„Als ich begann, hatte ich überhaupt keine Ahnung von Naturgärten“
Als der alte Apfelbaum umstürzte, durfte er einfach liegenbleiben. Noch sind seine Äste voller grüner Blätter. „Wenn er eines Tages tot ist, werde ich ihn trotzdem hier im Garten lassen“, sagt Antje Müller. Denn der Baum ist Teil eines besonderen Konzepts. In Antje Müllers Naturgarten in Daubringen bei Gießen wachsen fast nur heimische Pflanzen. Sie bieten Dutzenden Arten einen Lebensraum: Faltern, Motten, Käfern, Igeln, Libellen und Vögeln.
„Als ich 2019 mit der Umgestaltung begann, hatte ich überhaupt keine Ahnung von Naturgärten“, erzählt die 45-Jährige. „Ich war völlig überfordert und habe im Baumarkt irgendwelche Pflanzen gekauft.“ Doch dann las sie immer mehr über das Konzept und trat in den Verein NaturGarten ein. Aus der Grünfläche mit Rasen und Thuja-Hecke machte sie ein blühendes, lebendiges Paradies.
Müller klettert einen kleinen Sandhügel hinauf: ihre neu angelegte Sandfläche, Sandarium genannt. „Einige Wildbienen benötigen Sandflächen, in die sie bis zu sechzig Zentimeter tiefe Niströhren graben.“
Überall haben die Insekten schon kleine Löcher gebuddelt. Eine Mini-Wildbiene schwirrt heran und landet auf einem Staudenlein. Neben einem Totholzstapel rollt sich eine Raupe zusammen. Müller holt ihr Handy hervor. „Mal gucken, wer uns hier besucht.“ Es handelt sich um einen Falter namens Grasglucke.
Das Problem, so erklärt sie es, ist: Durch die intensive Landwirtschaft geht die Vielfalt an Pflanzen und Landschaftsformen zurück. Damit verschwinden Tierarten, die häufig genau diese eine Wildpflanze als Nahrungsquelle benötigen.
Müller deutet auf einen Blumentopf, den sie mit Schafgarbe, wilder Malve und Klatschmohn bepflanzt hat: „Schon ein kleiner Topf kann helfen.“ Ihr Wissen möchte sie gern weitergeben, weshalb sich die E-Learning-Beraterin nebenberuflich zur Naturgarten-Expertin ausbilden lässt. „Es geht darum, den Menschen die Hand zu reichen, erste Schritte zu tun.“
Positive psychologische Wirkung
„Jede Fläche zählt“, so sieht es auch Maren Heincke. Die Agraringenieurin vom Zentrum Bildung und Gesellschaft der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau berät unter anderem Kirchengemeinden oder Kitas bei Biodiversitätsprojekten.
Weißdorn und Hainbuche als Hecke, Schattenplätze mit wildem Wein schaffen, Efeu als Bodenbedecker, den Balkonkasten mit Rosmarin, Thymian und Basilikum für den Salat bepflanzen: „Das ist ästhetisch schön, verursacht wenig Kosten und hat eine positive psychologische Wirkung“, sagt Heincke. Jeder könne einen kleinen Beitrag leisten. Selbst wer nur einen Baum hat, kann einen Nistkasten aufhängen.
Anne Naumann besitzt an der Rückseite ihres Fachwerk-Bauernhofs im nordhessischen Twistetal-Berndorf einen riesigen Garten. Auf der ehemaligen Pferdekoppel betreut sie Kinder- und Jugendgruppen des Naturschutzbundes Nabu.
Durch das Gelände schlängelt sich ein Naschpfad. Die Kinder können Sauerampfer oder Johannisbeeren probieren – manchmal, erzählt Naumann lachend, sind die Früchte noch gar nicht reif. Gemeinsam legen sie einen Teich an. Im Walnussbaum hängt ein Baumhaus, in der Holunder-Ecke hat sich ein Schneckenpark gebildet. Die Kinder geben den Nacktschnecken Namen.
Gemäht werden eigentlich nur die Wege, der Heckenschnitt kommt wieder in die Hecke, damit Vögel im dichten Gehölz brüten können. „Es entstehen lauter kleine Biotope“, freut sich Naumann. Was sie im Großen umsetzt, lasse sich auch auf kleinen Flächen „miniaturisieren“.
Was Pflanzen und Tieren hilft, tut auch dem Menschen gut. Maren Heincke rät, im Sommer den Tieren Wasser hinzustellen, dabei aber – ganz wichtig – auf Sauberkeit zu achten. In den aktuell krisenhaften Zeiten schaffe man sich so kleine glückliche Momente: „Vögel beim Baden beobachten tut der Seele gut.“
In Antje Müllers grünem Idyll wächst ein großer Kirschbaum, es gibt gemütliche Sitzecken, einen kleinen Teich, eine Kinderschaukel und Spielsand. Meerblaue Glaszylinder hat sie mit Holzwolle für Ohrenkneifer befüllt. „Das sieht schön aus und hat einen Wert.“ Der Garten, sagt sie froh, „ist ein Nutzen für alle“.
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