Warum Stress bei manchen Menschen Arthritis auslöst und bei anderen nicht
Viele Patienten mit rheumatoider Arthritis kennen das Muster: Die Gelenke sind über Monate ruhig, dann kommt eine besonders belastende Phase im Beruf oder im Privatleben – und wenig später schwellen die Finger wieder an, die Schmerzen kehren zurück.
Dass Stress Arthritis-Schübe auslösen kann, ist in der Rheumatologie seit Langem beobachtet, aber nie befriedigend erklärt worden. Vor allem eine Frage blieb offen: Warum reagieren manche Menschen auf Stress mit einem Entzündungsschub, andere dagegen kaum?
Einen Teil der Antwort liefert nun eine neue Studie, die im Fachjournal „Science Advances“ veröffentlicht wurde. Ihr zentraler Befund: Gelenke, die einmal entzündet waren, scheinen sich diese Entzündung gewissermaßen zu merken. Das Bindegewebe in der Gelenkschleimhaut entwickelt offenbar eine Art Bereitschaftszustand, der bei einem erneuten Stressreiz wesentlich schneller und stärker reagiert als gesundes Gewebe – unabhängig davon, ob die klassischen Immunzellen beteiligt sind.
Um zu verstehen, wie dieser Weg funktioniert, lohnt ein Blick auf die Signalkette, die Stress und Entzündung verbindet. Wenn das Gehirn eine Bedrohung wahrnimmt – ob eine Frist, ein Konflikt oder ein erschreckender Gedanke –, aktiviert es das sympathische Nervensystem, den Zweig des vegetativen Nervensystems, der den Körper auf Handlung vorbereitet. Dieses sendet Signale unter anderem an das braune Fettgewebe. Dieser Gewebetyp, der vor allem im Nacken- und Schulterbereich vorkommt, war lange primär für seine Rolle bei der Wärmeerzeugung bekannt.
Das braune Fettgewebe reagiert auf Stresssignale, indem es den Botenstoff Interleukin-6 ins Blut abgibt. Interleukin-6 ist ein sogenanntes Zytokin, ein Signalprotein des Immunsystems, das weitreichende Wirkungen hat: Es ist mitverantwortlich für das Erschöpfungsgefühl nach Stress, kann Juckreiz begünstigen und spielt eine Rolle bei der Entstehung von depressiven Verstimmungen. Dass das braune Fettgewebe als stressreaktives hormonelles Organ funktioniert und Interleukin-6 dabei als eine Art Stresshormon wirkt, hatte eine frühere Studie bereits gezeigt.
Was die Forschung jedoch nicht erklären konnte: Warum kehren Arthritis-Schübe bei manchen Patienten immer wieder zurück, selbst wenn die Erkrankung klinisch in Remission ist? Und warum reagieren manche Patienten auf Stress mit heftigen Schüben, während andere mit vergleichbarer Erkrankung kaum betroffen scheinen?
Bei manchen Menschen genügt Stress allein
Die klassische Rheumatherapie geht davon aus, dass akute Schübe hauptsächlich durch lernfähige weiße Blutkörperchen – sogenannte Lymphozyten – ausgelöst werden. Diese greifen bei vielen Autoimmunkrankheiten fälschlicherweise körpereigene Zellen an, so auch bei rheumatoider Arthritis.
Die bisherige Erwartung war: Wenn eine Arthritis in Remission geht, beruhigen sich die Lymphozyten. Und wenn kein neuer Schub durch Lymphozyten angetrieben wird, bleibt es ruhig. Dennoch bekamen manche Patienten Schübe, obwohl ihre Therapie – die meist auf Lymphozyten zielt – eigentlich gut wirkt.
Das japanische Forscherteam um Shigeru Tanaka und Hiroshi Nakajima von der Chiba-Universität untersuchte das Problem im Mausmodell. Dabei ließen sie eine Arthritis zunächst in eine Ruhephase übergehen und setzten die Tiere dann psychischem Stress aus. Das Ergebnis: Die Entzündung in den Gelenken flammte wieder auf. Anschließend verfolgten die Forscher, welche Zellen und Moleküle dabei beteiligt waren.
Sie fanden, dass das über das braune Fettgewebe ausgeschüttete Interleukin-6 im Blutkreislauf zu den Gelenken gelangt und dort auf eine bestimmte Zellpopulation trifft: die sogenannten Fibroblasten der Gelenkschleimhaut. Diese Bindegewebszellen reagieren auf Interleukin-6, indem sie einen weiteren Botenstoff ausschütten, CXCL1. Und der lockt eine andere Art weißer Blutkörperchen in das Gelenk: die Neutrophilen.
Anders als ihre lernfähigen Verwandten, die Lymphozyten, gehören Neutrophile zum angeborenen Immunsystem. Sie sind klassische Entzündungszellen, die überall im Körper aktiv werden, wo sie gerufen werden. Bei Arthritisschüben wandern sie in großer Zahl in das Gelenk ein und setzen dort hohe Mengen von Entzündungsstoffen frei.
Entscheidend ist, was in den Gelenken geschieht, die einmal entzündet waren: Ihre Bindegewebszellen scheinen die Fähigkeit zu behalten, auf das zirkulierende Interleukin-6 zu reagieren und allein damit die entzündlichen Fresszellen heranzuholen – auch dann noch, wenn die Erkrankung klinisch in Remission ist.
Das Bindegewebe im Gelenk könnte also eine Art molekulare Erinnerung an frühere Entzündungen tragen, die unabhängig von Lymphozyten aktiviert werden kann. Die Ursache für wiederkehrende Arthritis-Schübe könnte demnach weniger im Immunsystem allgemein als in der Wirkung von Stresshormonen auf das lokale Gewebe selbst liegen.
Zusätzlich beobachteten die Forscher bei einigen Menschen einen schwächeren Zusammenhang zwischen wahrgenommenem Stress und Krankheitsaktivität. Diese trugen eine bestimmte genetische Variante des ADRB3‑Gens, welches die Reaktionsfähigkeit auf stressbedingte Hormonsignale mitbestimmt. Das deutet darauf hin, dass individuelle genetische Unterschiede in der Signalkette erklären könnten, warum Stress nicht bei allen Arthritispatienten gleich starke Schübe auslöst.
„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass sich mit stressresponsiven Signalwegen künftig Therapien entwickeln lassen, die gezielt wirken – ohne das Immunsystem insgesamt zu unterdrücken“, sagte Studienautor Nakajima in einer Pressemitteilung. Naheliegende Angriffspunkte wären sowohl der CXCR2-Rezeptor, über den CXCL1 wirkt, als auch der ADRB3-Rezeptor im braunen Fettgewebe.
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