Beim Schuhkauf wurde unsere Autorin kürzlich nach digitalem Trinkgeld gefragt. Sie empfand das als Zumutung. Eine Umfrage zeigt: Die Mehrheit der Deutschen sieht das ähnlich.

Vor ein paar Wochen begegnete mir in einem Schuhladen ein bizarres neues Phänomen. Ich hatte nach einem Paar neuer Schuhe geschaut und war dabei von einem Verkäufer sehr zuvorkommend bedient worden. Er fragte mich, ob er mir helfen könne, suchte mehrfach Schuhe für mich heraus. Ich war erfreut über die aufmerksame Art. Anders als früher scheint es mir heutzutage nicht mehr die Regel in Geschäften zu sein.

Doch die Freude endete an der Kasse. Als ich den Kaufbetrag bestätigen sollte, wurde ich vom Lesegerät nach einem Trinkgeld gefragt: 10, 15 oder gar 20 Prozent waren die Optionen. Ich tippte auf „Nein“. Schlagartig erlosch beim Verkäufer jede Freundlichkeit. Meinen Abschiedsgruß erwiderte er nicht mehr.

Ich fand den Vorgang verstörend. Ich bin zur Großzügigkeit erzogen worden. Selbst in Zeiten, in denen ich selbst wenig hatte, habe ich in Cafés und Restaurants immer Trinkgeld gegeben. In Hotels hinterlasse ich grundsätzlich ein paar Münzen für die Putzkräfte. 

Im Schuhladen leuchtete mir das indes nicht ein. So freundlich der Verkäufer war, am Ende hat er seinen Job gemacht. Für den er bezahlt wird. Warum sollte ich für eine Selbstverständlichkeit Trinkgeld geben? 

Ich postete meine Erfahrung auf dem Kurznachrichtendienst X – und erhielt erstaunlich viel Resonanz. Die meisten Kommentatorinnen und Kommentatoren teilten mein Befremden. Sie berichteten, wie sie selbst in ungewöhnlichen Situationen Trinkgeld zahlen sollten. An Flughafen-Cafés mit Selbstbedienung etwa. Oder in einem Laden für das Wasser, das sie selbst aus dem Kühlschrank geholt und zur Kasse getragen hatten.

Aber es gab auch Gegenmeinungen. „Ich habe oft bei besonders guter Beratung im Einzelhandel gedacht, dass ich gern ein Trinkgeld geben würde, dies aber unüblich ist“, schrieb eine Kollegin. „Insofern finde ich die neue Möglichkeit nicht schlecht.“

Die Mehrheit der Deutschen scheint es eher wie ich zu sehen. Eine aktuelle repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom zeigt: Nur knapp drei von zehn Deutschen (29 Prozent) halten es für gut, dass bei den neuen Kartenterminals beim Bezahlen mit Karte inzwischen auch Trinkgeldoptionen angeboten werden. Besonders groß ist die Ablehnung bei älteren Menschen. Bei den Über-65-Jährigen waren nur 22 Prozent der Ansicht, das sei eine gute Sache. Befragt wurden 1004 Personen in Deutschland ab 16 Jahren.

Ich habe länger darüber nachgedacht, warum mich der Vorgang so stört. Zum einen fühle ich mich genötigt: Gebe ich kein Trinkgeld, so wirkt dies wie ein offenkundiges Urteil über den Service. Oder wie es eine X-Nutzerin als Antwort auf meinen Post schrieb: Als sie im Laden kein Trinkgeld gab, fragte der Verkäufer: „Schade, war etwas nicht okay?“ Sie habe das als „unangenehm“ empfunden, werde künftig mehr online bestellen.

Digitales Trinkgeld – wo ist die Grenze?

Zum anderen frage ich mich, wo denn dann die Grenze ist. Wenn ich für eine ganz normale Schuhberatung Trinkgeld gebe, wird das dann demnächst auch beim Bäcker fürs Brötchenholen von mir verlangt? Wenn ich durch die automatisierte Autowäsche fahre? Wenn ich im Discounter Lebensmittel einkaufe? 

Der (lange schon verstorbene) israelische Autor Ephraim Kishon hat die Auswüchse eines solchen Phänomens mal in einer herrlichen Kurzgeschichte beschrieben, damals noch in analoger Form: In einem Hotel muss die Hauptfigur plötzlich für die selbstverständlichsten Dienstleistungen Trinkgeld bezahlen – etwa für das Erfragen der Uhrzeit. Sie löst es, indem sie einfach eine falsche Zimmernummer angibt, auf die die Rechnung ausgestellt wird.

Aber wenn man ehrlich bleiben will, muss die Frage erlaubt sein: Wer sollte eine so ausufernde Trinkgeldpraxis dann noch bezahlen können? Und wenn es so käme: Sollte ich dann nicht auch von Ihnen, die Sie gerade meinen Artikel lesen, mit Fug und Recht künftig ein Trinkgeld erwarten? 

Und noch ein Gedanke: Geschäftsinhaber können selbst entscheiden, ob sie die Trinkgeldfunktion am Kartenleser ab- oder anstellen. Wer sagt mir, dass sie sie nicht nutzen, um selbst weniger Gehalt zu zahlen, was ich dann mit meinem Trinkgeld wieder ausgleichen soll?

Aber schauen wir einen Moment auf die andere Seite. Führt das digitale Trinkgeld dazu, dass mehr gegeben wird? Laut Bitkom-Befragung glauben 64 Prozent der Deutschen, dass auf diese Weise mehr gezahlt wird als geplant. 

Für den Hotel- und Gaststättenverband Dehoga ist das digitale Trinkgeld eine Anpassung an die Tatsache, dass immer häufiger bargeldlos bezahlt wird. „Immer mehr Menschen sind bargeldlos unterwegs“, sagte der Geschäftsführer Jürgen Benad der „HNA“. Er sieht in den voreingestellten Trinkgeld-Optionen an Lesegeräten eine Erleichterung für Kunden und Gäste. Die Bezahlung des Extrageldes bleibe dabei freiwillig. 

Psychologisch ist es allerdings ein Unterschied, ob ich proaktiv selbst entscheiden kann, ob ich Trinkgeld gebe. Oder ob mir eine Antwort auf die Frage vom Kartenlesegerät abverlangt wird. Das zeigt auch die Reaktion meines Schuhverkäufers.

Kommt bald Trinkgeld für Automaten?

Laut „Focus“ senkt das Zahlen mit der Karte sogar tendenziell Trinkgeldbeträge. Außerdem würden vor allem jüngere Menschen immer mehr online oder mittels Selbstbedingung bestellen. Dann würde das Trinkgeld ganz verschwinden. 

Wobei – nicht unbedingt. Ein Kollege berichtete, dass er in den USA unlängst an einem Selbstbedienungsautomaten bezahlte. Kein Verkäufer weit und breit. Er wurde trotzdem nach einem Trinkgeld gefragt. Was eine neue Frage aufwirft: Haben nicht auch Automaten Anspruch auf ein Trinkgeld? Und was ist eigentlich mit Künstlicher Intelligenz?

Was ist Ihre Meinung? Ist ein digitales Trinkgeld sinnvoll? Schreiben Sie an miriam.hollstein@stern.de.

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