Am 6. Juli 2019 nahmen Bundesbeamte Jeffrey Epstein an Bord seines Privatjets fest, der gerade aus Paris kommend in New Jersey gelandet war. Zur gleichen Zeit durchsuchte ein anderes Team von FBI-Agenten seine Villa in Manhattan. Sie fotografierten alles: vom ausgestopften Tiger bis zu Fotos, die Epstein mit Donald Trump, Papst Johannes Paul II. und dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman zeigten und die auf seinen Schreibtischen verstreut lagen.

Die Beamten beschlagnahmten mehr als 70 Computer, iPads und Festplatten sowie Kartons mit geschreddertem Papier und Finanzunterlagen. Sie sägten einen Metallsafe auf, fanden noch mehr Festplatten, dazu einen Ordner mit CDs, 48 lose Diamanten und einen saudischen Pass mit seinem Foto. Sechs Wochen später, nachdem Epstein sich in der Haft das Leben genommen hatte, während er wegen Vorwürfen des Menschenhandels auf seinen Prozess wartete, durchsuchten Beamte sein Anwesen auf den Amerikanischen Jungferninseln.

Vor rund einer Woche stellte das US-Justizministerium einen großen Teil dieses Materials ins Internet. Die Öffentlichkeit wusste bereits, dass zahlreiche mächtige Personen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Zeit mit Epstein verbracht hatten – sogar nachdem er sich 2008 als Sexualstraftäter registrieren lassen musste. Doch die neuen Akten zeigen ein weit größeres Ausmaß als bislang bekannt.

Dass da mehr war, konnte man schon früher erahnen. Einen Einblick in die Epstein-Akten bekam man im Strafprozess gegen Ghislaine Maxwell, den der Autor dieses Textes 2021 für das Wirtschaftsmagazin „Business Insider“, das wie WELT zum Axel-Springer-Verlag gehört, vor dem Bundesgericht in Manhattan begleitete. Opfer sagten aus, Epstein und Maxwell hätten mit den Namen Donald Trump, Bill Clinton und Prinz Andrew geprahlt – und ihnen vorgeführt, wie viele Freunde Epstein in den höchsten Kreisen hatte.

Die dunklen Momente der Opfer

Es war ein zermürbender Prozess gewesen, voller grausamer Aussagen von Frauen, die die dunkelsten Momente ihres Lebens schilderten. Nachdem die Jury Maxwell schuldig gesprochen hatte, Mädchen an Epstein zum Sexhandel vermittelt zu haben, fragten sich die Reporter im Saal: War das wirklich alles?

Es blieben viele Fragen. Wie genau wurde Epstein so reich? Hatte das etwas mit gemunkelten Verbindungen zur CIA oder zum Mossad zu tun? Hat Epstein tatsächlich Mädchen an einige seiner mächtigen Freunde „vermittelt“, wie einige Opfer behaupteten? Hat er sich wirklich im Gefängnis das Leben genommen – oder wurde er ermordet, um einen Elite-Pädophilenring zu vertuschen?

Zivilklagen brachten neue Enthüllungen. Eine Richterin in New York entsiegelte Dokumente aus einem bereits länger laufenden Verfahren, das Epsteins lautstärkstes Opfer, Virginia Giuffre, gegen Ghislaine Maxwell angestrengt hatte. Opfergruppen verklagten große Banken und warfen ihnen vor, Warnzeichen in Epsteins Finanzen ignoriert zu haben (die Deutsche Bank und J.P. Morgan einigten sich jeweils in Sammelklagen mit Opfern auf Vergleiche).

Ein Bericht des Justizministeriums kritisierte Alexander Acosta, den Staatsanwalt, der Epstein 2007 einen Deal mit milder Strafe – 18 Monate Haft – ermöglicht hatte. „Schlechtes Urteilsvermögen“, hieß es in dem Papier. Seit der neuesten Veröffentlichung ist klar: Es gab eine belastbare Anklageschrift, die die Staatsanwälte ursprünglich ausgearbeitet hatten – mit 19 Opfern. Epstein hätte lebenslang hinter Gittern landen können. Wie konnte es zu einer solch milden Strafe kommen?

