Das norwegische Königshaus liegt in Trümmern
Am vergangenen Sonntagabend war es wieder so weit: Marius Borg Høiby, 29, bekam Besuch von der Polizei in Oslo. Nachbarn alarmierten die Beamten, als sie Lärm aus der Wohnung hörten, der sich gefährlich anhörte.
Nur zwei Tage vor seinem Prozess wirft die Polizei dem Sohn der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit nun drei weitere Taten vor: Körperverletzung, Bedrohung mit einem Messer und den Bruch eines Kontaktverbots. Am Montagnachmittag entschied ein Richter, dass der 29-Jährige für vier Wochen in Untersuchungshaft bleiben muss. Zu seinem anstehenden Strafverfahren wird er aus dem Gefängnis vorgeführt werden.
Mitten hinein in dieses Spektakel um den berühmten Sohn der Kronprinzessin platzte nun, ebenfalls am Wochenende, der Mailwechsel zwischen Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit und dem Pädophilen Jeffrey Epstein, einem Investmentbanker und 2008 verurteilten Sexualstraftäter aus New York.
Das US-Justizministerium gab Millionen von weiteren Dokumenten zu dessen Fall und Netzwerk frei. Die Liste der Leute, die sich zu den Freunden und Bekannten des Sexring-Gründers zählen durften, wuchs rapide an. Darunter auch: Die norwegische Kronprinzessin, die schlechte Nachrichten derzeit wenig gebrauchen; sie leidet an einer Lungenfibrose und wird mittelfristig eine Lungentransplantation benötigen. Und nun weiß die ganze Welt: Mette-Marit tauschte von 2011 bis 2014 E-Mails aus, die Schatten auf die vermeintliche norwegische Lichtgestalt werfen.
Zum einen irritiert der Zeitpunkt der Kontaktaufnahme, denn Epstein wurde bereits 2008 zu ersten Mal wegen Sexualstraftaten, bei denen Mädchen Opfer waren, verurteilt. Zu anderen fällt der Ton auf. „Ich vermisse meinen verrückten Freund“, schrieb Mette-Marit einmal – und fragte Epstein, ob es in Ordnung sei, wenn sie ihrem 15-jährigen Sohn einen Bildschirmschoner mit zwei nackten Frauen installiere. „Musst du ihn fragen“, antwortete Epstein.
Auch beim Thema Frauen war die Kronprinzessin behilflich. „Bin in Paris auf Frauenjagd“, teilte der Finanzexperte ihr einmal mit. „Paris ist gut für Ehebruch. Skandinavien hat aber das bessere Frauenmaterial“, schrieb die dreifache Mutter in einem Tonfall, der Epstein gefallen haben dürfte, zurück.
In Norwegen haben die Chat-Nachrichten bereits Konsequenzen für Mette-Marit. Die Osloer Stiftung „Sex und Gesellschaft“, die sich für Sexualaufklärung einsetzt und deren Schirmherrin Mette-Marit bis zum Montagabend war, „möchte nicht länger ihre Majestät, Kronprinzessin Mette-Marit, als Schirmherrin haben“, teilte die Organisation mit.
Die Königliche Hoheit selbst sagte, dass sie im Umgang mit Epstein „schlechte Urteilskraft“ bewiesen habe. Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre kommentierte trocken, dass er diese Einschätzung teile. Dass der Regierungschef Mitglieder des Königshauses so angeht, ist ungewöhnlich.
Für die Hauptstadtzeitung „Aftenposten“ ist der Zeitpunkt gekommen, die Königinnen-Tauglichkeit Mette-Marits zu diskutieren.
