Wie Trumps Intimfeind dem Fadenkreuz des US-Präsidenten entkam
Erst warfen sich US-Präsident Donald Trump und sein kolumbianischer Amtskollege Gustavo Petro Beleidigungen und Verwünschungen an den Kopf, dann kam die große Wende: Im Beisein von Reportern der „New York Times“ telefonierte Trump rund 55 Minuten mit Petro, bezeichnete das Gespräch als „große Ehre“. Petro nannte es „historisch“. Zudem lud der US-Präsident den Kolumbianer für Anfang Februar zu einem Treffen ins Weiße Haus ein.
Jetzt rätseln Außen- und Sicherheitspolitiker, wie es zu der plötzlichen Verbrüderung gekommen ist. Denn die Vorgeschichte hat es in sich: Nach der US-Militäraktion in Venezuela sprach Petro von einer „abscheulichen“ Verletzung lateinamerikanischer Souveränität. Ein Angriff, verübt von „Sklavenhaltern“. Und ein „Spektakel des Todes“, vergleichbar mit der Bombardierung Guernicas im spanischen Bürgerkrieg durch Hitlers Luftwaffe 1937.
Trump konterte: Kolumbien sei „sehr krank“ und werde von einem „kranken Mann“ regiert, der es liebe, „Kokain zu produzieren und es in die Vereinigten Staaten zu verkaufen“. Auf die Frage, ob ein Militäreinsatz gegen Kolumbien möglich sei, antwortete Trump: „Das klingt für mich gut.“
Der linksgerichtete Präsident Petro, der das Land seit 2022 regiert, gilt eigentlich als Intimfeind von Trump. Der US-Präsident bezeichnete ihn öffentlich als „Drogenboss“ und sieht die Kokainschwemme aus Kolumbien als direkte Bedrohung für die innere Sicherheit der USA.
Und plötzlich soll alles anders sein? Vier Faktoren tragen dazu bei, dass beide Seiten auf Deeskalation setzten.
Drogen: In dem Gespräch, in dem überwiegend Petro geredet haben soll, ging es fast ausschließlich um ein Thema. „Er sprach weder über Venezuela noch über globale Fragen. Er wollte sich auf ein einziges Thema konzentrieren: den Drogenhandel“, berichtete Petro der „New York Times“. Kolumbiens Präsident erklärte Trump, er würde inzwischen härter militärisch gegen die Drogenproduktion vorgehen. Zudem verwies er darauf, dass die Beschlagnahmungen von Kokain einen Höchststand erreicht hätten.
Zur Realität gehört allerdings auch, dass die Drogenproduktion selbst auf Rekordniveau liegt. Ein UN-Bericht stellte 2023 fest, dass in Kolumbien auf 253.000 Hektar Koka angebaut wurde – mehr als die Hälfte der weltweiten Produktion.
Der Politikwissenschaftler Vladimir Rouvinski von der Universität Icesi im kolumbianischen Cali bestätigt im Gespräch mit WELT Petros Bemühungen: „Seit knapp einem Jahr hat Petro erkannt, dass sein Versuch, mit bewaffneten Gruppen zu verhandeln, gescheitert ist, und setzt wieder verstärkt auf Gewalt, um gegen diese Gruppen vorzugehen.“ Laut Rouvinski geht Kolumbien dabei relativ transparent vor.
Wahlen: Petro steht innenpolitisch unter Druck. Eine sichtbar erfolgreichere Drogenbekämpfung und die Annäherung an die USA könnten ihm und seiner Partei wieder Sympathiepunkte einbringen.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er damit letztlich zwei Probleme beheben würde, die er selbst zu verantworten hat. Und das dürfte auch nichts daran ändern, dass das Land unter Petros Führung leidet. Ungleichheit, Armut und organisierte Kriminalität setzen dem Land weiterhin zu. Ende Mai endet aber Petros Mandat – in Kolumbien ist eine direkte Wiederwahl des Präsidenten nicht möglich. Ein weiterer linksgerichteter Präsident dürfte es schwer haben, die Wahl für sich zu entscheiden.