Kontakte zu Trump

Im Präsidentschaftswahlkampf 2024 wurden die Spekulationen über Epstein unter Teilen von Trumps politischer Basis fieberhaft diskutiert – von Menschen, die seit Jahren auch in andere Verschwörungstheorien, einschließlich QAnon, eingetaucht waren. Podcaster und Journalisten setzten Trump unter Druck, zu versprechen, das riesige Konvolut an Epstein-Akten des Justizministeriums zu veröffentlichen.

Für Trump war das Thema potenziell heikel. Epstein war mit prominenten Demokraten verbandelt, darunter Clinton, dem früheren Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson, und dem Diplomaten Bill Burns. Doch Trump und Epstein waren in den 1980er- und 1990er-Jahren befreundet gewesen; beide bewegten sich gemeinsam in den Gesellschaftskreisen von Manhattan und Palm Beach.

Epstein knüpfte zudem in den Monaten vor seiner Festnahme wegen Vorwürfen des Sexhandels enge Verbindungen zu Steve Bannon, Trumps ehemaligem Berater im Weißen Haus.

Kurz nachdem Trump die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte, drängte Giuffre ihn, die Akten zu veröffentlichen. Sie war noch ein Teenager, als Maxwell sie in Mar-a-Lago anwarb, wo sie arbeitete, und sie zu Epstein brachte, damit er Sex mit ihr hatte.

Die Aufgabe, die Epstein-Dokumente freizugeben, fiel US-Justizministerin Pamela Bondi zu. Monatelang machte sie Versprechungen, lieferte aber keine substanziellen neuen Informationen. Dann erklärten Justizministerium und FBI im Juli abrupt, sie würden doch keine weiteren Epstein-Akten veröffentlichen. Trump lobte Bondi, nannte die Epstein-Akten einen „Schwindel“, und forderte seine Unterstützer auf, „keine Zeit und Energie an Jeffrey Epstein zu verschwenden, jemanden, um den sich niemand schert“.

Todd Blanche, die Nummer 2 im Justizministerium und Trumps früherer persönlicher Anwalt, reiste nach Florida, um Ghislaine Maxwell zu interviewen, die eine 20-jährige Haftstrafe verbüßt – aus Gründen, die unklar bleiben. Anschließend wurde sie in ein besseres Gefängnis in Texas verlegt – ebenfalls aus Gründen, die unklar bleiben.

Das verwirrende Vorgehen Trumps und seines Justizministeriums im Fall Epstein lenkte neue Aufmerksamkeit auf die Geschichte. „Business Insider“ sprach mit vier Personen, die Zugang zu den Akten des Justizministeriums hatten, und sagten, es gebe keine Spur von Geheimdienstmaterial.

Die Entscheidung des Justizministeriums, Giuffres Suizid im April 2025, die rätselhafte Behandlung von Epsteins Komplizin Maxwell durch das Justizministerium, neue Recherchen zu Epstein und Trumps Widerstand gegen die Offenlegung der Staatsgeheimnisse über Epstein schufen zusammen den perfekten Sturm. Unter diesem Druck reagierte schließlich der Kongress.

Im August ließ der Kontrollausschuss des Repräsentantenhauses dem Justizministerium Vorladungen zukommen, um Epstein-bezogene Unterlagen zu erhalten. Und er lud Epsteins Erben, ehemalige Justizbeamte, Ex-Präsident Bill Clinton und Mitarbeiter von Banken vor, bei denen Epstein Konten hatte.

Trumps Glückwünsche an Epstein – echt oder gefälscht?

Republikaner und Demokraten im Ausschuss veröffentlichten Tranchen verschiedener „Epstein-Akten“, von denen die meisten aus seinem Nachlass stammten. Veröffentlicht wurde auch eine Kopie des „Geburtstagsbuchs“, das zu seinem 50. Geburtstag vorbereitet worden war.

In diesem Buch befand sich auch ein von Trump unterschriebener Geburtstagsgruß, in dem er Epstein einen „Kumpel“ nennt, und mit der Zeichnung eines weiblichen Torsos. Trump verklagt das „Wall Street Journal“ wegen eines Berichts, den das Blatt zuvor über die Glückwünsche und die Zeichnung veröffentlicht hatte; seine Anwälte beharren darauf, es handele sich um eine Fälschung.