„Königshaus als Irrenhaus“, „Es gehört abgeschafft“
„Das ist schlimmer als das Strafverfahren“, kommentiert das Blatt. „Was wusste sie von den Vorwürfen?“, fragt „Aftenposten“. „Warum pflegte sie den Kontakt über drei Jahre? Hat ihr jemand geraten, eine Freundschaft zu Epstein zu unterhalten?“ Die Zeitung „VG“ fragte gar auf der Titelseite: „Überlebt die Monarchie das?“
In Norwegens Parlament, dem Storting, haben sich derweil Politiker aus allen Fraktionen zusammengetan, um ausgerechnet an diesem Dienstag über die Abschaffung der Monarchie zu beraten – ein angesichts der Mehrheitsverhältnisse zwar aussichtsloses Unterfangen. Aber die Königs-Frage darf nun jeder stellen: Der Vorsitzende der Jugendorganisation der liberalen Partei „Venstre“, Omar Svendsen-Yagci, teilte mit, dass das „Königshaus als Irrenhaus“ dastehe. „Es gehört abgeschafft, Norwegen sollte eine Republik werden“, so Svendsen-Yagci.
Das Renommee des Königshauses am Fjord scheint rapide dahinzuschmelzen. Erst im vergangenen Jahr heiratete Mette-Martis Schwägerin, Märtha-Louise, einen selbst ernannten „Schamanen“, der in Interviews Auskunft freimütig über das Liebesleben mit seiner Angetrauten gab und sich selbst als „Weltraumechse“ beschrieb. Märtha-Louise wiederum entsetzte einen Teil ihrer Landsleute, als sie vor zehn Jahren eine „Engelsschule“ eröffnete. Interessierte sollten dort die Kommunikation mit ebenjenen lernen.
Im sozialdemokratisch geprägten Norwegen, in dem Fleiß und Nüchternheit traditionell eine große Rolle spielen, stoßen solche Eskapaden, übertrieben vorsichtig gesagt, auf wenig Verständnis.
Das aber sind ja nur Marginalien im Vergleich zur aktuellen Nachrichtenlage. Im Rennen um die Seite-1-Geschichte liegen Mutter und Sohn derzeit gleichauf, das dürfte sich aber in den kommenden sieben Wochen ändern. Dann wird in Saal 250 des „Oslo Tinghus“, dem Gericht, um die Frage gehen, wieso Sohn Marius Høiby derart aus der Kurve geflogen ist.
Er hatte doch alles. Eine liebende Mutter, einen Bonus-Vater, Kronprinz, zwei jüngere Halbgeschwister – und das Leben in einer der privilegiertesten Familien des Landes. Es mangelte ihm weder an Liebe, Zuwendung und schon gar nicht an Geld, soweit bekannt. Høiby, 29, lebte ein Leben im Überfluss.
Oder in einer Blase, die ihn vor den Widrigkeiten des Lebens fernhielt. Von der Notwendigkeit, eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren, einen Job zu finden, einen Acht-Stunden-Tag hinter sich zu bringen, eine Wohnung zu mieten oder ein Haus zu kaufen. Høiby hat all dies nicht gelernt.
Die Blase platzte am 4. August 2024
Die Blase platzte am Sonntag, den 4. August 2024. Vor diesem Datum mag er ein irrlichternder nicht-ehelicher Sohn einer Kronprinzessin gewesen sein, der sich durch Oslos Nächte feierte, ein Semester in Kalifornien studierte und wieder heimkehrte, hier und da jobbte, aber nichts zu Ende brachte.
An jenem Tag aber nahm ihn die Polizei in Gewahrsam. Høiby hatte die Wohnung seiner Freundin im Edel-Stadtteil Frogner verwüstet. Ein Kronleuchter lag zerschmettert am Boden. Mehrere Möbel und ein Handy waren zerstört und im Schlafzimmer steckten ein Messer an der Wand. Die Frau hatte es gerade geschafft, Marius aus der Wohnung heraus zu drängen, doch die Verletzungen, die er ihr angetan haben soll, wiegen schwerer als die Schäden an der Wohnung. Mehrere Male nahm er sie den Angaben der Osloer Staatsanwaltschaft zufolge in den Schwitzkasten, bis ihr die Luft wegblieb, schlug sie mit der flachen Hand ins Gesicht und drückte sie mit seinem Körpergewicht ins Bett.
