In Krisen kommt es für Politiker darauf an, Tatkraft zu zeigen. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner muss sich Fragen danach gefallen lassen, was er am Samstag eigentlich getan habe.

Es ist ein gespenstischer Anblick, der sich am Samstagabend im Berliner Stadtteil Lichterfelde bietet: Östlich des Dahlemer Weges, einer langen Nord-Süd-Achse, leuchten Weihnachtsterne und Lichterketten an den Wohnhäusern. Westlich davon aber ragen zwei Hochhäuser dunkel wie riesige Felsbrocken in den schwarzen Nachthimmel. Auch die Neubausiedlung daneben – finster. Nur in einzelnen Fenstern erkennt man Kerzenschimmer.  

Schon seit mehr als 14 Stunden ist zu diesem Zeitpunkt der Strom in weiten Teilen des Berliner Südwestens ausgefallen. Mehr als 45.000 Haushalte sind betroffen. Kein Strom, in vielen Wohnungen keine Heizung, oft kein Internet, auch das Funknetz fällt teilweise aus. Grund ist ein Anschlag auf eine Kabelbrücke des Kraftwerks am Teltow-Kanal. Ein ganzer Stadtteil ist stillgelegt.

Berlins Bürgermeister taucht erst am Sonntag im Krisengebiet auf

Die Ausmaße des Blackouts, die sich im Laufe des Tages offenbaren, sind so groß, dass sie auch politisch nicht ohne Folgen für die Stadt bleiben werden, in der in diesem Jahr die Wahlen zum Abgeordnetenhaus stattfinden. Vor allem Bürgermeister Kai Wegner (CDU) steht in der Kritik, weil er zunächst nur über den Nachrichtendienst X kommuniziert und sich erst am Sonntag im Krisengebiet blicken lässt. 

Es gibt ein Bekennerschreiben einer Anarchistengruppe namens Vulkan, in dem es heißt, der Anschlag habe dem Kraftwerk gegolten, den Stromausfall habe man nicht beabsichtigt. Das hilft den betroffenen Menschen wenig. Es hat den ganzen Tag geschneit in Berlin, die Temperaturen in der Nacht zu Sonntag fallen auf minus sechs Grad. 

In vielen Wohnungen sind die Heizungen ausgefallen. Anwohner verlassen ihre Häuser, ziehen zu Bekannten oder Verwandten in der Stadt. Bei ihm funktioniere nichts mehr, erzählt der Rentner Achim Hinkfuß im Fernsehsender rbb, nur seine Hörgeräte habe er glücklicherweise kurz vorher noch aufgeladen. 

Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf hat drei Notunterkünfte eingerichtet. Mindestens zwei Pflegeheime mussten evakuiert werden, die Krankenhäuser bleiben dank Notstromaggregaten in Betrieb.  

Mehrere hundert Helfer von Feuerwehr und anderen Diensten sind unterwegs, wichtige Durchgangsstraßen sind gesperrt, fortwährend hört man Sirenen über dem betroffenen Gebiet. Polizeiwagen fahren durch die Wohnviertel und informieren die Menschen mit Lautsprecherdurchsagen. Die Sorge vor Einbrechern geht um, die sich die Dunkelheit in verlassenen Immobilien zunutze machen könnten. 

2200 Gewerbekunden sind betroffen. Einer davon ist das Edeka-Geschäft in der Sundgauer Straße, zentraler Supermarkt für ein großes Wohngebiet in der Umgebung und Samstags stets stark frequentiert. Doch an diesem Tag müssen Kunden und viele Mitarbeiter draußen bleiben, kein Licht, keine Kühlung, auch die elektrischen Türen gehen nicht auf. Einige Verkäufer harren erst einmal aus, weil zunächst die Hoffnung besteht, dass der Strom bald zurückkommt. Doch das ist eine Illusion. Im Laufe des Tages kommt die Nachricht, dass die meisten Haushalte voraussichtlich erst am Donnerstag wieder an das Stromnetz angeschlossen werden können. Fünf Tage ohne Strom? Das gab es in Berlin seit Jahrzehnten nicht mehr.

