Um den Untergang der „Titanic“ im April 1912 ranken sich eine Reihe von Verschwörungserzählungen. Eine WELT-Recherche zeigt, dass nun ein AfD-Bundestagsabgeordneter in den sozialen Medien einen antisemitischen Mythos zum Sinken des Passagierschiffs verbreitet hat. Der Umweltpolitiker Manuel Krauthausen veröffentlichte am Morgen des 31. Dezember ein entsprechendes Video des Kanals „rotepyramidenwahrheit“ in seiner Instagram-Story.

Darin wird der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild (im Video als „die Rothschilds“ benannt) die Idee zur Gründung einer Zentralbank zugeschrieben. Die „reichsten Menschen der Welt“ hätten dies allerdings abgelehnt. „Die Rothschilds: mögt ihr Bootsausflüge?“, heißt es im Text zum Video weiter, das eine Animation des „Titanic“-Untergangs zeigt. Der Zeitpunkt ein Jahr vor der Gründung der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) werfe „bis heute Fragen auf“.

Der vom AfD-Abgeordneten Krauthausen verbreitete Clip suggeriert, die Rothschild-Familie habe die „Titanic“ untergehen lassen, um Gegner des Zentralbank-Vorhabens zu töten. Das Video enthält zudem das hebräische Volkslied Hava Nagila, das bei jüdischen Feiern gesungen wird. Der Titel bedeutet „Lasst uns frohlocken“ oder „Lasst uns glücklich sein“. Der jüdische Song war auch in Krauthausens Instagram-Story hörbar.

Der genannte Verschwörungsmythos zum Untergang der „Titanic“ war im Jahr 2023 von den US-amerikanischen Rechtsextremisten Stew Peters und Zachary Vorhies popularisiert worden. Die antisemitischen Nationalisten behaupteten damals in einem Podcast, die Gründung der Federal Reserve gehe auf die Rothschilds zurück. Diese seien bei der Gründung aber auf Widerstand gestoßen, insbesondere von den Geschäftsleuten John Jacob Astor IV, Benjamin Guggenheim und Isidor Straus, die damals zu den vermögendsten Männern der USA gehörten und beim Untergang der „Titanic“ starben. Das Zentralbank-System wurde dann im Jahr 1913 erschaffen.

Ähnliche Mythen waren bereits vor dem Podcast von Peters und Vorhies von anonymen Nutzern verbreitet worden. Im Jahr 2021 teilten zahlreiche Nutzer in sozialen Medien die Verschwörungserzählung, der Unternehmer J. P. Morgan sei für das angebliche Komplott zur Tötung der drei Männer verantwortlich – ebenfalls aufgrund von deren angeblichem Widerstand zur Gründung der Fed. Morgan besaß die „Titanic“, nahm aber an der Jungfernfahrt nicht teil.

„Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass sie Ziel gezielter Sabotage waren“, hieß es 2021 in einem Factchecking-Artikel der Nachrichtenagentur Reuters über Astor, Guggenheim und Straus. „Ebenso wenig gibt es Belege dafür, dass diese drei Männer Morgans Ideen zum zentralisierten Bankwesen ablehnten.“ Mehrere Artikel der „New York Times“ aus dem Jahr 1911 legen nahe, dass Straus sich sogar für die Idee der Zentralbank ausgesprochen hatte.

Die behauptete Verbindung zwischen der Familie Rothschild und der Gründung der US-Zentralbank ist ebenfalls unzutreffend. Lediglich einzelne jüdische Bankiers ohne Verbindung zu der Familie waren an der Fed-Gründung beteiligt – dies hatten bereits die Nationalsozialisten thematisiert.

Die Familie Rothschild ist bereits seit dem 19. Jahrhundert Ziel von zahlreichen Verschwörungsmythen. Ihr Name wird in antisemitischen Kreisen häufig als Code für eine vermeintliche jüdische Macht über das weltweite Finanzwesen verwendet. „Die einschlägige Szene erkennt hinter der bloßen Nennung des Begriffs ‚Rothschild‘ den Namen der jüdischen Familie und versteht die gegen Juden gerichtete Zuschreibung, ohne dass sie explizit genannt wird“, heißt es in einem Text der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

„Ganz klar eine rote Linie überschritten“

Der AfD-Abgeordnete Manuel Krauthausen war im vergangenen Jahr über Listenplatz 24 der AfD in Nordrhein-Westfalen erstmals in den Deutschen Bundestag eingezogen. Der 33-jährige Schornsteinfeger sitzt dort im Umweltausschuss.

WELT liegt ein Screenshot eines Postings vor, das Krauthausen Mitte Oktober 2025 in seinem WhatsApp-Status veröffentlichte. Krauthausen postete damals ein Foto, das ihn vor einem sogenannten Boxautomaten zeigt, der die Schlagkraft misst. „Sie nannten ihn den arischen Talahon“, schrieb Krauthausen dazu über sich selbst. „Talahon“ ist eine Selbstbezeichnung von jungen Männern mit meist arabischem Migrationshintergrund, die sich mit Gangsterposen im öffentlichen Raum inszenieren.

„Arisch“ ist seit der Verwendung durch die Nationalsozialisten eng mit der NS-Rassenideologie verknüpft. Die Konstruktion einer angeblich überlegenen nord- und mitteleuropäischen „arischen Rasse“ diente damals insbesondere zur Diskriminierung und Verfolgung von Juden, die als „nichtarisch“ definiert wurden.

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, übt scharfe Kritik an Krauthausen. „Verschwörungsmythen beflügeln die Spaltung der Gesellschaft und in der Folge Radikalisierung und die Legitimation von Gewalt“, sagte Klein WELT. „Ich halte es daher für nicht hinnehmbar, wenn Bundestagsabgeordnete augenscheinlich schamlos und ungeniert antisemitische Verschwörungsmythen verbreiten und so dazu beitragen, diese zu normalisieren und salonfähig zu machen.“

Wenn Verschwörungsmythen „eingesetzt werden, um politische Botschaften zu vermitteln“, sei „ganz klar eine rote Linie überschritten“. Gleiches gelte für die „Verwendung von NS-Terminologie“, sagte Klein weiter. „Auch hier wird durch die gezielte Verwendung versucht, eine Normalisierung zu erreichen und die mit problematischen Worten wie ‚arisch‘ verknüpfte Ideologie über den Sprachgebrauch in die Gesellschaft einzusickern.“

Krauthausen ließ seit Montag mehrere WELT-Anfragen unbeantwortet. Die Fraktion geht auf Distanz zu den Postings. Ein Sprecher teilte mit: „Die AfD-Bundestagsfraktion teilt den Inhalt des Videos und die verwendete Selbstbezeichnung nicht und hält die Verbreitung für unangemessen.“

Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“.

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