So viele Ukrainerinnen hängen hierzulande im Sozialbezug fest
Die Hälfte der zu Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine nach Deutschland eingereisten ukrainischen Flüchtlinge hat dreieinhalb Jahre nach ihrem Zuzug einen Job gefunden. Das zeigt eine neue Studie der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit.
Zum Vergleich: Die 2015 eingereisten Migranten und Flüchtlinge — darunter viele Menschen etwa aus Syrien und Afghanistan – erreichten eine Quote von 50 Prozent erst rund sechs Jahre nach ihrer Ankunft. Damit integrieren sich die Ukrainerinnen und Ukrainer deutlich schneller in den Arbeitsmarkt als frühere Gruppen von Zuwanderern.
Unerwartet kommt das nicht: Ukrainer erhielten schneller Zugang zu Sprachkursen, durchliefen kein Asylverfahren und konnten rascher arbeiten. Sie profitierten auch von verschiedenen Förderprogrammen der damaligen Ampel-Regierung, waren in die Förderstrukturen der Jobcenter eingebunden und Nutznießer des Bürgergeld-Systems.
Wahr ist auch: Die Beschäftigungsquote von Ukrainern – 50 Prozent – liegt weiterhin deutlich niedriger als die der Gesamtbevölkerung, die im vergangenen Juni für Beschäftige im erwerbsfähigen Alter 68 Prozent betrug. Das liegt auch an den Besonderheiten der ukrainischen Zuwanderung und einigen Hürden, die der deutsche Staat aufstellt.
„Das Bild, das unserer Studie zeigt, ist ambivalent“, fasste Mitautorin Yuliya Kosyakova die Ergebnisse zusammen. Sie ist Leiterin des Forschungsbereichs Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) und Professorin für Migrationsforschung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Diese Ambivalenz zeigt sich in vielen Bereichen – etwa bei der Beschäftigungsquote, der Art der Jobs und dem Leistungsbezug.
In Deutschland leben heute etwas mehr als eine Million Ukrainer, die im Kontext des Krieges in ihrer Heimat seit dem 24. Februar 2022 nach Deutschland eingereist sind und denen auf Basis der sogenannten Massenzustrom-Richtlinie der EU vorübergehender Schutz gewährt wurde. Die Wissenschaftler des IAB nahmen in ihrer Untersuchung besonders weibliche ukrainische Flüchtlinge in den Fokus. Viele von ihnen kamen mit kleinen Kindern nach Deutschland, Männer im wehrfähigen Alter blieben großteils im Land zurück.
Das hat große Auswirkungen auf die Statistik: Denn die Beschäftigungsquoten ukrainischer Flüchtlinge unterscheiden sich laut Studie deutlich nach Geschlecht und vergrößern sich je nach Aufenthaltsdauer. Erst nach 31 Monaten verringert sich der Abstand zwischen Männern und Frauen wieder. „Die Aufnahme des ersten Jobs verläuft bei ukrainischen Frauen langsamer, weil es auch an Kinderbetreuung fehlt. Wer keinen Hortplatz für sein Kind bekommt, der schafft es schwer in den Arbeitsmarkt“, sagt Migrationsforscherin Yuliya Kosyakova.
Entsprechend waren im September 2025 lediglich 21 Prozent der Ukrainerinnen mit Kleinkindern unter drei Jahren und ohne Partner abhängig beschäftigt. Das sei aber bei Weitem nicht der einzige Grund für die Unterschiede, so die Forscherin.
Auch der Einstieg in den Gesundheits- und Bildungssektor – Bereiche, in denen ukrainische Geflüchtete oft ausgebildet sind – sei in Deutschland sehr stark reglementiert und erfordere höhere Sprachkenntnisse. „Das erschwert vielen ukrainischen Frauen den Einstieg“, sagt Kosyakova.
Ein weiterer Faktor: Viele der Frauen kämpfen mit traumatischen Erfahrungen im Krieg. „Sie leiden an der hohen psychischen Belastung und gesundheitlichen Problemen“, sagte Yuliya Erner, Leiterin des Förderprogramms „Fast-Track für ein Leben in Deutschland“ der Deutschlandstiftung Integration. Sie betreut junge Ukrainer, die wegen des Krieges nach Deutschland kamen.
