Christian Dürr setzt sich demonstrativ in die achte Sitzreihe der Staatsoper von Stuttgart, zwischen die Parteimitglieder. Der Vorsitzende ist umgeben vom Publikum, als einer von vielen, nicht herausgehoben in der ersten Reihe. Diese ungewöhnliche Aufstellung steht auch symbolisch für die außerparlamentarische Opposition, in der sich die FDP seit einem Jahr befindet. Nicht mehr auf der großen politischen Bühne, nicht mehr im Bundestag, sondern beschränkt auf die Rolle des Beobachters.

Die Geste deutet auch noch anderes an: Da übt sich jemand in Demut und Zurückhaltung. Die Bühne zum 160. „Dreikönigstreffen“, kurz 3K genannt, in Baden-Württembergs Landeshauptstadt überlässt der 48-Jährige erst einmal den anderen. Sein einstmals populärer, mächtiger Vorgänger Christian Lindner wird mit keinem Wort erwähnt, er ist auch nicht gekommen. Er habe sich aus der Politik verabschiedet, heißt es abseits der Bühne.

Dürr hatte bereits am Abend zuvor beim Parteiempfang in der Schwabenlandhalle im benachbarten Fellbach angedeutet, dass am 6. Januar einiges anders ablaufen würde als bisher. Das liegt auch an den Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 8. März und in Rheinland-Pfalz am 22. März. Diese Abstimmungen gelten als existenzielle Termine für die Gesamtpartei. Ein Wiedereinzug, dazu womöglich noch eine Regierungsbeteiligung, würde, so die Hoffnung der FDP, im Bund neue Relevanz verleihen. Es geht um den „Wiederaufbau“, denn seit dem verpassten Einzug in den Bundestag bei der Wahl im Februar 2025 liegen die Freidemokraten chronisch unter dem parlamentarischen Existenzminimum von fünf Prozent.

Eine solche Phase haben die Liberalen schon einmal ab 2013 durchlebt, ehe sie 2017 fulminant in den Bundestag zurückkehrten. Doch die Zeiten haben sich geändert. Vor allem konnte sich der damalige Parteichef Lindner als rhetorisch brillanter Hoffnungsträger profilieren und die Partei beflügeln. Dieser Nimbus fehlt seinem Nachfolger Dürr noch. Er steckt seit einem Jahr im Modus des Krisenmanagers.

Und Generalsekretärin Nicole Büttner, eine erfolgreiche Start-up-Unternehmerin, trainiert intensiv ihre Routine und die richtige Ansprache. Stabilisieren, inhaltlich neu ausrichten, sich maximal absetzen von den anderen Parteien und der Ampel-Vergangenheit.

Ein Vergleich zur früheren außerparlamentarischen Opposition ist noch aus anderen Gründen schwierig. Nach Dürrs Auffassung haben sich die Zeiten geändert: Der Reformdruck und die Reformbereitschaft in Deutschland seien jetzt größer, eigentlich eine politisch und gesellschaftlich günstige Zeit für die FDP. Doch es überträgt sich nicht auf ihre Werte in den Umfragen.

Das könnte mit einem anderen Problem zusammenhängen, das in der Partei immer wieder artikuliert wird: Die FDP profitiert nicht mehr wie früher von frustrierten CDU-Wählern. Der frühere Mechanismus im bürgerlichen Spektrum funktioniert heute immer seltener. Jedenfalls beobachten Christdemokraten und Liberale aktuell in Baden-Württemberg, dass sich enttäuschte CDU-Stammwähler nun vermehrt der AfD zuwenden. Auch die überdurchschnittliche Popularität der FDP bei den jungen Wählern hat sich verloren. Insgesamt ist der Sog der Extremisten größer geworden.

Dürr versucht eine Art politische Alchemie mit einer Botschaft: Die FDP sei die einzige Partei in der Mitte mit einem radikalen Reformwillen, also mittig, verfassungstreu – und trotzdem radikal.

Bei allen Unterschieden zur ersten Apo-Phase: Auf einen ähnlichen Effekt wie vor 2017 hoffen die Liberalen mehr denn je. Dafür steht persönlich wohl niemand so sehr wie Hans-Ulrich Rülke. Der langjährige, erfahrene FDP-Landeschef in Baden-Württemberg ist wieder einmal Spitzenkandidat und erinnert gern daran, dass mit der Landtagswahl 2016 im Ländle, wo seine Partei 8,3 Prozent erreichte, das damalige Comeback der Bundespartei begonnen hatte.

Mileis Staatssekretär beklagt deutsche Überregulierung

Rülke sorgte schon einen Tag vor dem Dreikönigstreffen für einen viel beachteten Coup: Beim FDP-Landesparteitag in Fellbach durfte auch Alejandro Cacace sprechen. Er ist Staatssekretär für Deregulierung in der Regierung des argentinischen Präsidenten Javier Milei.

Europa und Deutschland seien komplett überreguliert, klagte Cacace. Er nannte die seit Mileis Wahlkampf ikonisch gewordene „Kettensäge“, um öffentliche Aufgaben zu beschneiden und Steuersenkungen durchzusetzen. Bürger in Argentinien könnten melden, welche Vorschriften sie bei ihrem Geschäft, in ihrem Alltag belasteten, erzählte der Gast aus Südamerika. Cacace ist als Ehrengast zum Dreikönigstreffen gekommen und wird mit frenetischem Applaus begrüßt.

FDP-Spitzenkandidat Rülke arbeitet sich auf der Bühne vor allem an den Grünen ab. Der 64-Jährige hat eine Saatkrähe als Stofftier mitgebracht und heftet ihr bunte Federn an. Es ist eine Anspielung auf eine Fabel von Äsop, in dem eine Saatkrähe Königin der Vögel werden will, aber letztlich erkannt wird. Rülke vergleicht die Krähe mit dem Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir. „Es bleibt der alte, hässliche Vogel. Sie wird nicht Königin, weder bei Äsop noch in Baden-Württemberg“, sagt Rülke und erntet lauten Beifall.

Rülke giftet gegen den „Grünismus“ im Südwesten, mit dem er die 15-jährige Regierungsdominanz der Grünen meint, und lehnt ein Ampel-Bündnis mit SPD und Grünen ab. Er wirbt für ein „bürgerliches Bündnis“ mit der CDU, am liebsten in einer Deutschland-Koalition mit der SPD.

Das mag vermessen klingen angesichts der Umfragen, in denen die FDP zwischen fünf und sieben Prozent pendelt und Schwarz-Grün bisher am wahrscheinlichsten scheint. Doch die politische Situation ist insgesamt ziemlich wackelig, zumal die AfD zuletzt als zweitstärkste Kraft rangierte.

Anders hingegen die FDP-Spitzenkandidatin in Rheinland-Pfalz, Daniela Schmitt. Sie ist Landeswirtschaftsministerin in einer Ampel-Regierung in Mainz und lobt die Zusammenarbeit und die Leistung der FDP. „Wir zeigen nach zehn Jahren Regierungsverantwortung, dass wir den Unterschied machen können“, sagt Schmitt beim Dreikönigstreffen. Rheinland-Pfalz habe sich nach dem Durchbruch des heimischen Unternehmens Biontech beim Impfstoff in der Corona-Pandemie zu einem führenden Gesundheitsstandort entwickelt. Das sei eine der „Erfolgsgeschichten“, an denen die FDP mitgeschrieben habe. Allerdings liegt die FDP dort gerade einmal bei vier Prozent in den Umfragen.

Es sind dann Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Wolfgang Kubicki, die den Theatersaal zu Jubelstürmen hinreißen. Die beiden streitbaren Parteigranden sitzen in einer Loge wie die grantelnden Senioren Waldorf und Statler bei der „Muppet Show“ und frotzeln über sich und die Partei. Es ist auch eine Geste der innerparteilichen Versöhnung, nachdem es in der Übergangsphase zu Differenzen zwischen den beiden gekommen war. Kubicki arbeitete sich vor allem an den Linken ab.

Ganz am Ende steht Parteichef Dürr im Publikum auf und hält die letzte Rede. „Wenn wir eine Null-Risiko-Strategie fahren, dann werden wir die Zukunft nicht gewinnen.“ Seine Partei sei nicht mehr Teil eines politischen Status-quo-Lagers. Dürrs rhetorischer Schwung wird jäh unterbrochen durch einen Schwächeanfall im Publikum. Notärzte eilen herbei und bringen den Mann hinaus. Einige Minuten später steht Dürr auf der Bühne und gibt Entwarnung: Der Mann sei auf dem Wege der Besserung.

Der Parteichef nimmt noch einmal Anlauf und nennt seine zwei zentralen Schwerpunkte: eine Migrationspolitik, bei der diejenigen, die einen Arbeitsvertrag hätten, Lohn bekämen und Steuern zahlten, sofort kommen dürften, aber ohne Anspruch auf soziale Leistungen. Und in der Bildungspolitik fordert er höhere finanzielle Ausgaben für die Grundschulen, mindestens 1,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes, also eine Verdoppelung der bisherigen Finanzierung.

Und dann versucht er, in den Modus des Hoffnungsträgers zu wechseln: „Jetzt ist unsere Zeit. Jetzt ist der Moment. Ab heute beginnt der Aufbruch für die Freien Demokraten in Deutschland.“

Kristian Frigelj berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

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