An diesem Sonntag holte ihn die Polizei vom königlichen Gut Skaugum bei Oslo ab, wo er in einem eigenen Häuschen wohnte, und steckte ihn für eine Woche in eine Gefängniszelle. Als sie seine Handys und Festplatten auswertete, fand sie auf einmal Bilder und Videos, die Marius zeigten, wie er sich an schlafenden Frauen verging. Die Opfer wussten von nichts, als die Polizei sie aufsuchte.
Wie kam es dazu, dass aus dem hellblonden Jungen Marius, der sich bei der Hochzeit seiner Eltern im August 2001 auf Schlossbalkon in die Herzen der Norweger lächelte, zum Kriminellen wurde, der sich nun wegen 38 Gesetzesverstößen vor dem Richter verantworten muss? Wie dazu, dass sich der Sohn einer Frau, die sich für sexuelle Aufklärung und als Schirmherrin für die UN-Organisation UNAIDS und das Norwegische Rote Kreuz engagiert, viermal Frauen im Schlaf vergewaltigt haben soll?
Høiby entstammt einer kurzen Liaison, die seine Mutter 1996 mit Morten Borg hatte. Er war nie Teil des Hofes, jedoch der königlichen Familie. Solche feinen Unterschiede gibt es beim Hochadel, und möglicherweise hat er sie als Kind oder Jugendlicher nicht ganz verstanden – oder allzu gut. Bei der Pressekonferenz anlässlich seiner Verlobung sagte Kronprinz Haakon im Jahre 2000 über das Leben mit seinem Stiefsohn: „Wir werden versuchen, ihm so viel Liebe und Sicherheit zu geben, dass er sich in seiner Situation wohlfühlt.“
Tatsächlich ließ Marius seine Landsleute früh an seinem Luxus-Leben teilhaben, etwa, als er als 15-Jähriger eine Louis Vuitton-Tasche online für umgerechnet 1.700 Euro verkaufen wollte und als Abholadresse das Königliche Schloss angab. Er war ein VIP, lernte Justin Bieber bei einem Konzert in Oslo kennen, war auf Adels-Hochzeiten im Ausland eingeladen und spielte kleinere Rollen in Fernsehserien. Das Reisen vereinfachte sein Diplomatenpass, der ihn an Schlangen auf Flughäfen vorbeigehen ließ.
Mette-Marit beklagte sich mehrmals über das anhaltend hohe Medieninteresse an ihrem Sohn, das ihn über seine gesamte Kindheit und Jugend begleitete und ihm schade. Doch Marius sorgte selbst mit seinem Instagram-Konto mit 70.000 Followern für eine gewisse Aufmerksamkeit rund um seine Person.
Zu seinen Halbgeschwistern Ingrid Alexandra und Sverre Magnus hatte er ein gutes Verhältnis. Als Mette-Marits Tochter 18 Jahre alt wurde, lobte Ingrid ihren Bonus-Bruder in einer Ansprache auf ihrer Geburtstagsfeier: „Marius, danke für alles, was ich von dir gelernt habe und dass wir zusammen über alles sprechen können. Danke, dass du mich immer beschützt.“
Schutz, vor allem vor sich selbst, hat er wohl auch benötigt. Im August 2024 gab er eine Erklärung heraus: „Ich habe verschiedene psychische Erkrankungen, die bewirken, dass ich durch mein ganzes Leben hindurch vor Herausforderungen stand. Ich habe über längere Zeit Drogen genommen, deswegen wurde ich früher auch behandelt. Diese Behandlung werde ich nun wiederaufnehmen und das sehr ernst nehmen.“
Am Mittwoch, 12.45 Uhr, könnte Marius Borg Høiby einige Fragen beantworten. Dann will das Gericht eine Erklärung des Angeklagten entgegennehmen. Vielleicht wird anschließend klarer, wie der Weg vom Schloss zur Zelle verlaufen ist.
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