Jedes Jahr nehmen in Deutschland rund drei Millionen Menschen eine ambulante Psychotherapie in Anspruch. Die Zahl der Behandlungen steigt seit Jahren kontinuierlich an. Psychotherapie gilt als eine der wirksamsten Methoden, um psychische Belastungen wie Traumata, Depressionen oder Angststörungen zu behandeln.

Doch Therapie ist kein Allheilmittel. Fachleute wissen seit Langem: Unter bestimmten Bedingungen kann therapeutische Arbeit auch überfordernd oder sogar kontraproduktiv sein.

Wann hilft es, sich intensiv mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen, und wann besteht die Gefahr, sich in alten Verletzungen zu verlieren und noch mehr zu leiden?

Eva-Lotta Brakemeier ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald. Die Psychologin forscht seit Jahren zu den Nebenwirkungen von Psychotherapie. „Psychotherapie ist insgesamt eine sehr wirksame und sichere Behandlung. Dennoch kann sie – wie jede therapeutische Intervention – auch unerwünschte Effekte haben“, betont Brakemeier.

So kann es beispielsweise zu einer vorübergehenden Verschlechterung von Symptomen kommen, wenn belastende Themen intensiv bearbeitet werden. Auch können Konflikte mit nahen Bezugspersonen auftreten, weil Patienten durch die Therapie ihr Verhalten in persönlichen Beziehungen verändern. Ebenso sind Brüche in der therapeutischen Beziehung sowie in manchen Fällen auch eine zu starke Abhängigkeit von der Therapie möglich.

Das geht auch aus einer Studie aus dem Jahr 2025 der Psychologin Rahel Klatte von der Universität Jena hervor. Die Analyse randomisierter Studien zeigt, dass Psychotherapien tatsächlich Nebenwirkungen haben können. Gleichzeitig stellten die Forscher fest, dass negative Effekte in vielen Studien gar nicht systematisch erfasst werden, weshalb ihre Häufigkeit wahrscheinlich unterschätzt wird. Das Fazit der Autoren: Die Forschung konzentriert sich stark auf den Nutzen von Therapien, während Risiken deutlich weniger untersucht werden.

Mehr Aufklärung über Risiken

Brakemeier hält es für wichtig, dass Therapeuten bereits zu Beginn einer Therapie über mögliche Nebenwirkungen aufklären und diese im Verlauf der Behandlung systematisch beobachten und offen ansprechen. „Denn in seltenen Fällen kann es passieren, dass Patienten sich durch die Therapie stärker mit ihren Problemen identifizieren oder sich ihre Belastung zunächst verstärkt, etwa wenn schwierige Erfahrungen ohne ausreichende Stabilisierung bearbeitet werden“, warnt die Psychologin.

Brakemeier betont aber auch: „Nebenwirkungen sind kein Zeichen dafür, dass Psychotherapie grundsätzlich problematisch ist – im Gegenteil: Kaum eine wirksame Behandlung ist völlig nebenwirkungsfrei.“ Entscheidend sei vielmehr, dass solche Effekte früh erkannt und in den Therapieprozess integriert werden.

Wichtig sei die Unterscheidung zwischen einer vorübergehenden Belastungszunahme, die Teil eines wirksamen therapeutischen Prozesses sein kann, einer sogenannten benignen oder gutartigen Nebenwirkung, und tatsächlichen unerwünschten Nebenwirkungen oder Fehlentwicklungen. „Nicht jede emotionale Belastung während einer Therapie ist bereits ein Hinweis darauf, dass die Behandlung schadet“, betont Brakemeier.

Auch für Wolfgang Lutz, Psychologieprofessor an der Universität Trier, ist klar: Psychotherapie hat eine hohe Erfolgsquote. „Die Wirksamkeit von Psychotherapie ist in zahlreichen Einzelstudien und Metaanalysen gut belegt. Selbst bei schweren psychischen Störungen wie posttraumatischen Belastungsstörungen, Zwangsstörungen oder Essstörungen ist Psychotherapie oft wirksamer als eine Reihe medizinischer Verfahren bei körperlichen Krankheiten wie zum Beispiel Herzchirurgie oder Arthritis“, sagt Lutz.

Die Erfolgsquote liege zwischen 70 und 80 Prozent. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass nicht alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen profitieren. „Schätzungen zufolge sprechen etwa 20 bis 25 Prozent nicht ausreichend an und ein kleinerer Teil von fünf bis acht Prozent verschlechtert sich sogar.“

Die Gründe seien selten die Therapie an sich, sondern meist eine Frage der Stimmigkeit: „Passt das therapeutische Vorgehen zur Problematik? Lässt der Patient sich auf die Behandlung ein und wie schwer ist die Belastung? Kommt er sehr spät in die Therapie und liegen Chronifizierungen vor? Können Patient und Therapeut eine gute Therapiebeziehung aufrechterhalten?“, erklärt Lutz. Viele dieser Faktoren seien beeinflussbar, wenn sie frühzeitig erkannt werden.

Doch was macht eine erfolgreiche Psychotherapie überhaupt aus? Dazu forscht Lutz seit über 30 Jahren. „Die Therapieschule spielt eine geringere Rolle, als man lange angenommen hat“, erklärt der Psychologe. Entscheidender sind vielmehr übergreifende therapeutische Kompetenzen, die unabhängig vom konkreten Verfahren wirksam sind.

Ein zentraler Faktor für eine gute Psychotherapie sei es, eine tragfähige therapeutische Beziehung aufzubauen. „Das bedeutet, eine emotionale Verbindung zum Patienten herzustellen, eine übereinstimmende Sichtweise auf die Therapieziele zu entwickeln und gemeinsam an deren Erreichung zu arbeiten“, sagt Lutz.

Weitere Kompetenzen, die ein guter Psychotherapeut mitbringen sollte, sind die sichere Umsetzung therapeutischer Techniken, Empathiefähigkeit, eine gesunde Selbstkritik sowie Resilienz, um mit Stress und ambivalenten Situationen umgehen zu können.

„In der Forschung zeigte sich aber auch, dass die Bereitschaft, den eigenen Therapieverlauf systematisch zu beobachten und aktiv Rückmeldung einzuholen, von entscheidender Bedeutung ist“, betont Lutz. Die behandelnden Therapeuten würden oft ihre eigenen Ergebnisse tendenziell überschätzen. Wissenschaftlich basierte Rückmeldesysteme helfen dabei, dies zu korrigieren.

Denn die Unterschiede zwischen einzelnen Therapeuten können erheblich sein, was sowohl das Ergebnis als auch die Dauer oder den Abbruch einer Therapie anbelangt. „Etwa 15 Prozent der Therapeuten erzielen signifikant bessere Ergebnisse als ihre Kollegen, während ein ähnlich großer Anteil deutlich schlechtere Ergebnisse aufweist“, sagt Lutz. Die Berufserfahrung sei dabei nicht zwingend ausschlaggebend, wohl aber die Schwere der Belastung der Patienten.

„Je stärker diese belastet sind, desto mehr fällt die Kompetenz der Behandelnden ins Gewicht. Unsere Studien zeigen, dass sich der Einfluss der Kompetenzunterschiede auf das Therapieergebnis bei stark belasteten Patientinnen und Patienten mehr als verdoppelt im Vergleich zu durchschnittlich Belasteten“, betont Lutz.

Dass heute mehr Menschen aktiv eine Psychotherapie beginnen, liegt auch daran, dass psychische Erkrankungen weniger tabuisiert sind als noch vor einigen Jahren. Brakemeier sieht das sehr positiv. „Lange Zeit waren psychische Erkrankungen und auch Psychotherapie stark tabuisiert und stigmatisiert, und viele Menschen haben keine Hilfe bekommen.“ Dass jeder eine Psychotherapie machen sollte, sieht sie jedoch kritisch.

„Nicht jede Belastung erfordert eine Psychotherapie.“ Therapie sei vor allem dann sinnvoll, wenn psychische Symptome zu deutlichem Leid führen, über einen längeren Zeitraum bestehen oder die Lebensführung stark beeinträchtigen. „Ein wichtiges Signal dafür, dass professionelle Hilfe sinnvoll sein könnte, ist, wenn die eigenen Bewältigungsstrategien nicht mehr greifen oder wenn nahestehende Personen bemerken, dass sich jemand deutlich verändert hat.“

Viele Menschen mit psychischen Belastungen können auch von anderen Formen der Unterstützung profitieren, wie Beratung, Coaching, sozialer Unterstützung oder präventiven Angeboten, meint die Psychologin. „Psychische Gesundheit entsteht in einem Zusammenspiel aus individueller Bewältigung, sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.“

Das geht auch aus einer Analyse aus dem Jahr 2021 hervor, die mehrere Studien mit über 2000 Teilnehmern erfasste. Demnach kann gruppenbasierte Unterstützung kleine, aber messbare Verbesserungen bei der persönlichen Genesung von Menschen mit psychischen Problemen bewirken. Besonders relevant sind dabei Faktoren wie soziale Unterstützung und Austausch mit anderen Betroffenen.

Selbstdiagnosen durch Social Media

Auch durch Social Media würden sich mehr Menschen mit psychischer Gesundheit auseinandersetzen und sich informieren, meint Brakemeier. „Dass Menschen sich selbst mit psychischer Gesundheit beschäftigen, ist grundsätzlich positiv. Das hat zur Entstigmatisierung beigetragen und kann entlastend sein, weil viele merken: Ich bin mit meinen Problemen nicht allein“, sagt die Psychologin.

Problematisch werde es jedoch, wenn komplexe psychische Erkrankungen in stark vereinfachter Form dargestellt werden und Menschen sich schnell selbst diagnostizieren und professionelle Diagnostik ersetzen – manchmal auch, um Erklärungen oder Entschuldigungen für aktuelle Probleme zu finden.

„Diagnosen wie ADHS, Autismus oder Persönlichkeitsstörungen erfordern eine sorgfältige klinische Abklärung“, warnt Brakemeier. „Wenn solche Begriffe sehr unscharf verwendet werden, besteht tatsächlich die Gefahr, dass ernsthafte psychische Erkrankungen banalisiert werden. Gleichzeitig sollten wir das Interesse der Menschen an psychischer Gesundheit ernst nehmen und ihnen Zugang zu fundierten, wissenschaftlich basierten Informationen ermöglichen“, betont die Expertin.

Die Plätze für Psychotherapien sind begrenzt, die Wartelisten oft lang. Doch es gibt viele andere Faktoren, die sich ebenfalls positiv auf die psychische Gesundheit auswirken können, meint Brakemeier. „Psychische Gesundheit entsteht nicht nur in Therapieräumen, sondern vor allem im Alltag – in Beziehungen, in Bewegung, in sinnvollen Aufgaben und in einer Gesellschaft, die Menschen unterstützt, statt sie zu überfordern.“

Deshalb sei es wichtig, nicht nur über Behandlung zu sprechen, sondern auch über Prävention. Dazu würden ausreichend Schlaf, Sport, eine ausgewogene Ernährung und stabile Tagesstrukturen beitragen. „Psychische Gesundheit wird allerdings nicht allein durch individuelles Verhalten bestimmt. Ebenso wichtig sind soziale Beziehungen, Bildung, gesellschaftliche Teilhabe, sichere Lebensbedingungen und das Gefühl, Einfluss auf das eigene Leben nehmen zu können.“

„Und schließlich spielt auch das Gefühl von Sinn und Selbstwirksamkeit eine große Rolle – also das Erleben, dass das eigene Handeln Bedeutung hat und man sein Leben aktiv gestalten kann.“ Besonders wichtig seien hierfür soziale Beziehungen, so Brakemeier. „Menschen sind soziale Wesen, und Unterstützung durch Familie, Freundinnen und Freunde oder Gemeinschaften kann ein sehr wirksamer Schutzfaktor sein.“

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