Wenn bei Verdacht auf Brustkrebs eine Gewebeprobe entnommen und ins Labor geschickt wird, bleibt Betroffenen zunächst nur das Warten. Im Labor wird das Gewebe dann unter dem Mikroskop untersucht: Wie unterscheiden sich die Zellen von gesundem Gewebe? Wie geordnet oder chaotisch ist ihre Struktur?

Anhand dieser Merkmale schätzen sie ein, wie aggressiv der Tumor ist. Und welche Therapie infrage kommt. Dabei ist entscheidend, wie „geordnet“ oder „chaotisch“ das Gewebe unter dem Mikroskop aussieht.

Genau hier setzt das Forschungsteam der Columbia University an. Bislang schätzt vor allem der Blick des Arztes ein, wie es um das Gewebe steht. Die Forscher haben nun eine Methode entwickelt, die diese visuelle Einschätzung in einen genauen Messwert übersetzt.

Dafür schaute sich das Team Gewebeproben von rund 550 Brustkrebspatientinnen an. Sie erfassten dann die Positionen verschiedener Zelltypen. Dazu gehörten Tumorzellen, Immunzellen und weitere Zellen aus der Umgebung des Tumors. Anschließend untersuchten sie auch, wie die Zellen zueinander angeordnet waren. Die Ergebnisse sind im Fachmagazin Cancer Research erschienen.

Um aus den einzelnen Mustern etwas Messbares zu machen, nutzten sie die sogenannte persistente Homologie. Vereinfacht gesagt: eine mathematische Methode, die erkennt, wo Zellen Gruppen bilden, wo Lücken entstehen und welche Strukturen im Gewebe besonders ausgeprägt sind.

Daraus berechnete das Team Zahlenwerte für die Anordnung im Gewebe. Hohe Werte standen für stärker geordnete Strukturen, niedrige Werte für größere Unordnung. Danach verglichen die Forscher die Ergebnisse mit den Krankheitsverläufen der Patientinnen.

Wenn Chaos messbar wird

Es zeigte sich: Die Messwerte konnten Hinweise darauf geben, wie sich die Krankheit entwickeln könnte. Sie sagten etwa die Überlebenswahrscheinlichkeit genauer vorher als herkömmliche Biomarker. Höhere Werte hingen dabei oft mit längeren Überlebenszeiten und besseren Verläufen zusammen.

Neu ist nicht, dass ungeordnetes Tumorgewebe oft für eine aggressivere Erkrankung steht. Sondern die Möglichkeit, diese Unordnung als Zahl zu erfassen – die sich mit dem späteren Krankheitsverlauf vergleichen lässt.

„Pathologen untersuchen seit Jahren ungeordnete Strukturen. Die Topologie ermöglicht es uns, von etwas Subjektivem zu etwas Quantitativem überzugehen“, wird Studienleiter Kevin Gardner in einer Mitteilung zitiert.

Die Forscher der Columbia University fanden außerdem Hinweise darauf, dass stark ungeordnetes Gewebe zusammen mit Veränderungen im Stoffwechsel und in der Immunabwehr auftritt. Diese werden mit dem Wachstum von Krebszellen in Verbindung gebracht. Ob der Strukturverlust sie jedoch auslöst oder umgekehrt, ist offen. Zusätzlich verknüpften sie die Messwerte mit Gendaten. Dadurch ließe sich ableiten, wie Patientinnen auf eine Therapie ansprechen könnten.

„Durch die Kombination detaillierter Bilder von Tumorgewebe mit Informationen über die Gene, Proteine ​​und andere klinische Merkmale eines Patienten arbeiten wir daran, ein umfassenderes Bild der Krebserkrankung jedes Einzelnen zu erstellen“, so Gardner. „Unser langfristiges Ziel ist es, diese Fortschritte breiter zugänglich zu machen, damit mehr Patienten von einer personalisierten Krebsbehandlung profitieren können.“

Noch wird die Methode nicht im Klinikalltag angewandt. Sie soll aber in Zukunft die Untersuchung unter dem Mikroskop ergänzen und zusammen mit Gen- und Proteindaten genauere Vorhersagen zu Krankheitsverlauf und Therapie ermöglichen.

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