Die Vorsorgeuntersuchung auf Prostatakrebs durch einen Bluttest kann Männerleben retten. Doch der „absolute Nutzen ist gering“, so das Ergebnis der bislang umfassendsten Studie zu diesem Thema. Viele Männer könnten sich damit unnötigen Behandlungen und teils folgenschweren medizinischen Komplikationen ausgesetzt sehen.

Die Übersichtsarbeit wertete sechs Studien mit insgesamt knapp 800.000 Männern aus. Sie ergab, dass das Screening mittels des prostataspezifischen Antigens (PSA) die Sterblichkeit durch Prostatakrebs um zwei Todesfälle je 1000 untersuchte Männer senkte. Das bedeutet: 500 Männer müssen untersucht werden, um einen Todesfall durch die Erkrankung zu verhindern.

Der Nutzen wurde erst deutlich, als die Patienten über längere Zeiträume beobachtet wurden – insbesondere im Rahmen der Europäischen randomisierten Studie zum Prostatakrebs-Screening (ERSPC). Diese begleitete die Männer über 23 Jahre nach der Untersuchung.

„Das Prostatakrebs-Screening senkt tatsächlich die Sterblichkeit durch Prostatakrebs, allerdings mit dem Vorbehalt, dass es sehr langer Zeiträume bedarf, bis dieser Nutzen sichtbar wird“, wird Prof. Philipp Dahm, Urologe an der University of Minnesota und leitender Autor des Cochrane-Reviews, vom „Guardian“ zitiert. „Dieser Befund ist ein Meilenstein, und ich glaube, er wird für viele Entscheidungsträger im Gesundheitswesen einen Unterschied machen.“

In Deutschland umfasst das Prostatakrebs-Früherkennungsprogramm für gesetzlich Versicherte ab dem 45. Lebensjahr das jährliche Abtasten der Prostata. Diese traditionelle Methode wird von der neuen Leitlinie allerdings nicht mehr empfohlen. Stattdessen rät diese zum PSA-Bluttest, welcher von den Krankenkassen bislang nicht übernommen wird. Dies liegt hauptsächlich daran, dass der Test unzuverlässig ist.

Der Bluttest erfasst zwar lebensbedrohliche Tumoren. Er entdeckt aber auch viele gutartige Krebsformen, die möglicherweise nie Probleme verursachen. Dies kann dazu führen, dass Männer sich einer Strahlentherapie, Operation oder Hormontherapie unterziehen und dabei Komplikationen wie Inkontinenz und Impotenz riskieren.

Prostata-Screening als Kassenleistung

Die in der Übersichtsarbeit berücksichtigten Studien untersuchten die Auswirkungen des Screenings auf die Lebensqualität der Männer nicht systematisch. Die ProtecT-Studie ergab jedoch, dass zwischen 8 und 47 Prozent der Männer nach einer Strahlentherapie oder Operation bei Prostatakrebs Probleme mit der Blasen- oder Sexualfunktion meldeten.

Dr. Juan Franco von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Erstautor der Übersichtsarbeit, betonte, die Ergebnisse seien „keine pauschale Empfehlung für ein universelles Screening“. Er hob stattdessen die „sehr realen Risiken“ von Überdiagnosen und unnötigen Behandlungen hervor. „Letztlich ist es wichtig, das Gespräch mit den Patienten zu suchen und das zu praktizieren, was wir gemeinsame Entscheidungsfindung nennen“, sagte er.

Prostatakrebs gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Männern. In Deutschland werden jährlich mehr als 79.600 Fälle diagnostiziert. Jeder achte Mann erkrankt im Laufe seines Lebens daran, bei Männern schwarzafrikanischer Herkunft steigt dieser Anteil auf jeden Vierten. Im Jahr 2023 verstarben 15.000 daran.

Im Oktober vergangenen Jahres begann der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Beratungen, inwieweit ein sogenanntes risikoadaptiertes Prostatakrebs-Screening mittels PSA-Test als Kassenleistung bezahlt werden sollte. Um unnötige Operationen bei Fehldiagnosen zu vermeiden, soll dabei in konkreten Verdachtsfällen eine Magnetresonanztomografie (MRT) der Prostata durchgeführt werden. Zeigt sich auch hier ein Verdacht auf Prostatakrebs, wird schließlich eine gezielte Gewebeentnahme empfohlen.

Phillip Dahm zufolge ist ein Screening vor allem dann sinnvoll, wenn Männer voraussichtlich noch mindestens 10 bis 15 weitere Lebensjahre vor sich haben. „Wenn jemand unter vielen anderen schwerwiegenden Erkrankungen leidet, die die Lebenserwartung weit stärker einschränken, muss man sich um Prostatakrebs größtenteils keine Sorgen machen – denn die meisten Prostatakrebserkrankungen wachsen langsam“, sagte er.

Erweitertes Prostata-Screening mittels MRT

Die Übersichtsarbeit untersuchte auch neuere Entwicklungen beim Screening, die auf mehr Präzision abzielen und unnötige Biopsien reduzieren sollen – etwa durch den Nachweis weiterer prostataspezifischer Proteine im Blut sowie durch MRT-Aufnahmen der Drüse. Diese Ansätze erscheinen vielversprechend, doch die Forscher erklärten, es sei noch zu früh, um beurteilen zu können, ob sie mehr Leben retten oder weniger Schaden anrichten könnten.

David James von der Organisation Prostate Cancer Research aus Großbritannien betonte gegenüber dem „Guardian“, die Übersichtsarbeit zeige, dass Screening die Sterblichkeit durch diese Erkrankung senke. „Es ist auch wichtig anzuerkennen, wie stark sich Diagnose und Behandlung von Prostatakrebs seit Beginn vieler dieser Studien weiterentwickelt haben“, sagte er. „MRT-gestützte Diagnosepfade, gezieltere Biopsien, aktive Überwachung und neuere Biomarker-Tests verändern allesamt das Verhältnis zwischen Nutzen und Risiken des Screenings.“

Dr. Ian Walker von Cancer Research UK hingegen erklärte, die Übersichtsarbeit verdeutliche, warum es in Großbritannien kein flächendeckendes Screening-Programm gibt. „Diese Auswertung zeigt zwar, dass der Test je 1000 untersuchten Männern ein bis zwei Prostatakrebstodesfälle verhindern könnte, macht aber auch deutlich, dass etwa 30 weitere Männer mit der Erkrankung diagnostiziert werden könnten – von denen viele durch ihren Krebs niemals ernsthaft gefährdet worden wären und sich unnötigen Behandlungen mit langfristigen Folgen wie Blasenschwäche und erektiler Dysfunktion unterziehen müssten.“

Dr. Matthew Hobbs von Prostate Cancer UK erklärte gegenüber dem „Science Media Center“, die Studie zeige, dass PSA-Screening Männerleben retten könne – „aber bei weitem nicht genug“. Er fügte hinzu: „Es bedarf weiterer Forschung, um kritische Wissenslücken zu schließen und den sichersten und wirksamsten Weg für das Prostatakrebs-Screening bei Männern zu finden, damit der Nutzen die Risiken überwiegt.“

In der Zwischenzeit müsse sichergestellt werden, dass alle Männer mit einem erhöhten Prostatakrebs-Risiko ausreichend informiert sind, um zu entscheiden, ob sie einen PSA-Bluttest machen lassen wollen oder nicht. „Diese Forschung zeigt einmal mehr: Das ist keine einfache Entscheidung, und wir müssen ehrlich mit Männern über den Nutzen, aber auch über die möglichen Risiken sprechen“, so Hobbs.

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