Weltweit leben mindestens vier Millionen Menschen mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (CED). Sie entwickelt sich offenbar lange, bevor die ersten Beschwerden auftreten. Denn bereits bis zu zehn Jahre vor der Diagnose lassen sich charakteristische Antikörpermuster im Blut der Betroffenen erkennen.

Das zeigen Untersuchungen eines internationalen Forscherteams unter Leitung von Arno Bourgonje, der am Universitätsklinikum Groningen in den Niederlanden und an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai in New York tätig ist. Die Studie haben die Forscher im Fachmagazin „Gut“ veröffentlicht.

„Zu lange konnten wir entzündliche Darmerkrankungen erst behandeln, wenn der Schaden bereits entstanden war, und für viele Menschen ist es dann zu spät“, sagt Bourgonje. Die Ergebnisse der Studie wecken nun die Hoffnung, gefährdete Menschen künftig deutlich früher identifizieren und möglicherweise sogar vorbeugend behandeln zu können.

Häufigste Formen der CED sind Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Allein in Deutschland wird die Zahl der Betroffenen auf bis zu 600.000 geschätzt. Jedes Jahr kommen rund 10.000 Neudiagnosen hinzu. Wenn jedoch typische Symptome wie Bauchschmerzen, Durchfälle, Blutungen oder starke Erschöpfung auftreten, ist die Erkrankung meist schon weit fortgeschritten und hat erhebliche Schäden im Darm verursacht.

Doch nun zeigt sich, dass der Krankheitsprozess offensichtlich viel früher beginnt und das Immunsystem lange vor Auftreten der ersten Symptome messbare Spuren im Blut hinterlässt.

Gemeinsam mit Kollegen am Mount Sinai und der Medizinischen Universität Wien untersuchte Bourgonje rund 2000 Blutproben von 500 Angehörigen des US‑Militärs. Darunter befanden sich 200 Personen, die später an Morbus Crohn erkrankten, 200 mit späterer Colitis-ulcerosa-Diagnose sowie 100 gesunde Vergleichspersonen.

Die Proben stammten teilweise aus Zeiträumen bis zu zehn Jahre vor der eigentlichen Erkrankung. Sie wurden auf Antikörper gegen Bakterien, Viren, Nahrungsmittel und körpereigene Gewebe untersucht. Dabei zeigte sich, dass Menschen mit späterer CED bereits Jahre vor der Diagnose ein verändertes Immunprofil aufwiesen.

Besonders bei Morbus Crohn fanden die Forscher Antikörper gegen das Epstein-Barr-Virus, den Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Gleichzeitig nahm die Immunantwort gegen bestimmte schützende Darmbakterien im Verlauf ab. Bei Colitis ulcerosa fanden die Wissenschaftler verstärkt Antikörper, die sich gegen körpereigenes Gewebe richten.

Weitere Studien sind notwendig

Die Studie liefert neue Einblicke in die sogenannte Vorphase der Erkrankung. CED tritt nicht plötzlich auf, sondern entwickelt sich über viele Jahre hinweg. Die Forscher hoffen, anhand der Antikörpermuster Risikopatienten erkennen und frühzeitig behandeln zu können – um die Krankheit zu verhindern oder zumindest den Ausbruch zu verzögern.

Bourgonje warnt aber vor zu hohen Erwartungen: „Dies ist noch kein Test, der jemandem vorhersagen kann, ob er erkranken wird. Aber er ist ein wichtiger Schritt, um die Krankheit früher zu erkennen und sie eines Tages zu verhindern.“ Noch eignet sich die Methode also nicht für den klinischen Alltag. Weitere Studien sind notwendig.

Was zu einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung führt, ist bislang nicht eindeutig geklärt. Vermutet werden genetische und immunologische Faktoren sowie Umwelteinflüsse. Zudem erhöhen chronische Darmentzündungen das Risiko für Darmkrebs.

Für viele Betroffene vergehen zwischen ersten Beschwerden und der endgültigen Diagnose Monate oder sogar Jahre. Häufig bleibt dann nur noch eine Operation, um die geschädigten Darmabschnitte zu entfernen.

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