Vor dem Grab von Hassan Nasrallah brechen die Frauen in Tränen aus. Eine alte Dame verweist die Neuankömmlinge wortlos auf die freien Plätze in der Gedenkstätte im Süden Beiruts. Einige der Trauernden küssen den Grabstein, andere verharren minutenlang mit gesenkter Stirn im Gebet. Auf das Grab blickt streng der Oberste Führer Irans, Ayatollah Ali Chamenei, von einem Foto herab. Der Schrein befindet sich unter einer in Plastikplanen eingepackten Metallkonstruktion. Das Mausoleum für den getöteten Hisbollah-Anführer gleicht einer halbfertigen Veranstaltungshalle — noch scheint die Terrororganisation sein Ableben nicht verarbeitet zu haben.

Seitdem Hassan Nasrallah vor anderthalb Jahren durch einen israelischen Luftangriff getötet wurde, ist die einst mächtige Schiitenmiliz aus dem Libanon bloß ein Schatten ihrer selbst. Den fast täglichen israelischen Luftangriffen im Süden des Landes setzt die Hisbollah außer markigen Worten fast nichts mehr entgegen. Jetzt könnte ihr Einfluss noch stärker schwinden.

Denn mit dem Sturz des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro ist eine der wichtigsten Finanzierungsquellen der Terrororganisation in Gefahr. Seit Jahren fließen Millionen von Dollar aus Venezuela über ein verworrenes Netzwerk aus Drogenhändlern und Geldwäschern in die Kassen der Hisbollah — und in den Krieg gegen Israel.

Auch deswegen haben die USA Maduro am Samstag abgesetzt und nach New York verschleppt. Washington dulde keine Präsenz der Hisbollah in dem südamerikanischen Staat mehr, sagte der amerikanische Außenminister Marco Rubio kurz nach der Militäroperation.

Geldwäsche und Drogenschmuggel

„Venezuela ist für die Hisbollah seit Jahren einer der wichtigen Knotenpunkte, um ihr Geld aus dem Drogengeschäft zu waschen“, sagt Hans-Jakob Schindler, der die Denkfabrik „Counter Extremism Project“ leitet. Das Kokain stamme meist aus Kolumbien und werde über Venezuela nach Europa und Nordamerika geschmuggelt.

Dafür greife die Hisbollah auf einige der rund 340.000 Libanesen zurück, die in Venezuela leben. Über Kryptowährungen und Banken, die der Hisbollah nahestehen, gelange das Geld dann ins Ausland. „Wir reden da über Hunderte Millionen Dollar im Jahr“, sagt Terrorismusexperte Schindler.

Sollte eine neue venezolanische Regierung auf Wunsch der USA gegen diese Netzwerke vorgehen, könnte der Geldfluss abebben. Robert Evan Ellis hält das für kein unwahrscheinliches Szenario. „Die Hisbollah könnte eine der ersten Gruppen sein, die Venezuela bereit ist zu opfern, um die Vereinigten Staaten zu beschwichtigen“, sagt der Professor für Lateinamerikastudien am United States Army War College.

Die venezolanische Regierung habe die Gruppe zwar geduldet und von ihren Geschäften profitiert. Doch die ideologischen und wirtschaftlichen Verbindungen zu Ländern wie China und Russland seien für Caracas weitaus wichtiger, meint Ellis. Die Hisbollah könnte ihre Netzwerke in Venezuela im Ernstfall wohl verlagern. Das würde jedoch Zeit und Ressourcen kosten — beides ist bei der angeschlagenen Schiitenmiliz derzeit knapp.

Iran unter Druck

Nicht nur in den Hisbollah-Hochburgen im Libanon wird die Entmachtung Maduros mit Argwohn beobachtet. Auch die Schutzmacht der libanesischen Miliz dürfte über die Ereignisse in Venezuela besorgt sein. Der Iran steht ohnehin wegen der anhaltenden Proteste gegen die desolate Wirtschaftslage im Land unter Druck — der Sturz Maduros dürfte die ökonomischen Probleme verschärfen.

Caracas hatte Teheran bis dato Zugang zu Geld verschafft — unter anderem durch Ölhandel und militärische Kooperation. Doch da hörte laut Terrorismusexperte Schindler die Unterstützung nicht auf: „Iran hatte mit Venezuela einen Partner, der bereit war, Dokumente zu fälschen und logistisch zu helfen. Dies erleichterte die Umgehung internationaler Sanktionen erheblich.“

Gleichzeitig dürfte in Teheran die Furcht wachsen, künftig ebenfalls den Zorn Donald Trumps zu spüren. Der amerikanische Präsident warnte den Iran kürzlich davor, die Proteste brutal niederzuschlagen. Washington sei „locked and loaded“ („zum Eingreifen bereit“).

Die jüngsten Ereignisse in Venezuela dürften den Iran nun dazu veranlassen, die Drohung über das Vorgehen gegen die Demonstranten ernster zu nehmen“, sagt der amerikanische Professor Ellis. Ein unmittelbarer Militärschlag gegen den Iran sei jedoch unwahrscheinlich. Ein Angriff von außen würde dem Regime eher helfen und die Protestbewegung schwächen, erklärt der Militärexperte. Strategisch sei es für die USA sinnvoller, die inneren Dynamiken wirken zu lassen.

Kritik an Hisbollah-Unterstützung

Längst haben die iranischen Demonstranten Parolen wie „Weder für Libanon, noch für Gaza — mein Leben für den Iran“ skandiert. Sie kritisieren damit die kostspielige Unterstützung Teherans der sogenannten „Achse des Widerstands“ — einem islamistischen Milizennetzwerk im gesamten Nahen Osten. Das Kronjuwel der iranischen „Achse“ war lange Zeit die Hisbollah. Sollten sich die Machthaber in Teheran dazu entscheiden, wegen der wirtschaftlichen Probleme weniger Geld für ihre Proxys in der Region auszugeben, geriete die Hisbollah im Libanon unter noch stärkeren Druck.

Bis jetzt ist nicht abzusehen, wie stark der Sturz Maduros Iran und seine Stellvertreter trifft. Die Netzwerke der Hisbollah werden zwar nicht vollständig verschwinden, beruhen sie doch auf persönlichen Beziehungen, Handel und Diaspora-Strukturen. Der Sturz Maduros zwinge Iran und Hisbollah allerdings zu einem strategischen Rückzug, glaubt Lateinamerika-Experte Ellis: „Sie werden vorerst diskreter und weniger aggressiv agieren.“

Im Libanon ist diese neue Ära bereits zu erahnen. Viele Hisbollah-Flaggen sind aus der Hauptstadt Beirut verschwunden, nur im Kernland der Schiitenmiliz im Süden des Landes flattern die gelben Fahnen zahlreich am Straßenrand. Hier ist die Zerstörung aus dem Krieg gegen Israel besonders sichtbar — für den Wiederaufbau hatte die Hisbollah bisher offenbar kaum Mittel.

Nach dem Sturz des Diktators Maduro im mehr als 10.000 Kilometer entfernten Venezuela dürften die Geldprobleme der schiitischen Kämpfer nur noch zunehmen.

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