Als Frank Darío Jarrosay die Nachricht von „einer Arbeitsreise nach Russland“ auf seinem Handy bekam, schien das für den 35-Jährigen eine große Chance. Für den gelernten Wirtschaftsingenieur war schnell klar: „Für einen Kubaner ist es ein Erfolg, in ein anderes Land gehen zu können, um dort arbeiten zu dürfen. Mein Ziel war es, meiner Familie zu helfen und voranzukommen.“

In Russland angekommen, ging es zu seiner großen Überraschung dann aber nicht auf eine Baustelle, sondern sofort zu einer Militärbasis in Rostow. Dort warteten bereits andere Kubaner. „Uns wurde ein Vertrag in russischer Sprache vorgelegt. Niemand hat ihn uns erklärt. Wir unterschrieben ein Papier, von dem wir nicht einmal wussten, worum es sich handelte, erzählt Jarrosay.

Von Rostow ging es weiter nach Donezk und von dort aus an die Front. „Wir wussten zu keinem Zeitpunkt, dass wir in den Krieg ziehen sollten. Wir sind eigentlich als Maurer gekommen“, sagt Jarrosay. „Und irgendwann steht man in einem Bunker und schießt.“

Die Aussagen stammen aus dem Bericht „Kuba im Krieg in der Ukraine – Beweise für die Massenrekrutierung von Kämpfern für Russland“ der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, der WELT vorliegt und der erstmals die Zahl und die Rekrutierung der kubanischen Kämpfer für die russische Armee umfassend analysiert.

Laut Geheimdienstquellen gehen Experten davon aus, dass zwischen 5000 und 25.000 Kubaner in der Ukraine für die russische Armee im Einsatz sind. Die Karibikinsel ist demzufolge nach Nordkorea das Land, das die meisten ausländischen Kämpfer für Putins Angriffskrieg beisteuert.

Die Autoren des Berichts fassten Medienberichte, Zeugenaussagen, Geheimdienstquellen und Experteneinschätzungen zusammen. Führende Autorin des Beitrages ist die Exil-Kubanerin Carolina Barrero, die 2021 an den historischen Sozialprotesten gegen die kommunistische Diktatur teilnahm und seit 2022 in Spanien lebt. Sie hat die liberale Organisation Bürgerschaft und Freiheit gegründet, die sich für demokratische Grundrechte auf Kuba einsetzt.

Unabhängig von dem Barrero-Bericht bestätigt Javier Larrondo von der Bürgerrechtsorganisation Prisoners Defenders die in dem Bericht aufgeführte Praxis. Seine Organisation setzt sich für die Rechte politischer Gefangener auf Kuba ein.

Seit Juli 2023 erfolge die Rekrutierung mit der eigens dafür geschaffenen, damals noch neuen Direktverbindung zwischen Havanna (Varadero) und Moskau, sagt Larrondo im Gespräch mit WELT. Seine NGO habe selbst hunderte Fälle dokumentieren können und sei mit den Angehörigen im Gespräch.

Die jungen Männer würden über Beiträge in sozialen Netzwerken rekrutiert, die überall auf Facebook in Kuba zu finden waren. Das Internet auf Kuba wird vom Ein-Parteien-Regime in Havanna kontrolliert. Die Regierung dürfte also über alle Schritte der russischen Rekrutierungsinitiative informiert sein und diese auch billigen. Kubanische Oppositionelle werfen ihr ein Geschäft vor: Havanna schickt Soldaten, Moskau schickt Öl.

Mehr als das 100-fache Gehalt versprochen

„Ihnen wurde ein für kubanische Verhältnisse unglaublich hohes Gehalt von mehr als 2000 Dollar pro Monat versprochen“, sagt Larrondo mit Blick auf die rekrutierten Kubaner. Der Monatsverdienst auf Kuba betrage für einfache Arbeiter gerade einmal 17 Dollar.

Darauf, dass dies alles mit Zustimmung des Regimes in Havanna geschehe, deute auch eine interessante Personalie hin. Eine zentrale Figur sei Mónica Milián Gómez, Oberstleutnantin der kubanischen Armee und zu diesem Zeitpunkt kubanischer Militärattaché in Moskau. Sie ist die Tochter des verstorbenen Generalmajors Roberto Milián Vega, der an der Seite von Kubas langjährigen Machthaber Raúl Castro in der Revolution gekämpft hatte.

Moskau und Havanna sind seit alten Ostblock-Zeiten enge Verbündete. Die damalige Sowjetunion unterstützte die kubanische Revolution von Fidel Castro jahrzehntelang, auch, weil sie der gemeinsame ideologische Feind verband: die USA. In den 1960er-Jahren stand die Welt kurz vor einem Atomkrieg, weil Moskau heimlich auf Kuba Atomraketen stationiert hatte.

Der damalige Präsident John F. Kennedy verhängte eine Seeblockade gegen Kuba, schließlich einigten sich Washington und Moskau auf den Abzug von russischen Raketen auf Kuba und amerikanischen aus der Türkei. Die kubanisch-russische Regierungsfreundschaft ist geblieben.

Der Barrero-Bericht deckt zwei parallele Rekrutierungsströme auf. Etwa 60 Prozent der zivilen Arbeiter werden mit falschen Versprechungen auf einen Arbeitsplatz im Baugewerbe getäuscht, während 40 Prozent des Militär- und Geheimdienstpersonals bewusst eingesetzt werden.

Dass sich so viele Kubaner für „Arbeitsangebote“ in Russland interessieren, liegt an der katastrophalen Wirtschaftslage im Land. Nach den niedergeschlagenen und mit langen Haftstrafen geahndeten Sozialprotesten 2021 auf Kuba hat die bislang größte Migrationsbewegung der kubanischen Geschichte eingesetzt. Schätzungen gehen von bis zu einer Million Kubaner aus, die die Insel verlassen haben könnten – etwa ein Zehntel der Bevölkerung.

Vor allem junge Kubaner sehen in dem planwirtschaftlich-sozialistischen und repressiven Modell keine Zukunft mehr. Das Regime in Havanna macht das jahrzehntelange US-Handelsembargo für die Versorgungsprobleme verantwortlich.

Für Jarrosay ging die „Arbeitsreise“ nach Russland glimpflich aus. Der farbenblinde Kubaner hatte sich während einer nächtlichen Mission verirrt, wurde von seinem russischen Kameraden im Stich gelassen und stolperte in einen ukrainischen Schützengraben und wurde gefangengenommen.

Aus seinem Gefängnis in der Ukraine hat Jarrosay mehrere Interviews gegeben. „In meinen Augen gibt es keine Schuld. Ich habe niemanden getötet.“ Über seine Zukunftspläne sagte der Kubaner: „Ich würde lieber 50 Jahre in einem ukrainischen Gefängnis verbringen, als nach Kuba zurückzukehren.“

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke