„Das sind 200.000 Krebsfälle, die nicht sein müssten"
Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 500.000 Menschen an Krebs. Viele dieser Patienten können heute auf Heilung hoffen. Professor Michael Baumann ist Radioonkologe und seit zehn Jahren Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. Er erklärt, welche Therapien die vielversprechendsten sind – und was am besten vor der Krankheit schützt.
WELT: Herr Professor Baumann, warum haben so viele Menschen Angst vor Krebs?
Michael Baumann: Unbehandelte Tumoren konnten früher sehr, sehr große Schmerzen verursachen. Und oft folgte ein qualvolles Sterben. Diese Erfahrungen haben sich in unser kulturelles Gedächtnis als Fakt eingebrannt. Hinzu kommt die Angst vor der Behandlung und ihren möglichen Nebenwirkungen. Aber das ist ein Blick aus der Vergangenheit. Es hat sich viel verändert.
WELT: Die Diagnose Krebs ist kein Todesurteil mehr?
Baumann: Heute überleben in Deutschland und vielen anderen Ländern mit einem guten Gesundheitssystem bis zu 65 Prozent der Krebspatienten mindestens fünf Jahre. Um die Jahrtausendwende waren es etwa 56 Prozent. Spätere Rezidive, also Rückfälle, sind leider nicht ausgeschlossen. Und es gibt aggressive Krebsformen, die trotz Therapie nach wie vor schnell zum Tode führen können. Immer häufiger gelingt aber auch eine vollständige Heilung, etwa beim Hodenkrebs, beim Non-Hodgkin-Lymphom und bei Leukämien bei Kindern, aber auch bei häufigen Erkrankungen wie Brust- oder Darmkrebs – vorausgesetzt, sie wurden in frühen Stadien entdeckt. Und auch mit manchen unheilbaren Krebsarten können Patienten über viele Jahre überleben. Es ist eine langsame Verbesserung in vielen einzelnen Schritten: Diagnosen werden genauer, medikamentöse Therapien wirksamer und gezielter, Strahlentherapie und Operationen präziser.
Professor Michael BaumannWELT: Was hat die Krebstherapie zuletzt besonders vorangebracht?
Baumann: Die Erkenntnis, wie heterogen Tumoren sind. Wenn ein Pathologe durchs Mikroskop schaut und die Präparate von Patient A und Patient B der gleichen Klasse von Tumoren zuordnet, können sie sich in ihren biologischen Details von Patient zu Patient sehr stark unterscheiden. Und auch ein Tumor selbst ist sehr heterogen, links oben kann er völlig anders aussehen als rechts unten. Ein Tumor verändert sich zudem im Laufe seines Wachstums: Im frühen Stadium ist er anders als in einem späteren Stadium. Krebs ist die komplexeste Krankheit, die wir kennen.
WELT: Was folgt daraus?
Baumann: Es gibt nicht die eine Therapie, die für alle Krebsarten und alle Patienten passt. Der Trend geht dahin, die Behandlungen zu personalisieren. Dafür müssen wir Methoden entwickeln, um schnell und sicher die spezifischen biologischen Eigenschaften eines Tumors auf molekularer Ebene zu identifizieren.
WELT: Derzeit wird viel über therapeutische Impfungen berichtet. Welches Potenzial sehen Sie darin?
Baumann: Therapeutische Impfungen sind eine Untergruppe der Immuntherapie, bei der die körpereigene Abwehr gegen die Krebszellen unterstützt wird. Es gibt heute verschiedene immuntherapeutische Ansätze. Begonnen hat es mit den sogenannten Checkpoint-Inhibitoren. Sie lösen bestimmte Bremsen, mit denen sich Tumorzellen vor dem Angriff des Immunsystems schützen und die etwa beim Melanom, bei Nierenkrebs und bestimmten Formen von Lungenkrebs gut wirken. Bei der sogenannten CAR-T-Zell-Therapie werden dagegen Immunzellen eines Patienten so verändert, dass sie spezifische Merkmale des Tumors erkennen und die Krebszellen vernichten können. Damit werden heute schon bestimmte Leukämien und Lymphome behandelt, teilweise mit sehr guten Erfolgen. Aber es ist derzeit noch eine sehr, sehr teure Therapie.
WELT: Und die therapeutischen Impfungen?
Baumann: Die Impfstoffe auf der Basis von mRNA-Molekülen oder Peptiden, also kleinen Eiweißbausteinen, enthalten typische Merkmale des jeweiligen Tumors und trainieren das körpereigene Immunsystem, diese Tumorzellen gezielt zu bekämpfen. Das ist ein vielversprechender Ansatz, der weltweit verfolgt wird – auch hier bei uns am Krebsforschungszentrum. Weltweit laufen zahlreiche Studien; ein mRNA-Impfstoff gegen das Melanom soll kommendes Jahr zugelassen werden.
WELT: Welche Potenziale sehen Sie in der Künstlichen Intelligenz?
Baumann: Die KI ist aus der Krebsforschung und der Klinik nicht mehr wegzudenken. Das beginnt mit der Diagnostik. Bei der Bestimmung der spezifischen genetischen Eigenschaften von Tumorzellen fallen so große Datenmengen an, dass sie nur mithilfe der KI ausgewertet werden können. Ein anderes Beispiel: Die KI ist unglaublich gut darin, Bilder auszuwerten. Das macht nicht nur die Diagnosen in der Radiologie genauer und schneller, sondern das gilt auch für die Bewertung von Gewebeschnitten in der Pathologie.
WELT: Ist die KI bereits besser als der Mensch?
Baumann: Ich sehe die KI vor allem als Hilfsmittel. Wenn Ärzte verschiedener Fachdisziplinen in einem sogenannten Tumorboard beraten, welche Therapie für einen Patienten die beste wäre, kann auch die KI anhand der vorliegenden Daten im Vergleich zum weltweiten Wissen eine Empfehlung abgeben. Die Erfahrung zeigt, dass diese Empfehlungen in der Regel sehr gut sind. Die Entscheidung, welche Therapie angewendet wird, trifft am Ende aber natürlich der Mensch. Auch in der Krebsforschung ist die KI hilfreich, wenn es etwa darum geht, vor Beginn einer Versuchsreihe die Fragestellung zu schärfen. Das kann Zeit und Geld sparen. Laboruntersuchungen sind teuer und brauchen viel Personal. Die Forschung wird so insgesamt effizienter und schneller.
WELT: Wie ist es mit der Früherkennung?
Baumann: Die KI kann heute schon anhand von normalen Gesundheitsdaten, die jeder auf seiner Karteikarte beim Arzt oder künftig in der elektronischen Patientenakte gespeichert hat, für tausend unterschiedliche Erkrankungen ziemlich genau vorhersagen, ob und wann eine Person erkrankt. So könnten in Zukunft Hochrisikopersonen für bestimmte Krebserkrankungen identifiziert werden. Im Rahmen von gezielten Vorsorgeuntersuchungen ließen sich dann Tumoren in einem frühen Stadium entdecken und behandeln.
WELT: Sehen Sie Veränderungen bei der Häufigkeit bestimmter Krebsarten? Seit fast alle Haushalte einen Kühlschrank haben, gibt es weniger Magenkrebs.
Baumann: Das war in der Tat eine der bislang effektivsten Maßnahmen der präventiven Medizin, weil Lebensmittel nicht mehr durch schädliche Verfahren wie Räuchern oder Pökeln haltbar gemacht werden mussten und weniger schnell verdarben. Seit Jahren beobachten wir, dass der Schwarze Hautkrebs zunimmt, weil sich immer mehr Menschen in ihrer Freizeit ungeschützt der Sonnenstrahlung aussetzen. Eine Zunahme beobachten wir auch beim Bauchspeicheldrüsenkrebs, einem sehr bösartigen Tumor. Auch da sehen wir einen Zusammenhang mit dem Lebensstil, also mit Fettleibigkeit und Diabetes. Dieser Lebensstil steht auch im Zusammenhang mit Leberkrebs, der weltweit auf dem Vormarsch ist.
WELT: Gibt es in Deutschland Regionen, in denen bestimmte Krebsarten besonders häufig sind?
Baumann: In vielen ostdeutschen Bundesländern wird insgesamt noch mehr geraucht. Und Rauchen ist der größte Risikofaktor nicht nur für Lungenkrebs, sondern für mindestens 16 weitere Krebsarten. Auch ein hoher Fleischkonsum erhöht das Risiko, an Krebs zu erkranken. Die Häufigkeit von Krebserkrankungen lässt sich zudem mit dem Einkommen korrelieren. Menschen mit niedrigerem Einkommen erkranken häufiger an Krebs und haben insgesamt eine schlechtere Prognose, die Krankheit zu überleben. Das liegt unter anderem an geringerem Wissen über einen gesunden Lebensstil. Daten aus verschiedenen Ländern belegen auch eine niedrigere Impfquote in der ärmeren Bevölkerung, was das Krebsrisiko ebenfalls erhöhen kann.
WELT: inwiefern?
Baumann: Mein Vorvorgänger hier am DKFZ, Harald zur Hausen, hat eine klassische Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs entwickelt, für die er 2008 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Diese Krebsart wird durch Papillomviren (HPV) ausgelöst und kann durch die Impfung im Jugendalter sicher verhindert werden. Doch nur die Hälfte der Mädchen ist geimpft, und bei den Jungen, die die Viren übertragen, aber auch selbst an bestimmten Krebsformen erkranken können, ist es sogar nur ein Drittel. Bei einer Impfquote von 90 Prozent wäre die Krankheit nahezu verschwunden. Andere Länder schaffen das.
