Isabell Rathgeb hat das passende Gemüt, um den Unmut aufzufangen. Die CDU-Landtagskandidatin kommt freudestrahlend und schwungvoll in die „Gaststätte zum Stadion“ des TSV Crailsheim. Die 45-Jährige hat Erstwähler zum Format „Pommes und Politik“ eingeladen. Es sind 13 gekommen, darunter einige, die schon gewählt haben und bei der Jungen Union sind.

Wahlkämpfe sind mühsam, kleinteilig, oft unspektakulär. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März entscheidet sich nicht allein durch Schlagzeilen und Veranstaltungen mit Spitzenkandidaten, sondern auch durch Begegnungen in der Provinz. Davon hat der Südwesten reichlich.

Rathgeb, dreifache Mutter und Unternehmerin, tritt im Wahlkreis Schwäbisch Hall an, und in der Gaststätte passiert am Mittwochabend etwas, was sie öfter erlebt: Sie wird zum Blitzableiter und muss Aufbauarbeit leisten, wegen Berlin.

Leon Linhardt, Kreisvorsitzender der Jungen Union Schwäbisch Hall, will zur Begrüßung einiges loswerden. Bei der Bundesregierung mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) sieht der 22-Jährige nur „Stillstand, Streit und Symbolpolitik“, „Reformen: Fehlanzeige, Wachstum: Fehlanzeige“. Man versuche „eine Koalition zusammenzuhalten, die politisch längst am Ende ist“.

Er habe für Merz „gekämpft“, sagt Linhardt. „Ich hatte damals eine Riesenhoffnung in ihn, dass er etwas bewegt.“ Doch er sei „zutiefst enttäuscht von ihm und sogar erschüttert“. Linhardt wendet seine Klage noch ins Positive und lobt dafür umso mehr CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel, der Ministerpräsident werden will: „Er gibt keine Versprechungen, die an der Realität scheitern.“

Kandidatin Rathgeb betont, man sei sich einig, dass einiges zügiger gehen müsse. Friedrich Merz sei an der richtigen Stelle, könne aber keine Wunder vollbringen. Sie wirkt grundoptimistisch und sagt zwischendurch, sie würde gern „den Fokus aufs Positive konzentrieren“. Rathgeb sieht, dass die Bundesregierung einiges erreicht habe: „Es macht schon einen Unterschied, wer regiert.“

Das ist das Stichwort für die CDU-Bundestagsabgeordnete Ronja Kemmer aus Ulm, die mitgekommen ist. Die 36-Jährige verweist auf die gesenkten Asylbewerberzahlen, die Entlastung bei den Energiepreisen, aber das reiche natürlich noch nicht. Am umstrittenen Vorstoß aus dem CDU-Wirtschaftsflügel, die „Lifestyle-Teilzeit“ einzuschränken, beklagt sie die „super bescheuerte Überschrift“, die einen falschen Eindruck vermittele. Man sei ja nicht prinzipiell gegen Teilzeit. Kemmer sagt, dass in diesem Jahr noch einige schmerzvolle Entscheidungen anstünden.

Eigentlich ist die Ausgangslage für die Christdemokraten im Südwesten günstig: Sie liegen mit aktuell etwa 29 Prozent in Umfragen konstant vorn. Die Dominanz der Grünen, deren populärer Ministerpräsident Winfried Kretschmann aufhört, scheint gebrochen. Doch zuletzt haben die Grünen wieder aufgeholt und liegen bei 23 Prozent. Dahinter steht mit 20 Prozent die AfD, die im Ländle vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet wird.

„Die Umfragen sind gut, aber Umfragen sind Umfragen“, sagt CDU-Politikerin Kemmer mahnend am Mittwochabend in Crailsheim. Man dürfe nicht davon ausgehen, dass „es die nächsten fünf Wochen einfach so durchläuft, sondern wir müssen wirklich hart kämpfen“.

CDU-Frontmann Hagel hat die AfD zum politischen Hauptgegner erklärt. AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier wiederum will vor allem enttäuschte CDU-Wähler locken. Diese beidseitige Fokussierung lässt sich erklären: Bei vergangenen Wahlen gab es bundesweit starke Abwanderungen von der CDU zur AfD. In Schwäbisch Hall, einer alten CDU-Hochburg, lagen die Christdemokraten bei der Bundestagswahl 2025 vorn, allerdings verdoppelte sich die AfD und rückte auf Platz 2 vor. In einzelnen Kommunen, etwa in Crailsheim, erreichte die AfD 29 Prozent, fast gleichauf mit der CDU, in einigen Stimmbezirken lag sie sogar vorn.

In Schwäbisch Hall kommt noch ein Sondereffekt hinzu: Bei den vergangenen Landtagswahl 2021 wurden eine Grünen-Kandidatin direkt gewählt. Damals sind viele enttäuschte CDU-Wähler zu den grünen abgewandert. Nun gibt es allenthalben viel Frust über die Grünen. Doch es in unklar, ob die CDU ihre früheren Wähler zurückgewinnt, oder ob diese zur AfD gehen. Deshalb gilt AfD-Direktkandidat Udo Stein als gefährlichster Konkurrent von Rathgeb.

„CDU selbst dafür verantwortlich, dass es AfD gibt“

Ähnlich ist es in der alten CDU-Domäne Heilbronn, wo zuletzt ebenfalls eine Grünen-Kandidatin gewonnen hat. Dort kandidiert Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) und hofft auf den günstigen Landestrend. Allerdings erlebt auch hier die AfD einen Aufstieg.

Maximilian Decker steht Donnerstagvormittag am AfD-Infostand an der Kilianskirche in Heilbronn. Der 38-jährige Oberbrandmeister bei der Bundeswehr ist Landtagskandidat. Er habe früher CDU gewählt, auch „Mama Merkel“, wie er die Ex-Bundeskanzlerin bezeichnet. 2023 trat er bei der AfD ein.

„Die CDU hat ihre Werte verraten“, sagt der vierfache Familienvater. Sie breche ihr Wort und ihre Versprechen. Das sehr man gerade wieder im Bund. „Die CDU ist selbst dafür verantwortlich, dass es die AfD gibt“, sagt Decker. Er trägt Mütze und Handschuhe gegen die Kälte.

Es kämen viele enttäuschte CDU-Wähler. An diesem Vormittag bleiben immer wieder Passanten stehen, nehmen blaue Lutscher, Gummibärchen, Schlüsselanhänger mit, loben die politische Arbeit. Eine 61-Jährige sagt, dass sie und ihr Mann die AfD wählten, weil es hier inzwischen zu viele „Gäste“ gebe, womit Asylbewerber und Flüchtlinge gemeint sind. Eine andere Mutter mit Kind beklagt, dass die anderen Parteien an der zunehmenden Altersarmut schuld seien. Decker erzählt, er werde vor allem auf die Migrationspolitik angesprochen, „weil die Menschen mehr Abschiebungen wollen“.

Oft kämen auch Beschimpfungen und Beleidigungen im Vorbeigehen. Decker ist ein ruhiger, freundlicher Mann, aber wenn es zu arg wird, schreitet er ein. Dann, so Decker, halte er die Personen auf, bis die Polizei komme, um die Personalien aufzunehmen. Das sei bei einer Straftat jedem Bürger laut Paragraf 127Strafprozessordnung erlaubt. „Ich bin gegen jede Form von Extremismus, egal ob von links oder rechts“, sagt Decker. Er sei bin in vielen Bereichen „vielleicht unkonventionell, aber ich bin kein Nazi und lasse mich auch nicht so bezeichnen“.

Am Donnerstagmittag gibt es wieder einen Vorfall, den die Polizei Heilbronn auf WELT-Anfrage bestätigt. Es wer noch geprüft, ob ein strafbares Verhalten der betroffenen Personen vorliege, heißt es.

Decker erzählt das Erlebte in einem Tiktok-Video: Ein Lehrer sei mit vielen Schülern vorbeigekommen und habe auf einer Ukulele gespielt. Der Lehrer habe auch gerufen, sei schlau, wähl‘ nicht die AfD. Er sei ihm hinterher und habe ihn gestellt, bis zum Eintreffen der Polizei. „Jetzt hat er eine Anzeige“, sagt Decker – wegen Verstoßes gegen die Neutralitätspflicht im Schuldienst.

Kristian Frigelj berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

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