AfD-Spitze interveniert gegen Treffen mit Rechtsextremist Martin Sellner
Ein geplantes Treffen von AfD-Politikern mit dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner soll nach WELT-Informationen abgesagt werden. Grund ist demnach eine Intervention der Parteispitze um Alice Weidel und Tino Chrupalla.
Die Brandenburger Landtagsabgeordnete Lena Kotré hatte am Mittwoch eine Veranstaltung in der kommenden Woche angekündigt, bei der neben ihr und dem Bundestagsabgeordneten Steffen Kotré – ihr Ehemann –, auch Sellner auftreten sollte, der Kopf der Identitären Bewegung. Angekündigt waren Vorträge zum Thema „Remigration in Theorie und Praxis“.
AfD-Chef Chrupalla sagte WELT: „Mit Bekanntwerden der geplanten Veranstaltung haben sich die Bundessprecher mit dem verantwortlichen Landesvorstand in Verbindung gesetzt. Nach einem gemeinsamen Gespräch mit dem Brandenburger Landessprecher René Springer und Herrn Kotré gehen wir davon aus, dass diese Veranstaltung nicht stattfindet.“ Weidel nahm ebenfalls an dem Gespräch teil.
Die Personalie Sellner war nach WELT-Informationen im vergangenen Jahr mehrmals Thema im AfD-Bundesvorstand. In einer gemeinsamen Sitzung mit den Landesvorsitzenden hatte demnach Anfang Juli 2025 ein Mitarbeiter der AfD-Bundesgeschäftsstelle den AfD-Vorständen empfohlen, gemeinsame Auftritte mit Sellner zu meiden.
Hintergrund war ein vorheriges Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, mit dem das durch das Bundesinnenministerium erlassene Verbot des Rechtsaußen-Magazins „Compact“ aufgehoben wurde. Die Verwaltungsrichter stuften Sellners „Remigrationskonzept“ in dem Urteil als menschenwürdewidrig und damit verfassungswidrig ein.
Als dies bekannt wurde, ging durch die sozialen Medien eine Solidaritätswelle. Zahlreiche AfD-Abgeordnete veröffentlichten damals eine sogenannte Zitat-Kachel, auf der es heißt: „Solidarität mit dem rechten Vorfeld! Wer sich distanziert, verliert!“. Vor allem Brandenburger Abgeordnete beteiligten sich daran, auch Lena Kotré.
In einer darauffolgenden Telefonschalte des Bundesvorstands referierte der ehemalige Leitende Oberstaatsanwalt und frühere Bundestagsabgeordnete Roman Reusch zum „Compact“-Urteil. Thema war auch die Einstufung der AfD als „gesichert rechtsextremistisch“ durch den Verfassungsschutz, gegen die die Partei klagt. Der Beisitzer im Vorstand warnte eindringlich, jede Zusammenarbeit und gemeinsame Veranstaltungen mit Sellner würden der AfD in Gerichtsverfahren negativ ausgelegt werden.
Im Bundesvorstand bestand diesbezüglich damals Einvernehmen – kein Mitglied des Bundesvorstands widersprach. Ein formaler Beschluss wurde nicht gefasst. Vereinbart wurde jedoch, den Landesvorsitzenden zu empfehlen, ihre Landesverbände dahingehend zu sensibilisieren, auf Abstand zu dem Aktivisten und Publizisten zu gehen.
„Ich harre der Dinge, die kommen“, sagt Sellner
Sellner hatte bereits Ende 2023 in einem „Compact“-Interview erklärt, fünf bis sechs Millionen deutsche Staatsbürger würden „möglicherweise“ für eine „Remigrationspolitik“ infrage kommen. Unter „Remigration“ versteht Sellner nicht nur massenhafte Abschiebungen, sondern auch einen „Assimilationsdruck durch Leitkultur“ sowie eine Politik der „De-Islamisierung“.
Aus dem Konzept werde deutlich, dass einem Teil der deutschen Staatsbürger „elementare staatsbürgerliche Rechte vorenthalten und diese (dadurch) zur Ausreise angehalten werden sollen“, heißt es im Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts aus dem August des vergangenen Jahres.
Es gehe nicht um eine legitime Differenzierung unterschiedlicher Staatsangehörigkeiten. „Vielmehr ist über eine – schon für sich genommen gegen die Menschenwürde verstoßende – demütigende Ungleichbehandlung hinaus eine Rechtsverweigerung für einen Teil der deutschen Staatsangehörigen vorgesehen“. Sellners Konzept sehe „Ausbürgerungen als Mittel zur Schaffung eines ethnisch-deutschen Volkes“ vor.
Die Abgeordnete Lena Kotré, die sich „remigrationspolitische Sprecherin“ der Brandenburger AfD-Fraktion nennt, äußert sich inhaltlich ähnlich wie Sellner. Etwa im September 2024 verbreitete sie ein Video, das sie bei einem Wahlkampfauftritt zeigt. Wenn eingebürgerte Staatsbürger „unsere Werte hier nicht anerkennen“, hätten diese „dieses Land, ganz genau wie die anderen auch, zu verlassen“, sagte sie damals. „Wir müssen Einbürgerungen hinterfragen. Erfolgte Einbürgerungen.“
Sellner sagte WELT im Oktober 2025, er weise die Feststellungen des Gerichts zurück und erkenne in dem Urteil ein „düsteres Zerrbild“ seines Konzepts. „Die AfD sollte meiner Ansicht nach auf den Erpressungsversuch des übergriffigen Gerichts nicht eingehen und darf nicht in Distanzierungswahn und Panikstimmung verfallen“, sagte er damals. „Es wäre falsch, wenn die AfD sich aufgrund juristischen Drucks eine andere Sprache und ein anderes Programm aufoktroyieren lässt.“
Zur Intervention der Parteispitze sagte Sellner am Donnerstag im Gespräch mit WELT: „Ich harre der Dinge, die kommen, und gebe bis zu einer endgültigen Entscheidung keinen Kommentar ab.“
Der Streit über den österreichischen Identitären läuft in der AfD bereits seit Januar 2024. Nachdem damals ein Treffen zwischen Sellner und AfD-Politikern zum Thema „Remigration“ öffentlich geworden war, beschloss der AfD-Bundesvorstand ein Positionspapier. Darin heißt es, die Abschiebung deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund stoße „auf unsere entschiedene Ablehnung“. Parteichefin Weidel trennte sich von einem wichtigen Mitarbeiter, der an dem Treffen teilgenommen hatte.
Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“.
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