichtigte beispielsweise der selbsterklärte Komiker Tim Dillon, der sich bislang oft positiv über Trump äußerte, FBI-Direktor Kash Patel der Lüge und äußerte einen brisanten Vorwurf: „Die geschwärzten Namen sind Pädophile, die von der US-Regierung beschützt werden.“
Der Verdacht der Vertuschung ist keine Randerscheinung unter den Trump-Anhängern mehr. So breitete die Verschwörungstheoretikerin Candace Owens, die auf Youtube allein sechs Millionen Follower hat, in ihrer Show aus, wie Pam Bondi zunächst ankündigte, eine „Kundenliste“ von Epstein vorliegen zu haben und versprach, diese Liste bald veröffentlichen zu wollen – was sie aber nie tat. Wie die Republikaner das Gesetz zur Veröffentlichung aller Akten erst verhindern wollten, Trump es nicht stoppen konnte und so zur Unterschrift gezwungen war. Und wie FBI-Direktor Kash Patel vor dem Kongress aussagte, dass er keine Beweise dafür kenne, dass Epstein Minderjährige Dritten zugeführt habe. Die nun veröffentlichten Dokumente legen das Gegenteil nahe.
Besonderen Ärger der Basis zieht auch Trumps Handelsminister Howard Lutnick auf sich. Dieser hatte in einem Podcast im Januar behauptet, den Kontakt zu Epstein 2005 abgebrochen zu haben, nachdem dieser ihm davon berichtet habe, „die richtige Art von Massagen“ zu bekommen. Wenige Wochen später wurde durch die Veröffentlichung neuer Dokumente jedoch klar, dass Lutnick noch 2011 mit Epstein Kontakt hatte und sogar mit seiner Familie auf dessen Insel Urlaub machte.
Nur noch 55 Prozent von Trumps Wählern sind laut einer Umfrage des Senders CNN der Meinung, dass der Präsident im Epstein-Fall gute Arbeit leiste. Zum Vergleich: Bei anderen Themen wie Einwanderung oder der Wirtschaft liegt die Unterstützung der Basis für den eigenen Präsidenten bei mindestens 80 Prozent und höher.
Für Trump sind solche Zahlen ein gewaltiges Problem. Sie sind Ausdruck einer breiten Unzufriedenheit bei den Kern-Unterstützern, die in dem Maße erstmalig ist. Am ganz rechten Rand seiner Basis führt das sogar schon zu Absetzbewegungen.
So sagte etwa der Neo-Nazi Nick Fuentes, der auf der rechten Videoplattform rumble hunderttausende Aufrufe für seine Videos erhält, dass er auf einen Sieg der Demokraten bei den Kongresswahlen im November hoffe, damit sie einen Untersuchungsausschuss ins Leben rufen. „Ihr habt so viel versprochen und so wenig geliefert“, sagte er vergangene Woche an die Republikaner gerichtet. „Ich sage den Leuten, bei den Wahlen zuhause zu bleiben. Wir sollten euch zerstören.“
Ob die MAGA-Basis solchen Aufrufen folgen wird, wird am 19. Mai bereits zu beobachten sein. An dem Tag findet die republikanische Vorwahl im 4. Distrikt des Bundessstaates Kentucky statt. Amtsinhaber ist Thomas Massie, der zum schärfsten parteiinternen Kritiker Trumps geworden ist.
Zusammen mit dem Demokraten Ro Khanna hatte er die Gesetzesinitiative zur Veröffentlichung der Epstein-Akten gestartet und seitdem den Druck auf die Regierung erfolgreich hochgehalten. So musste das Justizministerium etwa Namen von sechs Männern, die ursprünglich geschwärzt waren, offenlegen, nachdem Massie nach Einsicht der ungeschwärzten Akten öffentlich machte, dass es sich bei ihnen nicht um Opfer handele. Inzwischen ist er zum Held all derjenigen geworden, die eine vollständige Veröffentlichung der Akten wollen. Bei der Vorwahl wird er von Ed Gallrein herausgefordert. Der Farmer und ehemaliger Elite-Soldat hat dafür die volle Unterstützung Trumps.
Gregor Schwung berichtet als außenpolitischer Korrespondent über transatlantische Beziehungen, internationale Entwicklungen und geopolitische Umbrüche mit einem besonderen Schwerpunkt auf die Ukraine und die USA.
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