Gerade erst wurde den Begründern der Optogenetik der diesjährige Nobelpreis für Medizin zugesprochen – nun zeigt eine kleine klinische Studie mit einem solchen Verfahren Ergebnisse: Demnach ist die Therapie sicher und kann Menschen, die durch die Netzhauterkrankung Retinitis Pigmentosa erblindet sind, wieder ein rudimentäres Sehen ermöglichen.

„Diese Studie ist ein wichtiger Meilenstein für die optogenetische Wiederherstellung des Sehvermögens“, sagt Co-Autor Stefan Futterknecht vom Institut für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel (IOB). „Sie zeigt, dass die zunächst bei einer einzelnen Person beobachteten Effekte auch bei weiteren Betroffenen reproduziert werden können.“ Das biete eine Grundlage für die Entwicklung präziserer und wirksamerer Therapien.

Allerdings prüfte die Phase-1-Studie mit lediglich zehn Teilnehmern vor allem die Sicherheit des Verfahrens, das zuvor nur an einem einzelnen Menschen erprobt worden war. „Das Therapiekonzept ermöglicht Menschen mit Retinitis Pigmentosa im späten Krankheitsstadium ein gewisses artifizielles Sehen, sodass sie sich zumindest wieder orientieren können“, sagt Stylianos Michalakis von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), der nicht an der Arbeit beteiligt war. „So etwas gibt es bisher nicht.“

Worum geht es? Retinitis Pigmentosa (RP) ist eine erblich bedingte Erkrankung, bei der durch verschiedene Erbgut-Mutationen die Lichtrezeptoren der Netzhaut – der Retina – zugrunde gehen. Bislang sind mehr als 100 Gene bekannt, deren Mutationen die Krankheit verursachen können. Weltweit sind den Forschern zufolge etwa 1,5 Millionen Menschen betroffen, in Deutschland sind es nach Angaben von Michalakis schätzungsweise bis zu 40.000 Menschen.

Bei der Erkrankung sterben die Lichtrezeptoren in der Netzhaut nach und nach ab, die Patienten erblinden. Dagegen ist zwar in Europa eine Gentherapie zugelassen: Allerdings hilft die mehr als 600.000 Euro teure Behandlung mit dem Präparat Luxturna nur Menschen mit Mutationen des Gens RPE65, die die Erkrankung im Frühstadium haben. Das betrifft Experten zufolge weniger als ein Prozent der RP-Patienten.

Der optogenetische Ansatz ist dagegen mutationsübergreifend. Er soll bereits erblindeten Patienten wieder ein zumindest rudimentäres Sehen ermöglichen, indem er noch vorhandene Zellen der Netzhaut wieder lichtempfindlich macht.

Studie bekräftigt Hoffnung aus früheren Versuchen

Dafür erhielten die Teilnehmer, die zwischen 40 und 73 Jahre alt waren, eine einmalige Injektion in das schlechter sehende Auge. Dabei wurde die genetische Bauanleitung für das sogenannte Kanalrhodopsin ChrimsonR eingebracht – ein lichtempfindliches Protein, das auf orange-rotes Licht reagiert.

Danach bekamen die Teilnehmer eine spezielle Brille mit eingebauter Kamera. Die Brille erfasst Veränderungen in der Umgebung und wandelt sie in Pulse aus orange-rotem Licht um, die das Protein ChrimsonR in der behandelten Netzhaut aktivieren.

Hinsichtlich der Sicherheit berichtet das internationale Team im renommierten „New England Journal of Medicine“ (NEJM) von insgesamt 34 unerwünschten Ereignissen am Auge, von denen eines als schwerwiegend eingestuft wurde. Dieser Verschluss einer Netzhautarterie trat unmittelbar nach der Injektion auf und verschwand nach einer Behandlung binnen weniger Minuten wieder. Die Forscher stufen das Verfahren insgesamt als sicher ein.

Bei der Nachbeobachtung über zwei bis fünf Jahre besserte sich bei sieben von neun Patienten – ein Teilnehmer hatte die Studie verlassen – die Lichtempfindlichkeit, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Die Sensitivität stieg je nach Patient um den Faktor 2 bis 62. Bei sechs Behandelten besserte sich das Sehvermögen in klinisch bedeutsamem Maße. Konkret heißt das, dass manche Teilnehmer etwa eine Tür finden oder einer Linie folgen konnten. Gesichter erkennen oder lesen sei jedoch weiterhin nicht möglich, betont die Gruppe.

Eine Analyse, wovon der Grad der Besserung genau abhing, sei wegen der geringen Zahl der Patienten nicht möglich, schreibt das Team. Aber eine Optimierung der Brillen und ein verbessertes Training der Teilnehmer könnten die Resultate verbessern.

Der Münchner Experte Michalakis spricht von einem „positiven Signal“, das allerdings noch keine quantitativen Aussagen erlaube. „Dafür bräuchte man eine randomisierte Studie mit mehr Teilnehmern.“ Sollten sich Erfolge bestätigen, könne das Rückenwind geben für weitere Projekte.

„Der Ansatz hat das Potenzial, möglicherweise auch bei anderen Augenerkrankungen zu helfen, die auf einem Verlust der Fotorezeptoren basieren“, sagt der Leiter der LMU-Arbeitsgruppe Gentherapie von Augenerkrankungen. Ein Beispiel dafür sei etwa die Altersabhängige Makuladegeneration (AMD) im Spätstadium.

Wie geht es nun weiter? „Weitere Folgestudien sind geplant, mit dem langfristigen Ziel, die optogenetische Therapie weiterzuentwickeln und eine deutlich höhere Sehschärfe bis hin zur Erkennung von Gesichtern zu erreichen“, teilte das IOB auf Anfrage mit. „Zu einer konkreten Phase-2-Studie können wir derzeit noch keine weiteren Angaben machen.“

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke