„Sie wollen die Scharia einführen“ – Warum Trump London zum kriminellen Hotspot erklärt
Bei der ersten Nachfrage hatte sich Fabio Risso nicht allzu viel gedacht, „Aber dann fragten mich gleich eine Handvoll New Yorker Kollegen, wie ich es eigentlich in London aushalte angesichts der extremen Kriminalität dort“, sagt der Banker, der für ein US-Institut arbeitet. Seinen wahren Namen will er angesichts der regelmäßigen Einreiseverschärfungen nicht in der Presse lesen. Ein junger Kollege gestand ihm, schon länger mit einem Besuch in der Stadt zu liebäugeln. „Angesichts der vermeintlichen Sicherheitslage hat er tatsächlich eine geplante Reise mit seiner Freundin für dieses Jahr aber abgesagt.“
Wer auf US-Präsident Donald Trump, Unternehmer Elon Musk oder eine Reihe anderer, einflussreicher US-Amerikaner hört, muss den Eindruck bekommen, dass die britische Hauptstadt ein höchst gefährliches Pflaster ist. Menschen würden dort in den Hintern gestochen, gehörte zu den bizarreren Vorwürfen Trumps in den vergangenen Wochen.
Die Kriminalität gehe durch die Decke, in No-Go-Zonen traue sich die Polizei nicht mehr hinein und Bürgermeister Sadiq Khan führe schrittweise die Scharia ein. „Ich schaue mir London an, wo Sie einen schrecklichen Bürgermeister haben, einen schrecklichen, schrecklichen Bürgermeister, und es hat sich verändert, es hat sich so sehr verändert. Jetzt wollen sie die Scharia einführen“, sagte Trump Ende September während seiner Rede bei der UN-Generaldebatte.
Tatsächlich sticht London bei Statistiken zur Kriminalität im internationalen Vergleich positiv hervor. 97 Tötungsdelikte zählte Großbritanniens Hauptstadt im vergangenen Jahr laut Daten der zuständigen Metropolitan Police, ein Rückgang von elf Prozent im Vergleich zu 2024 und der niedrigste Wert seit 2014. Zu Anfang des Jahrtausends hatten die Werte teilweise um mehr als das Doppelte darüber gelegen.
„Wir sind wirklich stolz darauf, was unsere Teams erreicht haben“, sagte Mark Rowley, Präsident der Met Police. Pro Kopf gerechnet war der Wert mit 1,1 auf 100.000 Einwohner der Stadt der beste jemals erreichte. „Vor drei Jahren [beim Amtsantritt, d.Red.] habe ich versprochen, dass wir London sicherer machen werden durch höheres Vertrauen und weniger Kriminalität. Londons Rekordtief bei der Rate der Tötungsdelikte ist das Ergebnis unermüdlicher Arbeit. Jeden Monat haben wir 1000 Straftäter mehr festgenommen, haben innovative Technologien wie Live-Gesichtserkennung zur Verbrechensaufklärung eingesetzt und gehen präzise gegen die gefährlichsten Gangs, das organisierte Verbrechen und gegen Männer vor, die Jagd auf Frauen und Kinder machen.“
Andere Großstädte lässt die Stadt damit weit hinter sich. In Berlin und Brüssel liegt der Wert rund dreimal so hoch, Paris, Mailand und Toronto kommen auf 1,6. Noch deutlicher fällt der Abstand zu US-Metropolen aus: 12,3 in Philadelphia, 11,7 in Chicago, 10,5 in Houston, 2,8 in New York. „Wir stehen besser da als jeder US-Bundesstaat“, betonte Rowley.
95 Prozent aller Tötungsdelikte wurden zuletzt aufgeklärt in der Stadt. Bandenkriminalität, Drogenhandel, illegaler Waffenbesitz sind andere Bereiche, gegen die die Met, nach ihrem Hauptquartier auch als Scotland Yard bekannt, noch stärker vorgeht als in der Vergangenheit. 21.231 Einsätze hatten 2025 organisierte Kriminalität im Blick, 676 Schusswaffen und 2894 Messer wurden bei Einsätzen und Personenkontrollen konfisziert – in allen Bereichen ein erheblicher Zuwachs gegenüber dem Vorjahr.
Konfiszierte Messer spielen eine besondere Rolle. Messerstechereien mit schweren, teilweise tödlichen Verletzungen haben in der Stadt immer wieder Schlagzeilen gemacht. Doch sie gehen kontinuierlich zurück, belegen Daten des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS. 955 Fälle von Menschen, die sich nach einer Stecherei oder einem Angriff mit einer scharfen Waffe in medizinische Versorgung begeben mussten, zählten die Krankenhäuser im vergangenen Jahr. Fünf Jahre zuvor waren es mit 1.350 ein Drittel mehr gewesen.
Selbstgefälligkeit könne sich die Stadt nicht erlauben, betonte Bürgermeister Khan. „Jeder Tod bleibt immer einer zu viel.“ Doch auch die Reputation hat er im Blick. „Viele haben versucht, London schlechtzureden. Die Beweislage zeichnet ein ganz anderes Bild.“
Ob die deutlich besseren Daten indes helfen, das Image der Stadt zu verbessern, müsse sich zeigen, sagte Tony Travers, Professor an der London School of Economics und Experte für regionale Fragen und öffentliche Verwaltung. „In Fragen der Kriminalität gibt es regelmäßig eine Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität.“ Bei vielen Menschen herrsche der Eindruck vor, die Kriminalität werde immer schlimmer, auch wenn Daten das Gegenteil belegen.
In einigen Bereichen spielen Datenerfassung und Vergleichbarkeit eine Rolle. Schwere Verbrechen wie Tötungsdelikte oder Raubüberfälle werden meist vollständig und korrekt erfasst, ein internationaler Vergleich ist gut möglich. Für Diebstahl gilt das nicht zwingend, da längst nicht jedes Vergehen der Polizei gemeldet wird.
Für die Wahrnehmung von Sicherheit spielten zudem eine Reihe von Referenzwerten eine Rolle, so Travers. Sie sind nicht zwingend mit Kriminalität verbunden. Müll auf den Straßen gehöre dazu, Graffiti oder Ladendiebstahl. „Das alles kann zu dem Gefühl beitragen, die Gesellschaft habe die Lage nicht unter Kontrolle.“ Das wiederum beeinträchtige das Gefühl von Sicherheit.
Diebstahl von Mobiltelefonen steigt stark an
Laut Banker Risso hat sich die Lage nicht verschlechtert. „Ich lebe seit bald 30 Jahren in London. Unsicher habe ich mich nie gefühlt, aber im Zweifel heute weniger als in den ersten Jahren.“ „Mir scheint London weder besonders gefährlich noch unsicher“, betonte auch der Geschäftsmann Tonio Mardonovic. Seine Dienstreisen führen ihn regelmäßig in Metropolen in Europa, Nordamerika und Asien. London steche da keinesfalls heraus. Auch die Londoner Studentin Elaine Davies sieht Sicherheit nicht als Problem. Sie fühle sich eher sicherer als anderswo. „Weil ich mich auskenne.“
Klagen darüber, wie gefährlich das Leben geworden sei, sind in der Stadt dennoch regelmäßig zu hören. Besonders von sich reden gemacht hat in den vergangenen Jahren der Diebstahl von Mobiltelefonen. Ein typisches Muster: Sie werden Nutzern auf der Straße von Dieben auf E-Bikes aus der Hand gerissen. Auch Ladendiebstahl hat um sich gegriffen, 2024 lagen die gemeldeten Vorfälle um 50 Prozent über dem Vorjahr. Bei beiden Arten von Vergehen macht die Polizei nach eigenen Angaben aber deutliche Fortschritte. Mehr Vorfälle würden aufgeklärt, die Zahl der Vergehen sei rückläufig, betonte Rowley.
Für den öffentlichen Bereich sei es in den vergangenen Jahren aber deutlich schwieriger geworden, Vertrauen aufzubauen, räumte Rowley ein. Immerhin: Bei einer Umfrage im Herbst gaben 81 Prozent aller Londoner an, dass sie die Arbeit der Met als gut oder ordentlich einschätzen.
