Bei Männern hat sich das Testosteron in den vergangenen 50 Jahren halbiert
Der durchschnittliche Testosteronspiegel bei Männern könnte in den vergangenen 50 Jahren um mehr als die Hälfte abgefallen sein. Das ergibt eine neue Studie, deren Autoren vor einer Fruchtbarkeitskrise warnen.
Die Wissenschaftler werteten sechs Langzeitstudien aus, die Veränderungen im Testosteronwert von Männern nachverfolgt hatten. Insgesamt führten sie Daten zum Testosteronspiegel von nahezu 118.600 Männern zusammen. Abgedeckt ist der Zeitraum zwischen 1972 und 2019 in fünf Ländern: Israel, den USA, Brasilien, Finnland und Dänemark.
Testosteron spielt eine weit größere Rolle als lediglich die Libido und die Spermienproduktion zu steigern. Ein Mangel steht im Zusammenhang mit Müdigkeit, Reizbarkeit und depressiven Verstimmungen. Zudem beeinflusst das Hormon den allgemeinen Stoffwechsel, den Muskelaufbau und die Knochendichte und ist sowohl im Körper von Männern als auch von Frauen vorhanden.
Die nun erfolgte Auswertung bestätigte, dass der durchschnittliche Testosteronspiegel bei Männern zwischen 1972 und 2019 um mehr als 50 Prozent gesunken sei, sagte das Forscherteam um Hagai Levine an der Braun School of Public Health der Hebrew University-Hadassah in Israel. Jede der sechs analysierten Studien wies Anzeichen für sinkende Testosteronwerte nach.
Alle gemeinsam ergäben im Mittel eine Reduktion um 54 Prozent seit 1972. Das entspricht einer Verringerung von etwa einem Prozent pro Jahr. Demnach handele es sich um einen starken Trend, nicht nur um ein statistisches Artefakt, sagen die Forscher. Besonders nach dem Jahr 2000 habe dieser sich beschleunigt.
Die Ergebnisse der Studie wurden beim 42. jährlichen Treffen der „European Society of Human Reproduction and Embryology“ in London vorab vorgestellt. Ein Peer-Review steht noch aus.
Sorge um männliche Reproduktionsgesundheit
Die Auswertung kommt vor dem Hintergrund zunehmender Sorgen um die männliche Reproduktionsgesundheit. Bereits zuvor hatte dasselbe Team festgestellt, dass die durchschnittliche Spermienzahl in den vergangenen 40 Jahren deutlich gesunken ist.
Nicht alle Wissenschaftler teilen diese Einschätzung uneingeschränkt. Im Jahr 2024 untersuchte eine dänische Studie Daten zur Spermienqualität in Samenbanken im Zeitraum von 2017 bis 2022. Darin konnten die Forscher keine Verringerung der Spermienkonzentration und -menge während dieser fünf Jahre feststellen.
Die Wissenschaftler beobachteten jedoch etwas anderes: Während die Gesamtzahl der Spermien im Wesentlichen konstant blieb, brach die Zahl der beweglichen Spermien in den Proben seit 2019 dramatisch ein – um bis zu 22 Prozent. Möglicherweise hätten die landesweiten Lockdowns zu Veränderungen in Arbeitsrhythmen, Ernährung und Menge an physischer Aktivität geführt, so die Forscher. Der Einfluss dieser Faktoren auf die Beweglichkeit von Spermien sei bekannt.
Den langfristigen Trend des schleichenden Verlusts des männlichen Sexualhormons über ein halbes Jahrhundert hinweg, wie ihn die nun vorgestellte Arbeit beobachtet, können derart kurzfristige Ereignisse jedoch nicht erklären.
Die größten Treiber der Entwicklung könnten stattdessen Adipositas und Diabetes sein. So haben sich die weltweiten Adipositas-Zahlen in den vergangenen 50 Jahren verdreifacht – im gleichen Zeitraum also, in dem der Testosteronwert der neuen Studie zufolge eingebrochen ist.
Der biologische Hintergrund: In den Fettzellen des Körpers wird Testosteron in das weibliche Hormon Östrogen umgewandelt. Übergewicht geht deshalb häufig mit einem reduzierten Testosteronspiegel einher. Dadurch wird wiederum der Muskelaufbau gehemmt und der Fettstoffwechsel verlangsamt. Es folgt ein Teufelskreis.
Auch Insulinresistenz und hoher Blutzucker bei Diabetespatienten können wohl die Aktivität von Hypothalamus und Hypophyse im Gehirn beeinträchtigen, die dem Körper das Signal für die Testosteronproduktion geben.
Nicht zuletzt könnten auch Umweltfaktoren wie Chemikalien den Hormonspiegel beeinflussen, etwa sogenannte Ewig-Chemikalien in verschiedenen Haushaltsprodukten.
Experten warnen davor, ohne ärztlichen Rat zu Supplementen zu greifen. Künstlich zugeführtes Testosteron kann dem Körper und Gehirn signalisieren, dass ausreichende Mengen des Hormons vorhanden sind, und somit die Produktion noch weiter dämpfen.
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