WELT: Zum Beispiel?
Baumann: Norwegen, Großbritannien und Australien organisieren die HPV-Impfungen über die Schulen. Bei uns wird in Praxen geimpft. Aber Kinder zwischen zehn und 15 Jahren sind in der Regel gesund. Eltern müssten mit ihren Kindern für die Impfung extra zum Arzt gehen, und das tun viele eben nicht. Seit Jahren versuchen wir, die Politik davon zu überzeugen, dass wir das ändern müssen.
WELT: Warum ist Prävention so schwierig?
Baumann: Ich habe in meinem Berufsleben sehr viele Krebspatienten behandelt. Und es gibt kaum einen, der sich nicht gefragt hat: Warum gerade ich? Was hätte ich tun können? Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 500.000 Menschen an Krebs. Davon ließen sich 40 Prozent vermeiden. Das sind 200.000 Krebsfälle, die nicht sein müssten. Diese enorme Zahl ist mit keinem Medikament, keiner neuen Operationstechnik oder Strahlentherapie jemals zu erreichen, auch nicht mit KI. Das schaffen wir nur mit Prävention: nicht rauchen, möglichst keinen Alkohol trinken und eine hauptsächlich pflanzenbasierte Ernährung, dazu ausreichend Bewegung und ein normales Gewicht. Ein Problem ist, dass wir mit unseren Infobroschüren oder TV-Beiträgen vor allem diejenigen erreichen, die ohnehin schon informiert sind. Wir müssen aber auch andere Gruppen ansprechen, die noch nicht so viel wissen – Migranten zum Beispiel oder Menschen in ländlichen Regionen.
WELT: Wer weniger isst, keinen Alkohol trinkt und nicht raucht, könnte doch Geld sparen. Wäre das nicht ein starker Motivator?
Baumann: Prävention ist tatsächlich oftmals kostenfrei zu haben. Auf der anderen Seite hilft es, ungesunde Dinge etwa durch Steuern zu verteuern. Beim Tabak hat das erwiesenermaßen viel gebracht, auch beim Alkohol. Der Konsum ist zurückgegangen. Viele Menschen aber unterschätzen die Krebsrisiken ihres Lebensstils, wie wir gerade in einer aktuellen Umfrage zeigen. Sie meinen, gesund zu leben, bewegen sich aber eigenen Angaben zufolge zu wenig, trinken Alkohol, rauchen und haben Übergewicht.
WELT: Wie wollen sie die Menschen dazu bewegen, sich gesünder zu ernähren?
Baumann: Übergewicht ist ein Risikofaktor für viele Krebserkrankungen. Und auch das Mikrobiom spielt dabei eine Rolle. Mit dem, was wir essen, züchten wir bestimmte Bakterien in unserem Darm – solche, die das Krebsrisiko erhöhen, und solche, die Krebs verhindern können. Die Komplexität dieser Prozesse kommt durch die Forschung erst langsam zum Vorschein. So viel lässt sich aber schon sicher sagen: Gemüse hat viele Ballaststoffe und Vitamine, die das gesunde Mikrobiom unterstützen.
WELT: Was könnte die Politik für die Prävention tun?
Baumann: Prävention ist nicht nur eine Aufgabe für die Gesundheitsminister, sondern erfordert die Zusammenarbeit vieler Ministerien: Landwirtschaft, Familie, Bildung, Wirtschaft. Das Thema gehört an den Kabinettstisch. Und im Kanzleramt brauchen wir einen Beauftragten für Prävention. Ein gesünderer Lebensstil schützt ja nicht nur vor Krebs, sondern auch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Demenz. Jeder vermiedene Krankheitsfall würde unser Gesundheitssystem entlasten.
WELT: Wie kam die Krankheit Krebs eigentlich zu ihrem Namen?
Baumann: Der Anblick eines Tumors mit geschwollenen Blutgefäßen soll den griechischen Arzt Hippokrates an einen Krebs mit abgespreizten Beinen erinnert haben. Die medizinische Bezeichnung Karzinom für einen bösartigen Tumor geht zurück auf das griechische Wort Karkinos für Krebs.
WELT: Wie lange lebt die Menschheit schon mit dieser Krankheit? Es gibt Spuren von Tumorgewebe in ägyptischen Mumien.
Baumann: Es gehört offensichtlich zur Natur, dass Zellen entarten und unkontrolliert wachsen. Pflanzen können von krebsähnlichen Wucherungen befallen sein. Und auch Tiere erkranken an Krebs – mit sehr wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel Walen. Wenn die Krebsforschung herausfinden würde, warum das so ist, könnten sich daraus vielleicht ganz neue Ansätze für Prävention und Therapie ergeben.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke