Um solche Sprüche schert sich Krebs einen Teufel
Die freudige Begrüßung klingt oft so: „Ich habe gehört, ihr Krebsforscher seid bald arbeitslos.“ Ich bekomme den Satz immer dann zu hören, wenn Freunde oder Verwandte mal wieder in der Gesundheitsrubrik der Tageszeitung geblättert haben.
So zum Beispiel im Februar 2019, als der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn verkündete, er sehe „gute Chancen, dass wir in den nächsten zehn bis 20 Jahren den Krebs besiegt haben werden“.
Das waren sensationelle Nachrichten, vor allem für die Wissenschaft. Hatten wir irgendwas nicht mitbekommen? Optimismus ist eine bezaubernde Charaktereigenschaft. Aber es braucht klare Handlungsempfehlungen.
Wir fühlen uns von optimistischen Menschen angezogen und freuen uns über Nachrichten, die Optimismus versprühen. Die lieben wir, weil sie weniger Unannehmlichkeiten versprechen als Probleme, von denen wir im Alltag ohnehin schon mehr als genug haben.
Doch Vorsicht: Optimismus kann auch gefährlich werden. Denn er enthebt uns ein Stück weit unserer Eigenverantwortung, indem er uns weismacht, dass alles halb so wild ist und keine Notwendigkeit besteht, etwas an alten Gewohnheiten zu ändern. Auf diese Weise bestärkt er uns in unserer Bequemlichkeit und Neigung, gedankenlos weiterzumachen wie gehabt.
Das nicht ohne Grund. Wie oft haben Wissenschaftler schon das Unmögliche möglich gemacht? Sie haben Infektionskrankheiten geheilt, Impfungen gegen tödliche Viren entwickelt, Schallmauern durchbrochen, Atome gespalten und Menschen zum Mond geschickt.
Wir erwarten Wunderlösungen, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass Menschen so etwas können. Und ich gebe zu, auch ich hoffe, dass wir Krebs eines Tages besiegen werden. Aber das bedeutet nicht, dass „eines Tages“ schon morgen ist. Denn Krebs ist anders als alle anderen Krankheiten, die wir bisher heilen konnten.
Dr. Hanna HeikenwälderWarum? Erstens ist Krebs keine einheitliche, fest umrissene Erkrankung, sondern ein Name für sehr viele und unterschiedliche Krankheitsbilder. Und zweitens ist Krebs ein Teil von uns selbst. Seit der Geburt läuft er in jedem von uns ab, nicht anders als das Altern.
Um Krebs zu besiegen, brauchen wir deshalb mehr als nur irgendein einziges Heilmittel. Wir benötigen eine Strategie, die ebenso komplex und vielschichtig ist wie die verschiedenen Formen von Krebserkrankungen. Wenn wir aber das Wissen, das wir inzwischen besitzen, bündeln und richtig einsetzen, sind wir unserem Ziel bereits näher, als die meisten von uns glauben.
Schon heute sind wir in der Lage, die Krebsfälle dramatisch zu senken – um sage und schreibe fünfzig Prozent. Das belegen wissenschaftliche Studien zweifelsfrei. Soweit die gute Nachricht. Es gibt aber noch eine zweite, noch bessere Nachricht, und diese lautet: Um eine solch drastische Reduzierung des Krebsrisikos zu erreichen, benötigen wir kein einziges neues Medikament und keine einzige neue Therapie.
Sondern nur eine Kombination aus Aufklärung, vernünftiger Lebensführung, Vorsorge und Früherkennung. Das aber heißt vor allem: Eigenverantwortung und Eigenaktivität. Was bedeutet das im Einzelnen?
Aufklärung
Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Um solche Sprüche schert sich Krebs einen Teufel. Darum ist es eine gesellschaftliche Aufgabe, das Wissen über Krebs und Krebsprävention in alle Bevölkerungsgruppen zu tragen, von der Schule bis zum Altersheim.
Lebensführung
Tägliche Bewegung und Sport, gesunde Ernährung sowie die Vermeidung von Alkohol, Nikotin und Übergewicht – das sind die wichtigsten Aktivposten im Kampf gegen Krebs.
Vorsorge
Die Krankenkassen finanzieren spezifische Vorsorgeangebote für verschiedene Altersgruppen. Informieren Sie sich und machen Sie davon Gebrauch. Und wenn Sie sich selbst etwas Gutes tun wollen, machen Sie im Zweifelsfall auch solche Vorsorgetests, für die die Kassen nicht aufkommen.
Wir geben haufenweise Geld aus, um unserer Gesundheit zu schaden – beispielsweise für Chips und Zigaretten und Alkohol, damit der sündhaft teure Fernseher sich auch lohnt und mich davon abhält, zu joggen oder ins Fitnessstudio zu gehen. Aber 35 Euro für einen PSA-Test zur Prostatakontrolle? Um Gottes willen – nein.
Früherkennung
Da sind wir oft wie die berühmten Affen. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Aber nur wer einer Gefahr ins Auge schaut, kann sie bannen. Je früher wir erkennen, ob der in uns schlummernde Krebs zu einer lebensbedrohenden Krebserkrankung mutiert, desto größer ist die Chance, der Gefahr zuvorzukommen.
Doch nicht jeder Optimismus ist bequem. Ein Leser schrieb nach meiner letzten Kolumne, er lebe seit fünf Jahren mit metastasiertem Prostatakrebs – trotz 15 Jahren regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen. Wegen Lungenmetastasen sei er gerade in der zweiten Chemotherapie. Dennoch sehe er das Ganze positiv: „So gut, wie sich die Beziehung zu meiner Frau dadurch entwickelt hat, war sie in der ganzen Zeit davor nicht.“
Seine Geschichte zeigt: Vorsorge ist keine Garantie. Und Optimismus bedeutet nicht immer, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Er kann auch Kraft geben, weiterzumachen. Gefährlich wird er erst, wenn er uns davon abhält, selbst etwas zu tun.
Hanna Heikenwälder ist Molekularbiologin, Krebsforscherin und Sachbuchautorin („Krebs – Das Ende einer Angst“). Sie promovierte zu den Zusammenhängen zwischen chronischen Entzündungen und der Entstehung von Darmkrebs. Am Universitätsklinikum Tübingen ist sie in der wissenschaftlichen Projektplanung im Bereich Innere Medizin tätig.
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