Ghislaine Maxwells deutscher Presseausweis – „Wir gehen von einer Fälschung aus“
Ghislaine Maxwell, 64, ist eine zentrale Figur des weltweiten Verschwörungsnetzwerks des Jeffrey Epstein. Sie selbst bezeichnete sich als „Lebensmanagerin“ Epsteins. Da dieser im August 2019 in einem Gefängnis in New York ums Leben kam – vermutlich durch Suizid –, dürfte niemand mehr über Epsteins Verbrechen wissen als sie.
In Scans, die das US-Justizministerium zur Causa Epstein veröffentlicht hat, ist ein internationaler Presseausweis abgebildet. Ausgestellt wurde er scheinbar von der Gewerkschaft Deutsche Journalisten-Union (DJU) unter dem Dach der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Zuerst hatte der „Spiegel“ berichtet.
Auf WELT-Anfrage teilt ein Ver.di-Sprecher mit: Bei dem Scan der International Press Card (IPC) „handelt es sich nach unseren internen Ermittlungen sicher um eine Fälschung. Der in den Datensammlungen des US-Justizministeriums zu recherchierende Scan einer IPC auf den Namen Ghislaine Maxwell mit dem Gültigkeitsdatum bis zum 15.09.2017 ist nicht von der DJU in Ver.di im Jahr 2015 ausgestellt worden.“ Für diese Zeit ist keinerlei Engagement von Ghislaine Maxwell für Presse-Medien bekannt – weder redaktionell noch geschäftlich.
Der Sprecher erklärt weiter, die auf der IPC erkennbare Dokumentennummer GE52411 passe „nicht zu den in dem Jahr durch uns ausgestellten IPC, die für 2015 gelisteten laufenden Nummern weichen um mehrere Tausend von der PDF-Kopie ab. Wir gehen deshalb von einer Fälschung der IPC aus. Wir behalten uns wie in solchen Fällen üblich rechtliche Schritte vor.“
Tochter eines Medienmoguls
Maxwell ist eine Tochter des Medienunternehmers Robert Maxwell, sie ist das jüngste von insgesamt neun Kindern. Robert Maxwell besaß zu seinen Lebzeiten ein weltumspannendes Medienimperium. Sein Flaggschiff war der britische „Daily Mirror“. Nach eigenen Angaben war Ghislaine Maxwell immer wieder geschäftlich auch für ihren Vater tätig.
Kurz nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm Robert Maxwell gemeinsam mit der Bertelsmann-Tochter Gruner und Jahr den Berliner Verlag, in dem die „Berliner Zeitung“ und der „Berliner Kurier“ erscheinen. Ob Ghislaine Maxwell dort eine Rolle spielte, ist fraglich. Belege für eine Tätigkeit beim Berliner Verlag oder im Rahmen der Übernahme finden sich nicht. Mit dem Tod ihres Vaters 1992 endete das Maxwell-Engagement in Berlin. Dessen Anteile übernahm Gruner und Jahr komplett.
Ghislaine Maxwell arbeitete offenbar für ein anderes Presseobjekt ihres Vaters, nämlich dessen Neugründung „The European“. Er gründete diese Wochenzeitung 1990. Seine Tochter soll von London aus beim Start geholfen haben, allerdings nicht in der Redaktion, sondern geschäftlich. Im selben Jahr wechselte sie nach New York, auch für Geschäfte ihres Vaters. Sie sollte seinen Plan unterstützen, die „New York Daily News“ zu übernehmen.
Ghislaine Maxwell selbst sagte in einer Vernehmung durch US-Staatsanwälte und Bundesermittler im vergangenen Jahr, sie sei ab 1990 geschäftlich für ihren Vater nach New York gekommen, erinnere sich aber nicht mehr an Details. Sie habe sich damals gerade von ihrem Freund getrennt. Eine Freundin habe ihr gesagt: „Ich kenne einen Typen, den du treffen solltest.“ Der suche eine Frau. „Du wirst ihn lieben.“ Bei dem Mann habe es sich um Jeffrey Epstein gehandelt.
Die Verkupplung funktionierte – und mehr als das: Schon einige Monate später stand Ghislaine Maxwell auf der Gehaltsliste Epsteins und begann damit, ihm junge Frauen und Mädchen zuzuführen; zu Epsteins Opfern gehören auch minderjährige Mädchen. Zeuginnen sagten in ihrem Prozess aus, Maxwell habe Treffen arrangiert, sexuelle Übergriffe in Gesprächen mit ihnen zu normalisieren versucht und sei bisweilen selbst dabei gewesen.
Die Ermittler sind inzwischen davon überzeugt, dass Epstein ohne Maxwell sein weltweites kriminelles Netzwerk reicher und mächtiger Leute möglicherweise nicht hätte knüpfen können. Sie hat das in ihren Aussagen teils selbst nahegelegt. In derselben Vernehmung sagte sie etwa über den früheren US-Präsidenten Bill Clinton: Diesen habe Epstein überhaupt erst dank ihr kennengelernt. „Nein, die hatten sich niemals getroffen“, erklärte sie. Und: „Präsident Clinton war mein Freund, nicht Epsteins Freund.“
Maxwell wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt und sitzt die Strafe seit 2022 ab.
Christoph Lemmer berichtet für WELT als freier Mitarbeiter vor allem über die Politik und Gerichtsprozesse in Bayern.
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