So sieht es auch Alejandro Botero aus Bogotá, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte (der Name ist der Redaktion bekannt). „Petro war bisher eine Katastrophe für Kolumbien – für unsere Sicherheit, unsere Wirtschaft. Aber ich glaube, das erledigt sich mit den Wahlen dieses Jahr“, sagte Botero WELT. Auch wegen der USA: „Sie werden Kolumbien als Partner nicht aufgeben. Sie werden die Wahlen beeinflussen, damit das Thema Kolumbien demokratisch gelöst wird – mit mehr Kooperation mit den USA.“
Für Stefan Peters, Leiter des Instituto Colombo-Alemán para la Paz (CAPAZ), waren Trumps Drohungen eine strategische Provokation und bereits Teil dieses Spiels: „Die Ankündigung hat in den Wahlkampf eingeschlagen. Trump wusste, dass sie heftige Reaktionen hervorrufen würde. Da steckt sicherlich Kalkül hinter.“
Ohnehin ist politisches Armdrücken mit schwächeren Staaten längst eine mehrfach angewandte Strategie für Trump, um das zu bekommen, was er will. In Honduras gewann sein Wunschkandidat Nasry Asfura. Damit wechselt das zuvor von China beeinflusste mittelamerikanische Land die Seiten in Richtung USA.
Ähnliches gilt für Bolivien, wo zwei Jahrzehnte lang die links-fundamentalistische MAS unter dem Motto „Yankee go Home“ regierte. Nun sind US-Investoren wieder herzlich willkommen, der neue christdemokratische Präsident Rodrigo Paz bat gleich nach seiner Wahl in Washington um Unterstützung.
Rechtliches Risiko: Trotz der Rhetorik schien viel dagegenzusprechen, dass Washington seine Drohungen umsetzen würde. Anders als beim vor seiner Entführung bereits angeklagten Nicolás Maduro handelt es sich bei Petro um einen demokratisch legitimierten Präsidenten. Die völkerrechtlichen Spielräume für eine Intervention wären deutlich enger, der internationale Aufschrei erheblich größer.
Entsprechend äußerten sich auch ranghohe Republikaner kritisch. Senator Rand Paul aus Kentucky warnte vor einer militärischen Verstrickung und kritisierte bereits nach dem Venezuela-Einsatz, dass Trump ohne Zustimmung des Kongresses agierte. Dafür erntete er scharfe Kritik von Trump.
Langfristige Folgen: Beide Präsidenten dürften erkannt haben, dass die Konfliktlinie weniger zwischen den Ländern als zwischen ihren Persönlichkeiten verläuft. Historisch sind Kolumbien und die USA enge Verbündete. Eine Eskalation hätte „eine der engsten Partnerschaften der westlichen Hemisphäre“ gefährdet, wie die „Washington Post“ schreibt. „Die enge Beziehung reicht bis in den Koreakrieg zurück“, erklärt Adam Isacson, Leiter eines US-kolumbianischen sicherheitspolitischen Thinktanks, in dem Artikel. Kolumbiens Militärstrukturen würden sich am US-Vorbild orientieren.
Keine andere Nation in Lateinamerika ist dem Pentagon so eng verbunden: Beide Länder tauschen regelmäßig Geheimdienstinformationen aus, US-Militärverbindungsoffiziere sind fest im kolumbianischen Verteidigungsministerium präsent. Diese enge Verzahnung gilt auf beiden Seiten als strategischer Wert, der nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird.
Unter Berücksichtigung dieser Faktoren dürften beide Seiten offenbar zu dem Schluss gekommen sein, dass eine Intervention verheerende Folgen hätte. „Die Priorität ist der Frieden, und Frieden wird durch Dialog erreicht. Kolumbien kann ruhig schlafen“, erklärte Petro nach dem Gespräch mit Trump.
Dass Petro nach Wochen der Eskalation nun zum Freund Trumps wird, ist dennoch unwahrscheinlich. Auch im Telefonat blieb er scharf, bezeichnete Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE als „Faschisten“. Der „New York Times“ sagte er: „Ich muss sagen, was ich denke.“
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