Die Aufregung über Kai Wegners Tennismatch in der Mittagspause nimmt bizarre Züge an. Nein, der Berliner Bürgermeister muss nicht zurücktreten. Über den Populismus in uns allen.

Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass Sport die Fitness erhöht. Und es ist ebenfalls allgemein akzeptiert, dass Fitness wichtig ist, um in stressigen, in kritischen Situationen den Überblick zu behalten. Man sollte sich also freuen, wenn ein Politiker auch im – aus sportlicher Sicht – fortgeschrittenen Alter noch regelmäßig Tennis spielt. Um einen klaren Kopf zu behalten, wenn es darauf ankommt.

Womit wir bei Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner wären. Der 53-Jährige hat doch tatsächlich am Samstagmittag eine Stunde lang Tennis gespielt, mit seiner Lebensgefährtin (der Bildungssenatorin). Rund fünf Stunden nachdem im Südwesten der Stadt bei etwa 100.000 Menschen der Strom ausgefallen war. Als es also darauf ankam.

Und nun wird allgemein die Frage diskutiert, was nur in den CDU-Politiker gefahren ist, dass er einfach in der Krise Sport treibt. Es brachte ihm prompt drei Rücktrittsforderungen ein: von AfD, BSW und FDP. Aber auch SPD und Grüne lassen sich zu ätzender Kritik hinreißen. Dabei ist erst in neun Monaten Wahl.

Verschärfend kommt ein zweiter Vorwurf hinzu: Geschwindelt hat Wegner auch. Denn als ihn am Sonntag Journalisten zur Rede stellten, weil er sich da erst vor Ort ein Bild machte, also einen Tag nach dem Beginn des Stromausfalls, erklärte er, er sei den ganzen Samstag zu Hause im Büro gewesen und habe am Telefon koordiniert.

Wir müssen davon ausgehen, dass Wegner der Öffentlichkeit nicht nur das Tennisspiel verschwiegen hat, sondern auch, dass er zwischendurch einen Happs gegessen hat. Und wahrscheinlich sogar mal auf Klo war.

Zur Wahrheit gehört eben auch, dass Wegner um kurz nach acht informiert worden war. Und schon stundenlang am Telefon koordiniert hatte, bevor er sich die Pause gönnte.

Komplizierte Themen, einfache Antworten

Die Aufregung über das Tennismatch ist eine Art politische Ersatzhandlung. Denn das eigentliche Thema ist viel zu kompliziert: Höchstspannung, Hochspannung, Mittelspannung, Transformatoren und N-minus-1-Redundanz. Wer kennt sich da schon aus? 

Warum sich mit den Details des Stromausfalls beschäftigen, wenn man den Bürgermeister auch persönlich angreifen kann?

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Dabei sieht dessen Bilanz nach dem bisherigen Wissensstand nicht schlecht aus. Die Stadtteile sind einen Tag früher als erwartet wieder am Netz. Das Anschalten der Notversorgung lief glatt. Offenbar ist auch durch den Stromausfall selbst niemand schwer verletzt worden. Auch um Kranke und Pflegebedürftige wurde sich am Wochenende schnell gekümmert. Und nein, das Stromnetz in Berlin, da sind sich die Experten einig, ist auch nicht auffallend verletzlicher oder schlechter als anderswo im Land.

Kai Wegner hätte ruhig schon Samstag vor Ort sein dürfen

Sicher wäre es ein gutes Signal gewesen, den Bürgermeister schon am Samstag vor Ort zu sehen. Die Helfer sind von so was meist wenig begeistert, das habe "keinerlei Mehrwert", sagt etwa der Chef der Berliner Polizeigewerkschaft. Doch es geht in der Politik auch um Symbole. Es hilft den Menschen ohne Strom, mitzubekommen, dass der Bürgermeister sich kümmert.

Viel wichtiger aber ist doch, dass sich Wegner offenbar nach jetzigem Stand des Wissens tatsächlich gut um das Problem gekümmert hat. Und selbst den Eindruck hatte, dass er vor Ort am Samstag nicht hilfreicher gewesen wäre als koordinierend am Telefon. Und dass ihm sein Tennisspiel dabei hilft.

Stattdessen wird die perfekte Leistung verlangt, tadelloses Verhalten, natürlich immer vom Wissensstand im Nachhinein und den eigenen Gewohnheiten aus betrachtet. Natürlich wusste Wegner, dass es nicht gut ankommt zu erzählen, dass er sich zwischendurch beim Tennis erholt hat (einen Kraftraum im Keller hätte man ihn vermutlich durchgehen lassen).

Populisten dürfen lügen, Demokraten müssen perfekt sein

Es ist schon merkwürdig: Während wir uns inzwischen tagtäglich mit Populisten herumschlagen müssen, die über wirklich wichtige Dinge die Unwahrheit sagen, von denen manche sprichwörtlich schon lügen, wenn sie nur den Mund aufmachen, haben wir an demokratische Politiker noch immer absurd hohe Ansprüche an richtiges Verhalten. Warum muss der Bürgermeister überhaupt über sein Privatleben Auskunft geben, wenn er doch offenkundig seine Arbeit macht?

Diese Art von Debatte gab es schon immer. Doch die Themen werden komplizierter, die Reaktionen schneller und die Debatten kurzatmiger. Die Neigung, über Stilfragen zu reden statt über das eigentliche Problem, nimmt zu.

Denn leider ist diese Technik immer noch erfolgreich. Es ist jetzt für Wegners politische Wettbewerber gar nicht wichtig, ob er wirklich zurücktritt. Es genügt schon, dass der Bürgermeister und die regierende Koalition sich das Handling des Blackouts nicht als politische Leistung ans Revers heften können.

Es ist so ein wenig der Populismus in uns allen, der da zum Vorschein kommt. Wir sollten ihn unterdrücken.

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