Der Gendergap bei der Beschäftigung zeigt sich nicht nur bei ukrainischen Kriegsflüchtlingen, sondern grundsätzlich zwischen weiblichen und männlichen Asylbewerbern. Dafür ist unerheblich, ob sie aus Syrien, Afghanistan oder anderen Ländern stammen und wie lange sie sich schon im Land aufhalten. Laut neuesten IAB-Daten arbeiteten 2024 neun Jahre nach Zuzug 76 Prozent der männlichen Schutzsuchenden im erwerbsfähigen Alter – aber nur 35 Prozent der Frauen.
Auch im internationalen Vergleich zeigt sich, wie gravierend der Abstand der Geschlechter zueinander hierzulande ist: Im EU-Durchschnitt arbeiteten 2021 41 Prozent der Frauen, die irgendwann zuvor als Flüchtlinge eingereist waren – in Ländern wie Spanien, Frankreich oder Dänemark sogar mehr als die Hälfte, wie Daten der OECD zeigen. In Deutschland dagegen waren es nur 32 Prozent.
Viele stocken trotz Erwerbstätigkeit auf
Schaffen Ukrainer dann den Einstieg in den Arbeitsmarkt, ergibt sich ein gemischtes Bild: Nach knapp drei Jahren erreichten Vollzeitbeschäftigte rund 72 Prozent des Bruttomedianlohns aller Angestellten in Vollzeit. Dennoch verbleibt ein großer Teil im unteren Einkommenssegment.
Im dritten Jahr nach dem Zuzug übten zwar knapp die Hälfte der ukrainischen Frauen und Männer Berufe in „systemrelevanten Bereichen“ auf, etwa zur Aufrechterhaltung zentraler Infrastrukturen. Gleichzeitig arbeitete aber weiterhin auch ein hoher Anteil im Niedriglohnbereich und verrichtete Hilfstätigkeiten. Dies gilt insbesondere für ukrainische Frauen (38 Prozent), die etwa als Reinigungskräfte, im Handel oder Gesundheitsbereich tätig waren.
Trotz steigender Erwerbstätigkeit bleibt der Leistungsbezug vieler laut Studie weiter hoch – auch, weil viele ukrainische Frauen nur in Teilzeit beschäftigt sind. 41 Prozent der Beschäftigten sichern ihren Lebensunterhalt laut IAB-Studie nur mit ergänzenden Leistungen. Bei der Statistik wird erhoben, wer in einem gemeinsamen Haushalt lebt. Das Gesamtbild: 67 Prozent der ukrainischen Frauen und 61 Prozent der Männer leben in Familienkonstellationen mit Bürgergeld-Bezug oder Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung. Familien mit Kindern stocken besonders häufig auf.
In den ersten Monaten und Jahren nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs kamen wie beschrieben vor allem Frauen, oft mit kleinen Kindern. Das hat sich geändert. Die Ukraine hatte Ende August 2025 die Ausreiseregeln für Männer zwischen 18 und 22 Jahren gelockert. Seitdem hat sich die Zahl der Schutzgesuche aus dieser Gruppe in Deutschland deutlich erhöht.
„In den letzten Monaten kamen verstärkt junge ukrainische Männer ohne Kinder nach Deutschland. Für diese Gruppe geht auf dem Arbeitsmarkt vieles schneller, auch weil sie keine Kinderbetreuung leisten müssen“, sagte Yuliya Kosyakova. Sie nehmen auch häufiger Jobs etwa im Baugewerbe auf, für die es weniger hohe Hürden durch Spracherwerb und Zulassungen gebe.
Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag miteinander vereinbart, dass Flüchtlinge aus der Ukraine, die nach dem 31. März 2025 nach Deutschland kamen, kein Bürgergeld mehr erhalten, sondern in das Asylbewerberleistungsgesetz fallen sollen. Kritiker befürchten einen hohen Verwaltungsaufwand – und negative Auswirkungen auf die zukünftige Arbeitsmarktintegration von Ukrainern, die bisher engmaschig vom Jobcenter betreut wurden. Das Kabinett hat den Gesetzesentwurf zum Rechtskreiswechsel im vergangenen Jahr verabschiedet. Demnächst soll der Bundestag dazu entscheiden.
Korrespondent Philipp Woldin kümmert sich bei WELT vor allem um Themen der inneren Sicherheit sowie Migration und berichtet über das Bundesinnenministerium.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke