Ein Mediziner verkaufte seine alten Pokémon-Karten auf Ebay und erstellte daraus einen Datensatz. Er kann verraten, worauf es beim Verkauf ankommt – wissenschaftlich belegt.

Ohne seine Oma hätte Johannes Heck wohl niemals erforscht, worauf es beim Verkauf von Pokémon-Karten ankommt. Hatte er doch längst vergessen, dass er die Karten vor mehr als 20 Jahren einmal sammelte. Bis er an Weihnachten das Geschenk seiner Großmutter auspackte – und seinen alten Sammelordner in den Händen hielt. Mehr als 500 Karten waren darin in Klarsichtfolien verwahrt.

Eigentlich hatte sich seine Oma nur einen Spaß erlaubt. Aber Heck ließ die Sammlung nicht mehr los. Im Fernsehen sah er einen Beitrag über den Wert von alten Pokémon-Karten. Einige könne man für mehr als 10.000 Euro verkaufen, hieß es darin. Also blätterte er den alten Ordner durch und fragte sich, ob unter seinen Karten wohl auch einige Schätze lauerten.

Nun ist Heck aber kein Geschäftsmann. Er ist Wissenschaftler, Facharzt für klinische Pharmakologie und Privatdozent an der Medizinischen Hochschule Hannover. Dass die Karten Geld bringen, war für ihn zweitrangig. Er sah in ihnen etwas viel Wertvolleres: einen Datensatz.

So wurde Hecks alter Pokémon-Sammelordner die Grundlage für eine ökonomische Feldstudie. Über ein Jahr hinweg stellte er gemeinsam mit einem Team seine alten Sammelkarten auf Ebay, jeweils für einen Beobachtungszeitraum von mindestens drei Monaten. Insgesamt waren es 300 Karten, die er in drei Typen kategorisierte: weit verbreitete Karten, weniger verbreitete und seltene. Dann sammelte er zu jeder einzelnen Karte Daten: für wie viel Geld sie verkauft wurde, wie lange sie vorher auf Ebay zum Verkauf stand und wer die Karte erworben hat. 

220 Karten wurde Heck in dem Untersuchungszeitraum los. Nach einem Jahr hatte er einen großen Pokémon-Datensatz, an den man nun viele Fragen stellen konnte. Zum Beispiel: Welche Karten verkaufen sich am schnellsten? Wann lohnt sich der Verkauf? Woher kommen die meisten Käufer und sind es mehrheitlich Männer oder Frauen? 

Natürlich sind das keine weltbewegenden Fragen, das weiß auch Heck. Sein Datensatz sei aber eine gute Grundlage, um statistische Verfahren aus der Medizin auszuprobieren und sie mit Methoden aus verschiedenen Fachgebieten zu kombinieren. Zum Beispiel die sogenannte Kaplan-Meier-Kurve. „Die konnte ich in meinem Fachgebiet bislang leider noch nicht ausprobieren“, sagt Heck. 

Überlebenszeit von Pokémon-Karten

Mit der Kaplan-Meier-Kurve stellen Wissenschaftler eigentlich die Überlebensdauer von Patientengruppen dar. In der Medizin spricht man von der „Survival Analysis“: Die Kurve zeigt an, wie lange Patientengruppen mit einer bestimmten Diagnose überleben. Je steiler die Kurve abfällt, desto kürzer das Überleben. Testet man eine Therapiemaßnahme an einer Gruppe von Patienten, kann man Daten vergleichen: Sinkt die Kurve flacher, wenn Patienten ein bestimmtes Medikament einnehmen? Wenn ja, tritt ihr Tod später ein, die Therapie verlängert also das Leben.

Bei den Pokémon-Karten geht es natürlich nicht um Leben und Tod. Aber statistisch gebe es letztlich keinen großen Unterschied, sagt Heck. Denn ihn interessierte, ob ein bestimmtes Ereignis eintritt oder nicht: der Verkauf. Oder um im Medizin-Jargon zu bleiben: die Überlebensdauer der Karten auf Ebay.

In seiner Studie vergleicht Heck die Kurven der drei Kartentypen miteinander. Die wenig überraschende Erkenntnis: Verbreitete Karten verkaufen sich am schlechtesten. Oder positiv formuliert: Sie überleben länger auf Ebay.

Bei welchen Pokémon-Karten lohnt sich der Verkauf?

Mit einem Verfahren aus den Wirtschaftswissenschaften analysierte Heck, bei welchen Pokémon-Karten sich der Verkauf wirklich lohnt. ABC-Analyse nennt sich die Methode. Ihr Ziel ist es, für den Erlös wichtige Produkte von unwichtigen zu unterscheiden. Als A‑Karten definierte Heck die teuersten Karten, die kumuliert 80 Prozent des Erlöses ausmachten, B‑Karten trugen die nächsten 15 Prozent bei und C-Karten die letzten 5 Prozent. Das Ergebnis: Der größte Erlös wurde von etwa 40 Prozent der Karten erzielt. Ein Großteil dieser Karten wiederum waren seltene Karten oder Glitzerkarten. Die wertvollste von allen: eine holografische Glurak-Karte aus dem Basis-Set von 1999. Der Käufer legte für dieses Sammlerstück 145 Euro hin.

Für potenzielle Sammelkarten-Verkäufer gilt also: Für den Großteil des Gewinns reicht es, sich auf die wertvollsten Karten zu konzentrieren.

Ein paar weitere Informationen lassen sich aus den Daten ablesen: Die große Mehrheit der Käufer war männlich, Frauen aber gaben im Schnitt etwas mehr Geld pro Karte aus. Und Hotspots für Sammler sind Hamburg und Thüringen, von dort stammten im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Sammler. Warum das so ist, kann Heck nur mutmaßen. In Hamburg gebe es zumindest viele Sammelkarten-Geschäfte und Tradingcard-Conventions, also Messen für Sammler und Händler. Und in Erfurt existiere eine aktive Pokémon-Liga.

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Den großen Mehrwert seiner Forschung sieht Heck allerdings nicht in den Ergebnissen, sondern in seinem Datensatz. Denn der sei super geeignet, um statistische Verfahren zu erklären. Vielleicht ließen sich so auch Studierende oder sogar Schülerinnen und Schüler für wissenschaftliche Methodik begeistern.

Eine letzte, wichtige Erkenntnis hat Heck aus seiner Forschung aber doch noch: Der Wert einer Karte hängt stark von ihrem Zustand ab. Und auch wenn seine Sammlung ordentlich im Regal seiner Oma archiviert wurde, seien einige Karten nach all den Jahren etwas vergilbt gewesen. „Ich kann nur dazu raten, lichtundurchlässige Sammelmappen zu verwenden“, sagt er.

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