Vorbild Venezuela? Die enormen Risiken eines chinesischen Eingreifens in Taiwan
Ausgerechnet am dritten Januar, dem Tag der Entführung von Nicolás Maduro, hielt sich eine chinesische Delegation in Venezuela auf. Diplomaten und Wirtschaftsvertreter aus Peking waren in der Hauptstadt Caracas, als US-Spezialkräfte den venezolanischen Präsidenten festnahmen und in die USA flogen. Darunter litt das Ansehen der chinesischen Nachrichtendienste, die die Ereignisse offenbar nicht vorhergesehen hatten.
Dennoch, so folgerten viele, profitiere die Volksrepublik letztlich von dem Coup. Denn wenn die USA internationales Recht missachte und in Venezuela einen Vasallenstaat errichte, werde sich China ermutigt fühlen, das Gleiche mit Taiwan zu versuchen. Das wirft die Frage auf, inwiefern die Situation in Venezuela mit jener in Taiwan vergleichbar ist – und welche Gefahr dies für die internationale Ordnung birgt.
Die Führung in Peking nahm die Ereignisse in Venezuela ernst. Schließlich hat sich mit der Festsetzung von Präsident Nicolás Maduro durch US-Streitkräfte das globale geopolitische Machtgefüge verschoben. Washington bekräftigte anschließend zudem erneut seine territorialen Ansprüche auf Grönland; Kuba gilt als nächster möglicher Krisenherd.
China gehört zudem zu den wichtigsten Abnehmern venezolanischen Erdöls, rund vier Prozent der chinesischen Rohölimporte stammen von dort. Caracas schuldet China nach Schätzungen noch zehn bis zwölf Milliarden US-Dollar aus früheren Kredit- und Öl-für-Schulden-Abkommen. Das sind Vereinbarungen, bei der ein Staat bei einem anderen Geld leiht und es ganz oder teilweise in Öl zurückzahlt.
Entsprechend scharf verurteilte Peking den US-Einsatz. Das chinesische Außenministerium sagte, der Angriff verletze Venezuelas Souveränität. Außenminister Wang Yi warnte vor hegemonialem Machtmissbrauch.
China scheut militärischen Angriff
In Wahrheit verbirgt sich hinter der Empörung eine nüchterne Rechnung. Die Kommunistische Partei versucht, das Ereignis propagandistisch auszuschlachten. Der US-Einsatz fügt sich in Pekings Erzählung vom Westen als gewalttätige Ordnungsmacht ein, die Länder des Globalen Südens unter Druck setzt. China wiederum inszeniert sich als Verteidiger staatlicher Souveränität und prangert die Außenpolitik der USA an – auch wenn es diese Norm selbst nur dann hochhält, wenn sie den eigenen Interessen dient.
Wie in Taiwan: China, ein Land mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern und den größten Streitkräften der Welt, verfolgt seit Langem den Plan, die selbstverwaltete Insel mit 23 Millionen Einwohnern einzugliedern. „Die Wiedervereinigung unseres Mutterlandes ist nicht aufzuhalten“, sagte Xi Jinping zuletzt im Dezember.
Das Machtgefälle ist ähnlich groß wie zwischen den USA, die über die mächtigste Armee der Welt verfügen, und Venezuela, einem verarmten und kleinen Land mit nur 30 Millionen Einwohnern. Sowohl Taiwan als auch Venezuela sind auf die militärische Unterstützung verbündeter Staaten angewiesen.
Die Folgen eines Militärschlags
Doch Pekings Sicht auf Taiwan entspringt einer anderen Logik. Während die USA Südamerika als außerstaatliches Gebiet ansehen, ist Taiwan für Peking keine externe Angelegenheit, sondern eine innere. Aus chinesischer Sicht ist die Insel kein souveräner Staat, sondern eine abtrünnige Provinz. Internationales Recht gelte folglich nicht.
Die Operation in Venezuela taugt aus Sicht von Peking nicht als Blaupause: Nähme Chinas Militär den taiwanischen Präsidenten Lai Ching-te fest, käme es einer sogenannten Wiedervereinigung kaum näher.