Die gewichtigsten Enthüllungen stammten aus Zehntausenden E-Mails, Textnachrichten und anderen Dateien aus Epsteins Nachlass. Einige dieser E-Mails enthielten kryptische Anspielungen auf Trump. In einer E-Mail an Maxwell nannte Epstein Trump „den Hund, der nicht gebellt hat“. In einer anderen sagte Epstein dem Autor Michael Wolff, Trump habe „von den Mädchen gewusst“.

Larry Summers, der frühere Finanzminister und Harvard-Präsident, wurde aus verschiedenen Positionen entfernt oder trat zurück, nachdem bekannt wurde, dass er den Rat des Pädophilen gesucht hatte, um eine außereheliche Affäre zu beginnen.

Prinz Andrew blieb lange nach dem Zeitpunkt, an dem er behauptet hatte, den Kontakt abgebrochen zu haben, mit dem Pädophilen in Verbindung. Der Kontrollausschuss veröffentlichte außerdem zahlreiche Fotos, die Epstein mit Branson, Steve Bannon, Noam Chomsky, Woody Allen und anderen mächtigen und einflussreichen Menschen zeigen.

Öffentlicher Druck – auch von Epsteins Opfern, die mehr Transparenz von der Regierung verlangten – führte zu breiter Unterstützung für den Epstein Files Transparency Act. Das Gesetz verpflichtete das Justizministerium, das zu tun, was es ursprünglich versprochen hatte: alle Epstein-Akten zu veröffentlichen.

Es erlaubte nur minimale Schwärzungen, um die Privatsphäre der Opfer zu schützen, und setzte eine Frist von 30 Tagen. Im November vergangenen Jahres verabschiedeten beide Kammern des Kongresses das Gesetz. Trump – der sah, wohin die Reise ging – unterzeichnete es.

Über Trump gab es sehr wenig

Als am 19. Dezember die Frist ablief, veröffentlichte das Justizministerium mehrere Hunderttausend Dokumente. Es gab viele Fotos von Bill Clinton, darunter eines, das ihn mit Maxwell in einem Pool zeigt, sowie weitere Fotos von Epsteins Haus und seinen Freunden. E-Mails zwischen Staatsanwälten gaben Einblick, wie sie die Fälle gegen Epstein und Maxwell aufbauten, auch wenn vieles geschwärzt war. Über Trump gab es sehr wenig.

Einige Tage später erklärte das Justizministerium in Gerichtsunterlagen, es müsse noch mehrere Millionen Epstein-bezogene Dokumente prüfen. Da hatte es die 30-Tage-Frist bereits gerissen. Am 30. Januar kündigte Blanche an, das Justizministerium werde sein Versprechen halten und den Rest der Epstein-Akten veröffentlichen, den es veröffentlichen könne – Millionen weiterer Seiten.

Doch auch das ist noch nicht alles. Blanche sagte, das Ministerium werde weitere 200.000 Dokumente zurückhalten – obwohl das Gesetz das nicht zulässt.

Und dann sind da noch die Schwärzungen in den Akten. Sie sind inkonsistent und rätselhaft. Namen von Opfern wurden offengelegt, obwohl sie geheim bleiben sollten. Auf einem Foto ist Melania Trumps Gesicht geschwärzt, obwohl das Bild – sie, Epstein, Maxwell und der Präsident – seit Jahren weithin verbreitet ist.

Es gibt weitere merkwürdige Auslassungen. Die Epstein-Akten enthalten erstaunlich wenige Finanzunterlagen. Ein Interview mit Kristin Roman, der Rechtsmedizinerin, die die Autopsie an Epsteins Leiche durchgeführt hat, fehlt. Es gibt nur ein unvollständiges Protokoll darüber, wie Staatsanwälte entschieden, gegen welche seiner Bekannten sie strafrechtlich vorgehen wollten.

Und so fragt sich die Öffentlichkeit abermals: War das wirklich alles?

Jacob Shamsian ist Gerichtsreporter bei „Business Insider“ in New York City. Seit 2020 recherchiert er zum Fall Epstein.

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