Neue Forschung stellt den Dunning-Kruger-Effekt völlig auf den Kopf
Forschung lebt von der Bereitschaft, lange liebgewonnene Erkenntnisse gelegentlich auf den Kopf zu stellen. Sie zieht ihre Schlüsse aus dem Experiment und interpretiert dessen Ausgang nach bestem Wissen und Gewissen mit den ihr zur Verfügung stehenden methodischen Werkzeugen.
Werden diese besser, dann kann ein frischer Blick auf alte Daten manchmal zu gänzlich konträren Ergebnissen führen. So liegt es möglicherweise mit dem Dunning-Kruger-Effekt, wie eine im Fachmagazin „Psychological Review“ veröffentlichte Studie argumentiert.
Der Dunning-Kruger-Effekt ist eines der populärsten Modelle der jüngeren Psychologie. Seit seiner ersten Formulierung im Jahr 1999 gilt er als Beleg dafür, dass gerade die Ahnungslosen besonders zur Selbstüberschätzung neigen. Ein bisschen Wissen steige zu Kopf. Erst mit einem tieferen Verständnis der komplexen Wirklichkeit reife dieses Selbstbewusstsein zur sittlichen Bescheidenheit heran, so könnte man das Phänomen umschreiben. Hunderte Studien bestätigten die ursprünglichen Experimente dazu.
Nun könnte sich das Blatt umkehren. Forscher der University of Bath und der London School of Economics and Political Science (LSE) im Vereinigten Königreich haben sich die zugrunde liegende Statistik der Versuche zum Dunning-Kruger-Effekt genauer angeschaut. Ihr Ergebnis: In Wahrheit könnten ausgerechnet die fähigsten Menschen auch die Neigung zur Selbstüberschätzung am stärksten ausleben.
Gemessen wird der Effekt normalerweise mithilfe von Wissens- und Multiple-Choice-Tests. Die Studienteilnehmer geben ihre Antworten und werden danach um eine Einschätzung ihrer Leistung gebeten. Hier zeigte sich konsequent, dass bei jenen, die am niedrigsten in den Tests abschnitten, die Lücke zwischen Realität und Selbstwahrnehmung am größten war. Wer mehr Punkte erreichte, schien dagegen ein zuverlässigeres Gefühl für die eigenen Fähigkeiten zu haben.
Doch genau dieses klare Bild, so argumentieren die britischen Forscher, führt in die Irre. Es sage weniger über die menschliche Psyche aus als über die Methode, mit der man sie zu vermessen versucht.
Der Kern des Problems liegt im Zufall. Kein Testergebnis misst reines Können. Stets mischt sich Glück hinein, eine günstig gestellte Frage, ein geratener Treffer, ein Konzentrationsloch zur falschen Zeit. Ordnet man die Teilnehmer allein nach ihrer Punktzahl, sammeln sich am unteren Ende überproportional viele, die schlicht Pech hatten: Ihr wahres Können liegt höher, als der Test es ausweist. Am oberen Ende drängen sich umgekehrt die vom Glück Begünstigten.
Schätzen die vermeintlich Schwachen ihre Leistung anschließend ein, fällt dieses Urteil im Verhältnis zum künstlich gedrückten Ergebnis zwangsläufig zu hoch aus. Die scheinbare Selbstüberschätzung ist damit ein Artefakt der Auswertung, kein Zug des Charakters. Fachleute kennen den Mechanismus als Regression zur Mitte.
„Die ursprüngliche Methode ist einer statistischen Täuschung aufgesessen“, sagte Studien-Autor Chris Dawson von der University of Bath in einer Pressemitteilung seiner Universität. Das populäre Bild des Inkompetenten, der vor Selbstvertrauen strotzt, verrate mehr über die verborgenen Fallstricke der Statistik als über die menschliche Psychologie.
Anschaulicher formulierte es David de Meza von der LSE: Wer außergewöhnlich schlecht abschneide, habe oft einfach Pech mit den Fragen gehabt, weshalb die eigene Einschätzung im Vergleich viel zu optimistisch wirke. Bei den Besten verhalte es sich genau umgekehrt. Sie profitierten von einer glücklichen Fügung und erschienen deshalb bescheiden.
Um diese Verzerrung herauszurechnen, wandten die Forscher ein statistisches Verfahren auf die Daten tausender Teilnehmer aus umfangreichen Replikationsstudien an. Es berücksichtigt die Zufallsschwankungen an beiden Stellen, im Testergebnis wie in der Selbsteinschätzung. Sobald das Modell dieser doppelten Unsicherheit Rechnung trägt, kehrt sich die vertraute Geschichte um: Nicht die Schwächsten, sondern die Fähigsten neigen am stärksten dazu, sich zu überschätzen.
„Räumt man die statistischen Probleme beiseite, verschwindet das vermeintliche Muster“, sagte Dawson. Übrig bleibe die Einsicht, dass Selbstüberschätzung ein universeller menschlicher Zug ist. Am ausgeprägtesten sei dieser aber bei den Kompetentesten.
Damit ist die alte Deutung nicht restlos widerlegt. Denkbar bleibt, dass manchen tatsächlich die geistigen Mittel fehlen, die eigene Unzulänglichkeit überhaupt zu erkennen. Doch Selbstüberschätzung hat mehr als eine Wurzel, sagen die Forscher. Eine davon sei strategischer Natur: Wer Zutrauen zur Schau stelle, signalisiere verborgene Fähigkeiten und erlange Ansehen in der Gruppe. Den größten Anreiz dazu hätten ausgerechnet jene, die wirklich etwas können – bei denen also, die statistisch am häufigsten richtig liegen.
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