Hinzu kommt: Ein militärischer Schlag gegen Taiwan wäre ein ökonomisches Desaster – nicht nur für die Welt, sondern auch für China. Die Insel ist das Zentrum der globalen Halbleiterproduktion. Weltmarktführer wie TSMC fertigen Chips, ohne die weder amerikanische Tech-Konzerne noch chinesische Industriebetriebe funktionieren könnten.
Die globale Wirtschaft ist von Taiwans Halbleiterproduktion in einem solchen Maße abhängig, dass ein Angriff enorme Kosten hätte. Dieses wirtschaftliche Abschreckungspotenzial Taiwans ist auch als „Silizium-Schild“ bekannt – angelehnt an das für die Halbleiterproduktion unverzichtbare chemische Element. Ein Krieg um Taiwan würde Lieferketten zerreißen, Finanzmärkte destabilisieren und vermutlich eine weltweite Rezession auslösen. Für ein exportabhängiges Land wie China wäre das ein gigantisches Risiko.
Zwar rüstet Peking militärisch massiv auf, lässt regelmäßig Kampfjets in Taiwans Luftverteidigungszone eindringen und simuliert Blockaden. Zuletzt folgten nach Weihnachten erneut großangelegte Manöver, bei denen die Volksbefreiungsarmee Blockaden und Präzisionsschläge rund um die Insel probte.
Damit will Peking den Status quo schrittweise verschieben, ohne eine offene Eskalation zu riskieren. China setzt in der Taiwan-Frage konsequent auf eine langfristige Strategie und spielt auf Zeit. Denn es ist unklar, ob die chinesische Volksbefreiungsarmee für einen groß angelegten Angriff überhaupt gewappnet ist. US-Militärberichte weisen darauf hin, dass Korruption, Säuberungen und strukturelle Probleme die Einsatzfähigkeit der chinesischen Streitkräfte hemmen. Ein schneller, verlustarmer Sieg wäre also keineswegs garantiert. Die Gefahr liegt weniger in einem plötzlichen Krieg als in der schleichenden Verschiebung des Status quo in der Taiwanstraße.
Schleichender Verfall militärischer Abschreckung
Daneben setzt China auf wirtschaftlichen Druck, Desinformation und politische Spaltung. Die Zeit arbeitet auch hier für China. Dass die USA im Dezember Waffenverkäufe im Umfang von rund elf Milliarden Dollar an Taiwan genehmigt haben, ändert daran kurzfristig wenig. Ein Großteil der Systeme wird erst in einigen Jahren geliefert.
Dass Donald Trump gegenüber der New York Times am Wochenende erklärte, Xi betrachte Taiwan als Teil Chinas und es läge an ihm, was er tun werde, verstärkt in Peking den Eindruck, dass Washington in der Taiwan-Frage strategisch unentschlossen ist. Trump fügte hinzu, er habe Xi gesagt, er wäre „sehr unglücklich“, sollte es zu einem Angriff kommen – und hoffe, dass es nicht dazu komme. Aussagen, die Peking kaum abschrecken dürften.
Chinas Zurückhaltung könnte aber auch mit dem geplanten US-China-Gipfel im April in Peking zusammenhängen, bei dem Taiwan ganz oben auf der chinesischen Prioritätenliste stehen dürfte. Mit Blick auf dieses wichtige Ereignis bemüht sich Peking darum, dem US-Angriff in Venezuela nicht zu viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und stattdessen den wirtschaftlichen Schaden zu minimieren.
So entsteht ein paradoxes Bild: Während Washington mit militärischen Interventionen Fakten schafft, agiert Peking eher passiv. Für Taiwan liegt die größte Gefahr damit weniger in einem unmittelbaren Angriff als in einer schleichenden Erosion der Abschreckung. Denn es ist fraglich, ob der Westen die Geduld für ein Spiel aufbringt, das nicht in kurzen Zügen, sondern in Jahrzehnten gedacht wird.
Christina zur Nedden berichtet im Auftrag von WELT seit 2022 aus Asien.
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