Das Wichtigste aus der Bundespolitik auf einen Blick

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Hauptstadt-Newsletter – und lesen Sie die wichtigsten Infos der Woche, von unseren Berliner Politik-Expertinnen und -Experten für Sie ausgewählt!

Nebenan die S-Bahn-Station. Die Züge der wichtigen Linie 1, die den Südwesten mit Berlins Mitte verbinden, fahren zwar, aber sie halten nicht an allen Stationen. Der Stromausfall hat auch ein Stellwerk lahmgelegt. Nur per Bus kann den Stadtteil verlassen, wer kein Auto hat. Und selbst mancher, der eines hat, bleibt in der Garage hängen, weil sich die elektrischen Rolltore nicht öffnen lassen. 

Die Betreibergesellschaft des Stromnetzes schickt am Samstagnachmittag die Bagger los. Es geht zunächst darum, durch den Stromausfall beschädigte Kabel schnell zu reparieren. Als erstes wird an einem Umspannwerk gegraben, um die unterirdischen Kabel zu erreichen, zu ersetzen und so den vorhandenen Strom auch an die anderen betroffenen Umspannwerke zu leiten. Damit, so sagt es Olaf Weidner von Stromnetz Berlin, wolle man mit einem Provisorium zumindest die Kunden so schnell wie möglich wieder ans Netz holen. 

Wegner: "Warum dauert das bis Donnerstag? Warum?"

Am Sonntag taucht dann auch Kai Wegner auf. Berlins Regierender Bürgermeister besucht unter anderem eine Notunterkunft, die in einer Sportanlage eingerichtet wurde. In der Nacht auf Sonntag haben dort ein paar wenige Menschen auf den aufgestellten Feldbetten übernachtet. 

Er könne verstehen, dass die Menschen wütend seien und dass sie Fragen hätten, sagt der CDU-Politiker in die Kameras. "Wer möchte das schon gern, bei diesen Temperaturen ohne Wärme, ohne Strom zu sein?" Auf dem Schild über seinem Kopf ist "Blau-Weiss Berlin Club für Amateurtanzsport" zu lesen. Man arbeite mit Hochdruck daran, die Menschen zu erreichen und zu informieren, sagt der Regierende Bürgermeister. Das sei schwer, weil ja unter anderem vielerorts das Internet nicht funktioniere.

Für politisch Verantwortliche kommt es in solchen Situationen darauf an, Tatkraft zu demonstrieren. Nicht umsonst watete Gerhard Schröder 2002 in Gummistiefeln durchs Elbhochwasser und versprach schnelle Hilfe. Im entgegengesetzten Fall musste die Grünen-Politikerin Anne Spiegel 2022 wegen des schlechten Managements nach der Ahrtal-Flut zurücktreten.

Wegner konnte bereits am Samstagabend in einem Kommentar in der "Berliner Morgenpost" über sich lesen: "Er entzieht sich der Verantwortung und glänzt durch Abwesenheit". Nun steht er bei Minus 1 Grad in schwarzen Winterboots, der Reißverschluss seiner Winterjacke ein Stück offen, vor den Pressevertretern und muss sich Fragen danach gefallen lassen, was er am Samstag eigentlich getan habe. 

"Ich habe mich gestern weder gelangweilt, noch die Füße hochgelegt", sagt Wegner leicht gereizt, aber beherrscht. Er habe den ganzen Tag viel telefoniert, mit der Innensenatorin, mit der Stromnetz Berlin, mit dem Kanzleramt, mit dem Bundesinnenminister. Am Abend habe es außerdem eine große Schalte des Krisenstabs gegeben. 

Für ihn sei dabei die "ganz große Frage" von Beginn an gewesen: "Warum dauert das bis Donnerstag? Warum?" Diese Frage habe er sich den ganzen Vormittag gestellt, den ganzen Tag. Die Empathie mit den Betroffenen kann man Wegner sicher nicht absprechen, aber wer weiß, dass das auch eine politische Frage ist: Mit jedem Tag in Kälte und Dunkelheit wächst der Frust über die Behörden. Und er ist der Chef. Vom Büro in seinem Zuhause aus habe er sich schon den ganzen Samstag um das Krisenmanagement gekümmert, räumt er auf Nachfrage ein. Seine Priorität sei, die Kunden wieder ans Netz zu bringen, über alles andere rede man danach.

Die Erklärung für die Frage, die den Regierenden Bürgermeister umtrieb, erläutert die Senatorin für Energie, Franziska Giffey dann ausführlich. Bei dem Anschlag wurden fünf Hochspannungskabel und zehn Mittelspannungskabel zerstört. Die Mittelspannungskabel konnten inzwischen repariert werden, weshalb 7000 Haushalte wieder versorgt sind. Bei den Hochspannungskabeln allerdings, gebe es "sehr komplexe Bedingungen", so die SPD-Politikerin. Diese müssten bei Plusgraden bearbeitet werden. Es brauche große Bodenaushübe und die Baustellen müssten frostfrei gemacht werden. Auch müssten bei den Reparaturarbeiten unterschiedliche Kabeltypen verbunden werden, Ölkabel und Kunststoffkabel, was eine "zusätzliche Herausforderung" sei. Normalerweise dauere das fünf Wochen, nun werde das in fünf Tagen versucht. 

Es ist der mutmaßlich zweite große Anschlag auf die Energieinfrastruktur der Hauptstadt innerhalb kürzester Zeit. Im September war es nach einem Brandanschlag auf zwei Strommasten zu einem großflächigen Stromausfall im Südosten Berlins gekommen. In einem Bekennerschreiben hieß es damals von einer Gruppe, die sich selbst als "einige Anarch:istinnen" bezeichnete, dass der Anschlag insbesondere dem Technologiepark in Berlin-Adlershof gegolten habe.

Wird es Saboteuren zu einfach gemacht?

Auch im jetzigen Fall gibt es ein Bekennerschreiben, mit dem die linksextreme Vulkangruppe den Anschlag für sich reklamiert. Bereits seit 2011 kam es immer wieder zu Anschlägen in Berlin und Brandenburg, die von anonymen Autoren, die sich selbst "Vulkangruppen" nennen, für sich reklamiert wurden. Man habe das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde "erfolgreich sabotiert", heißt es in dem Schreiben. Der Angriff auf das Gaskraftwerk wird dabei als "ein Akt der Notwehr" bezeichnet, und "der internationalen Solidarität mit allen, die die Erde und das Leben schützen". 

Wird es Saboteuren zu einfach gemacht, rund um die deutsche Hauptstadt großen Schaden zu verursachen? Von der Opposition im Bund jedenfalls kommt deutliche Kritik: Seit Jahren wisse man um die Verletzlichkeit der kritischen Infrastruktur in Zeiten von Terrorismus und Sabotage, schreibt der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz auf der Plattform X. Deren Schutz sei viele Jahre vernachlässigt worden. 

Die Täter des Anschlags vom September sind bislang nicht ausgemacht. Im jetzigen Fall wolle man "massiv, und ganz engagiert, ermitteln, wer diese Täter sind", sagt Wegner. Es sei inakzeptabel, dass hier "offenkundig Linksextreme erneut unser Stromnetz angreifen, und damit Menschenleben gefährden." Diese verdienten eine "wirklich gerechte Strafe", das wolle er sehr deutlich sagen. 

Es ist der Versuch, sich entschlossen zu zeigen. Doch so ganz überzeugend kommt das an diesem Sonntag nicht rüber. Andere sind da schon deutlicher als Wegner unterwegs, etwa Jens Spahn, Fraktionschef der Union im Bundestag: "Das ist ein linksextremer Akt des Terrors", schreibt er auf X. "Und genau so muss er auch bekämpft werden." Deshalb weite man die Befugnisse der Sicherheitsbehörden aus und verstärke ihre Ressourcen.

  • Berlin
  • Kai Wegner
  • Strom
  • Stromausfall
  • CDU
  • Sabotageakt

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke