Optimieren Sie sich noch, oder schaden Sie sich schon?
Gesünder leben, produktiver arbeiten, glücklicher sein: Eigentlich spricht nichts dagegen, an sich zu arbeiten. Doch viele setzen sich mit der Selbstoptimierung enorm unter Druck.
Statt einfach eine Runde joggen zu gehen, geht es gleich um den perfekten Trainingsplan für einen Halbmarathon, mit optimalem Schuh, genügend „Carbs“ pro Einheit und einem ausgeklügelten Regenerationsprogramm. Auch der Schlafindex muss schließlich optimiert werden.
Man achtet nicht mehr nur auf eine ausgewogene Ernährung, alles muss „high protein“ sein und Mikronährstoffe müssen durch Supplemente zugeführt werden. An solchen Beispielen zeigt sich schnell: Der Drang nach Verbesserung kann schnell in einen ständigen Leistungsdruck umschlagen. Mögliche Folgen sind Stress, Erschöpfung und ein permanentes Gefühl des Nicht-genug-Seins. Wie findet man da wieder raus?
„Im Prinzip ist der Hang zum Perfektionismus immer problematisch“, sagt Nathalie Claus, psychologische Psychotherapeutin am Institut für Psychologie der Universität Bremen. Ungesund wird es ihrer Meinung nach vor allem, wenn man sich unrealistische Ziele setzt, wie bei dem Anspruch an sich selbst: „Ich darf keine Fehler machen.“
Auch unflexibel mit Zielen und Standards umzugehen, ist ein Anzeichen. Etwa: Die Wohnung muss auch dann akribisch sauber gemacht werden, wenn man nach einem langen Arbeitstag müde nach Hause kommt. Problematisch wird es auch, wenn der Selbstwert mit den eigenen Standards verknüpft wird. Jemand wertet sich selbst ab und bezeichnet sich innerlich etwa als „Versager“, wenn er oder sie eigene Standards nicht einhält.
„Selbstoptimierung wird dann zum Problem, wenn das eigene Handeln einen leiden lässt“, sagt Sarah Pritz, Kultursoziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie an der TU Berlin.
Statt das Wohlbefinden zu steigern, sind Betroffene in ständigem schädlichem Stress, emotional und physisch erschöpft oder dauerhaft unzufrieden. Das kann sich etwa in Depressionen oder Schlafstörungen äußern. Eine medizinische Diagnose ist der Selbstoptimierungswahn aber nicht.
Der Unterschied zwischen gesunder Weiterentwicklung und Selbstoptimierungswahn sei oft nicht einfach auszumachen, so Nathalie Claus. Gesunde Weiterentwicklung geht mit Selbstfürsorge einher: Man möchte etwas an sich zum Positiven verändern.
„Das ist nicht weiter problematisch, solange man bei der Weiterentwicklung flexibel bleibt, sich also auch mal eingesteht, dass es an dem ein oder anderen Tag nicht so gut passt, sich selbst zu optimieren und perfekt zu sein“, sagt die psychologische Psychotherapeutin.
Der Preis der Perfektion
Ein mögliches Warnsignal für einen Selbstoptimierungswahn könne sein, dass Betroffene Bedürfnisse – etwa soziale Kontakte – vernachlässigen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und über ihre Grenzen gehen, so Claus.
„Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene sind von Selbstoptimierung betroffen“, sagt Soziologin Sarah Pritz. Sie sind häufig auf Social Media unterwegs und vergleichen sich dort ständig.
Auf Plattformen wie Instagram, TikTok, Snapchat und Co. sind Idealbilder eher die Norm als die Ausnahme: Frauen und Männer, die etwa durchtrainiert, schlank und faltenfrei sind, scheinbar keinerlei äußerlichen Makel haben und ihr Leben stets im Griff haben. Das kann Nutzer dazu animieren, dem auf ungesunde und unrealistische Weise nachzueifern.
Von überzogener Selbstoptimierung sind laut Pritz oft auch leistungsorientierte Menschen betroffen. Denn häufig definieren sie ihren Selbstwert an messbaren Resultaten. Auch Studenten trifft es der Soziologin zufolge vergleichsweise häufig. Durch permanente Leistungssteigerung versuchten sie, dem hohen Wettbewerbsdruck und den Erwartungen in einer leistungsorientierten Gesellschaft gerecht zu werden.
Der Ausstieg aus dem Drang, sich ständig selbst zu optimieren, falle auch deshalb so schwer, weil er vor allem mit gesellschaftlichem Druck zusammenhängt, sagt Claus. Es gelte der Grundsatz: „Du musst leisten, sonst bist du eine Last für die Gesellschaft.“ Daher strebten viele nach Perfektion, um ein gutes Selbstwertgefühl zu haben. Auch die Angst vor dem Scheitern trägt dazu bei, dass viele glauben, ständig und immer das Allerbeste aus sich herausholen zu müssen.
Dennoch kann der Ausstieg aus der steten Selbstoptimierungsspirale gelingen. Pritz rät, bestimmte gesellschaftliche Normen zu hinterfragen. Betroffene sollten ausloten, ob es für sie wirklich erstrebenswert ist, ihre vermeintlichen Ideale zu erreichen. „Erstrebenswerter ist es, sich mitunter die Freiheit zu bewahren, den ständigen Leistungsdruck durch Selbstakzeptanz zu ersetzen“, so Pritz.
Dabei sollten Betroffene auch herausfinden, was an ihnen abseits von Leistung liebenswert ist – und sich dies bewusst machen, so Claus. Außerdem raten die Expertinnen dazu, den Anspruch auf Perfektion loszulassen. „Es kann gut werden, aber es muss nicht immer alles im Superlativ sein“, sagt Pritz.
Sinnvoll sei es auch, auf Fitness- oder Produktivitäts-Apps zu verzichten, die Leistungen messen und Verbesserungsvorschläge machen. Stattdessen gelte es, die eigene Leistungsfähigkeit zu akzeptieren und bewusst auf den Körper und seine Bedürfnisse zu achten. Wichtig sei zudem, im Familien- und Freundeskreis über den übertriebenen Leistungsdruck und den Selbstoptimierungswahn sowie deren negative Folgen zu sprechen, so Pritz. Das könne dabei helfen, einen besseren Umgang mit sich selbst zu finden.
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