Die Angriffe auf London als kriminelles Nest dürften indes auch künftig nicht nachlassen. US-Präsident Trump nimmt dabei immer wieder Labour-Bürgermeister Khan in den Fokus. „Ein fürchterlicher Bürgermeister“ sei der, „inkompetent“, „bösartig“, „ekelhaft“. Populisten im eigenen Land stimmen in diese Vorwürfe ein. Vom Leben im „gesetzlosen“ London spricht Nigel Farage, Parlamentarier und Chef der Reform-Partei, gerne.
„London stürzt ab“, hat die frühere konservative Premierministerin Liz Truss eine ihrer YouTube-Shows genannt. Bestenfalls auf Mitleid könne man heute als Londoner hoffen, ätzte auch Leila Cunningham, die gerade designierte Reform-Kandidatin für die nächste Bürgermeisterwahl, die 2028 ansteht.
Diese Aussagen würden mehr Rückschlüsse auf politische Entwicklungen als auf tatsächliche Gesetzlosigkeit zulassen, sagte Travers. „London ist kompliziert, vor allem für die politische Rechte.“ Die Stadt sei der mit Abstand multikulturellste und vielfältigste Ort des Landes, habe seit Jahrzehnten eine sehr hohe Zuwanderung und Einwohner mit unterschiedlichster Abstammung. Gleichzeitig sei sie wirtschaftlich extrem erfolgreich. „Das sind Themen des Kulturkampfs.“
„Khans London“
Beobachter weisen gerne darauf hin, welche Rolle Bürgermeister Khan bei der Kritik spiele. Regelmäßig ist in den Vorwürfen von „Khans London“ die Rede. Der Sohn pakistanischer Einwanderer war bei seiner Wahl 2016 der erste muslimische Bürgermeister einer westlichen Metropole. Der inzwischen zweimal im Amt bestätigte Politiker sei ein klassisch pragmatischer Linker, urteilte Travers. Und er stellte klar, dass der Vorwurf, Teile der Stadt seien No-Go-Gebiete für die Polizei „kategorisch falsch“ sei.
Auch unter den Konservativen geht die stetige Kritik an der Hauptstadt einigen inzwischen zu weit. „London steht vor vielen Problemen: Wohnkosten, Verzögerungen beim Bau, zu hohe Steuern, Obdachlosigkeit und eine schwache Führung durch Whitehall und City Hall – und ja, auch Kleinkriminalität. Doch die Wahrheit ist, dass London viel sicherer ist als viele andere Städte. Die Mordrate sinkt und die Gewaltkriminalität geht zurück“, schrieb der Parlamentarier und frühere Minister für Sicherheitsfragen Tom Tugendhat kurz vor Weihnachten auf X.
Seit Jahren mache er sich nach langen Tagen im Parlament zu Fuß auf den langen Weg nach Hause. Immer wieder habe er dabei reichlich Gras gerochen und Müll gesehen, der nicht abgeholt wurde. Doch sein klares Fazit lautet: „London ist sicher.“ Bedroht habe er sich nie gefühlt und werde auch künftig weiter durch die Nacht marschieren.
Derweil setzt die Met Police darauf, mit dem Einsatz von Technologie weitere Fortschritte bei der Verbrechensbekämpfung zu machen. Kontrollen mit Gesichtserkennungen sollen im laufenden Jahr noch deutlich ausgebaut werden – die Methode erfährt in der Stadt große Zustimmung, 85 Prozent der Londoner finden sie gut – genau wie der Einsatz von Drohnen und eine verstärkte Analyse von Daten. Zunehmend sind wieder mehr „Bobbies on the beat“ gefragt, Polizisten, die in den Stadtteilen Streife gehen.
Ein nennenswerter Ausbau der Truppe steht angesichts der fiskalischen Beschränkungen im Land nicht an. Verglichen mit der Polizeistärke in New York müsse er mit rund zwei Dritteln des Personals auskommen, so Rowley. „Wir müssen clever sein.“
Claudia Wanner schreibt für WELT vor allem über die britische Wirtschaft.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke