„Er löst es“ – Wie Marco Rubio zum wichtigsten Mann für Trump wurde
Vor fast genau einem Jahr fand sich Marco Rubio vor einer ungewöhnlichen Aussicht wieder. 14 Jahre lang war der Republikaner aus Florida Mitglied des Auswärtigen Ausschusses im US-Senat gewesen. Nun saß er plötzlich nicht mehr neben, sondern vor seinen Kollegen, die über seine Eignung als künftiger US-Außenminister entscheiden sollten. „Sie sehen alle sehr ehrwürdig aus!“, scherzte Rubio, und lieferte eine Performance, die angesichts der überwiegend unterdurchschnittlichen Anhörungen von Mitgliedern des designierten Kabinetts von Trump herausragte. Ohne Gegenstimme bekam er die Zustimmung des Senats. Ebenso nahtlos reihte sich der Sohn kubanischer Einwanderer in die Machtmaschine des Weißen Hauses ein.
Mit dem US-Angriff auf Venezuela und der Gefangennahme von Diktator Nicolás Maduro ist Rubio zur Schlüsselfigur in Washington aufgestiegen. Der 54-Jährige bestimmt maßgeblich die aktuelle US-Außenpolitik, der Trump jüngst den denkwürdigen Titel „Donroe-Doktrin“ verpasste. Ein Anspruch, der bereits in der Anfang Dezember veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie steht: Die USA sind die dominante Macht in der westlichen Hemisphäre – von Südamerika bis Grönland.
Das Weiße Haus hatte diese Woche erklärt, es schließe militärische Maßnahmen zur Übernahme von Grönland nicht aus. Europas Staats- und Regierungschefs reagierten mit einer beispiellosen Warnung, um Washington davon abzuhalten, einem Nato-Verbündeten Territorium zu entreißen. Seither glühen die Drähte zwischen Kopenhagen, Washington und Brüssel. Die Agentur Reuters berichtet, dass US-Beamte diskutieren, den Grönländern Geld anzubieten, damit sie sich freiwillig von Dänemark abspalten, die Rede ist von Beträgen bis zu 100.000 Dollar pro Person.
Dass Trump nach dem Zugriff in Caracas auch Drohgebärden Richtung Grönland macht, zeigt, dass sich diese Administration von traditionellen transatlantischen Überzeugungen verabschiedet hat. Es ist Außenminister Rubio, der in den Augen der Europäer im Trump-Zirkel als einzig verbliebener Ansprechpartner gilt, der noch ein Ohr für die westlichen Partner hat.
Das hat auch mit der Biografie des studierten Juristen zu tun. Geboren in Miami, wuchs Rubio in der Welt der Exil-Kubaner auf. Diese eint seit mehr als sechs Jahrzehnten die Wut auf das Regime in Havanna, der drängende Wunsch, alle Kommunisten eines Tages zu stürzen, und der Glaube, dass nur Amerikas Kapitalismus der Weg ist zur Erfüllung individueller Träume. „Ihn treibt eine tiefe persönliche Sehnsucht nach Veränderung in Kuba an – angesichts dessen, was seiner Familie widerfahren ist“, sagt Jason Marczak, Lateinamerikaexperte am Atlantic Council, WELT AM SONNTAG.
Rubios Vater arbeitete als Barkeeper, die Mutter als Zimmermädchen. Die Familie mit vier Kindern zog für einige Jahre nach Las Vegas, wo die Jobs mehr Geld brachten. Weil sie für ihren Sohn eine bessere Zukunft wollten und es in der Casino-Stadt „zu viele einfache Jobs im Hotelgewerbe gab“, gingen sie nach Miami zurück, so erinnert sich Rubio in seiner Autobiografie.
Rubio widerlegte alle Wetten über seine Haltbarkeit
Nur zehn Jahre später sollte der streng katholisch erzogene Sohn mit seiner eigenen Anwaltskanzlei Millionen umsetzen. Im Jahr 2011 wurde er US-Senator, 2025 Außenminister. Rückblickend schrieb Rubio: „Ich wurde in eine starke und stabile Familie hineingeboren, in der meine Eltern uns ein Gefühl der Sicherheit gaben und uns ermutigten, nach den Sternen zu greifen. Das ist ein wichtiger Bestandteil des amerikanischen Traums.“
Als Trump Rubio zu seinem obersten Diplomaten ernannte, schlossen Beobachter Wetten ab, wie lange er im Amt bleiben würde. Seinerzeit war mit Mike Waltz ein weiterer mächtiger Republikaner aus Florida als Nationaler Sicherheitsberater in die Regierung eingezogen. Auch Rick Grenell, ehemals US-Botschafter in Berlin, versuchte als „Sondergesandter des Präsidenten für besondere Missionen“ seine Machtbasis auszubauen.
Ein Jahr später ist Waltz als UN-Botschafter nach New York abgeschoben worden, Grenell macht derzeit vor allem als geschäftsführender Direktor der Konzerthalle von Washington Schlagzeilen. Rubio hingegen hat geräuschlos seine Stellung ausgebaut und hält erstmals seit Henry Kissinger den Doppelposten des Außenministers und Nationalen Sicherheitsberaters.
Donald Trump überschlägt sich mitunter vor lauter Begeisterung. „Wenn ich ein Problem habe, rufe ich Marco an – er löst es.“ Rubio werde als „der beste Außenminister in der Geschichte der Vereinigten Staaten“ in Erinnerung bleiben. Vergessen sind die Gefechte, die sich Trump und Rubio noch 2016 in den Vorwahlen für die republikanische Präsidentschaftskandidatur lieferten.
„Ich nenne ihn ,Little Marco‘ – kleiner Marco“, brüllte Trump bei TV-Debatten in die Kameras und beschimpfte den Rivalen als einen der angeblich arbeitsscheuesten Senatsmitglieder. Der rund 15 Zentimeter kleinere Rubio zögerte nicht. Trump sei tatsächlich größer als er. „Deshalb verstehe ich nicht, warum seine Hände so groß sind wie die von jemandem, der 1,57 m groß ist. Und man weiß ja, was man über Männer mit kleinen Händen sagt – man kann ihnen nicht trauen.“
Heute ist Rubio für Trump auch deshalb so wichtig, weil er als verlässlicher Kommunikator das Vorgehen der Regierung erklärt. Am Tag nach dem Caracas-Angriff war er auf allen Kanälen präsent, um Trumps Ansage „Wir übernehmen Venezuela“ einzuordnen. Wichtig ist auch, dass der ehemalige Senator Rubio enge Kontakte mit dem Kapitolshügel hält. Kurz nachdem sich das Delta-Force-Kommando am 3. Januar um zwei Uhr morgens in Maduros Residenz gebombt hatte, griff der Minister zum Hörer und unterrichtete die wichtigsten Senatoren, Republikaner wie Demokraten.
Deren Zorn war abzusehen. Bei Anhörungen vor Weihnachten hatte die Trump-Administration noch dem Kongress versichert, es werde keine militärische Intervention geben. Bei den Demokraten konnte Rubio nicht viel Boden gutmachen. Der Minister sei „ein klassischer Neokonservativer, der glaubt, dass Amerika generell als Befreier begrüßt“ werde, ätzte der demokratische Senator Chris Murphy.
Hoffnung der Europäer
Für die Europäer war Rubio in den vergangenen Monaten mitunter ein Geschenk angesichts der prorussischen Schlagseite, die das Weiße Haus bei den Verhandlungen über einen Friedensplan für die Ukraine bekommen hat. Als Mitte November zum Schock der Nato-Verbündeten ein von Wladimir Putins und Trumps Unterhändlern ausgeheckter 28-Punkte-Plan für einen vermeintlichen Frieden publik wurde, war es Rubio, der das für Kiew und die Europäer verheerende Papier zu modifizieren half.
Zwar steht auch der Außenminister fest auf dem Standpunkt, dass der Krieg schnell enden und die Ukraine schmerzhafte Konzessionen machen müsse. Aber mit ihm wird das nicht über die Köpfe der Kriegsopfer und auf Kosten der transatlantischen Partnerschaft geschehen. „Es ist ganz klar, was Rubio durch seine Arbeit im Rahmen des Trumpismus gewonnen hat“, schreibt der „New York Times“-Kolumnist Ross Douthat. „Die Macht, die Außenpolitik in Übereinstimmung mit seinen vor-trumpistischen Überzeugungen zu gestalten.“
Zu diesem Vor-Trump-Glauben gehört neben der Wertschätzung des Nato-Bündnisses seine antikommunistische DNA. Nach der Gefangennahme von Maduro erklärte er die Aktion auch zur Warnung an die „inkompetenten senilen Männer“, die Kuba regierten. „Wenn ich in Havanna leben würde und in der Regierung wäre, ich wäre zumindest ein wenig besorgt.“ In Washington wächst die Erwartung, dass sich die alten Herrscher der Castro-Insel, abgeschnitten von Venezuelas Öl und Geld, nicht mehr lange halten.
Es wäre der ultimative Glücksmoment für Rubio und fast zwei Millionen Kubaner, die die USA zu ihrer Heimat gemacht haben. Seine Träume aber reichen noch weiter. Ihm werden Ambitionen auf die Präsidentschaftskandidatur 2028 nachgesagt. Experte Marczak prognostiziert: „Die erfolgreiche Operation in Venezuela wird seine Führungsrolle innerhalb der Republikanischen Partei festigen.“
Stefanie Bolzen berichtet für WELT seit 2023 als US-Korrespondentin aus Washington, D.C. Zuvor war sie Korrespondentin in London und Brüssel.
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