Die Schilddrüse ist klein, aber mächtig. Das schmetterlingsförmige Organ unterhalb des Kehlkopfs schmiegt sich an die Luftröhre. Die Drüse setzt zwei Hormone frei – Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) – welche unter anderem die Organaktivität regulieren. Insbesondere das Hormon T3 bestimmt, wie viel Fett der Körper verbrennt, weshalb seine Funktion auch als „Gaspedal“ des Stoffwechsels bezeichnet wird.

„Stoffwechsel, Herzschlag, Stimmung – alles hängt von der Schilddrüse ab“, erklärt Dagmar Führer-Sakel im Gespräch mit WELT. Sakel ist Professorin für Innere Medizin und Endokrinologie und leitet die Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen.

Das Organ ist sensibel – bereits kleinste Veränderungen im Körper bringen es aus dem Gleichgewicht. Die gesundheitlichen Folgen betreffen erstaunlich viele Menschen: Fast jede dritte Person in Deutschland weist eine vergrößerte Schilddrüse auf, auch als Struma oder Kropf bezeichnet. Auch andere Veränderungen der Drüse sind weitverbreitet.

„Sogar noch mehr als ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung, je nach Altersgruppe, hat Knoten in der Schilddrüse. Die meisten Knoten sind harmlos und stören den Patienten nicht“, sagt Führer-Sakel. Viele Betroffene merkten nicht, dass sie eine Schilddrüsenvergrößerung, also eine Struma haben, erklärt die Endokrinologin.

Für eine vergrößerte Schilddrüse gilt chronischer Jodmangel als wichtigste Ursache. Um die Hormone T4 und T3 bilden und ins Blut abgeben zu können, benötigt die Hormondrüse das essenzielle Spurenelement. Nimmt der Mensch zu wenig Jod mit der Nahrung auf, schüttet das Gehirn vermehrt das Hormon Thyreotropin (TSH) aus. Die Zellen der Schilddrüse beginnen daraufhin sich zu teilen – das Organ wächst. Nach dem Motto: „Größere Drüse produziert mehr Hormone“ nimmt die Schilddrüse an Volumen zu, um trotz Jodmangel den Körper mit Hormonen zu versorgen.

Damit die Schilddrüse einwandfrei funktioniert, benötigen Erwachsene laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) etwa 150 Mikrogramm Jod am Tag. Diese Dosis mit der Nahrung aufzunehmen ist zunehmend schwierig geworden. In einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2024 heißt es: „Jüngste Marktuntersuchungen ergaben, dass in Deutschland nur neun Prozent des Salzes in verarbeiteten Lebensmitteln jodiert waren.“

Nach Daten des Robert-Koch-Instituts haben rund 32 Prozent der Erwachsenen und 44 Prozent der Kinder in Deutschland ein erhöhtes Risiko für eine unzureichende Jodversorgung. Besonders Frauen zwischen Pubertät und Menopause sind betroffen: Bei den 18- bis 29-Jährigen sind fast 50 Prozent gefährdet, bei den 30- bis 39-Jährigen rund 40 Prozent.

Laut WHO-Bericht herrsche in Europa ein „milder Jodmangel“, vor den gesundheitlichen Folgen wird gewarnt. Ursächlich seien demnach jodarme Böden. Die Landwirtschaft brächte folglich jodarmes Gemüse und Obst hervor. Zudem ernährten sich in Deutschland immer mehr Menschen vegetarisch oder vegan. Diese Ernährungsformen erschweren die Jodversorgung zusätzlich, da vor allem Fisch, Milch und Molkereiprodukten das Spurenelement enthalten.

Doch wie lässt sich eine ausreichende Jodzufuhr sicherstellen? „Wenn man dieser Frage nachgehen möchte, muss man überlegen, welche Nahrungsmittel man konsumiert. Das Wichtigste ist: Immer Jodsalz verwenden“, rät Endokrinologin Führer-Sakel. Die richtige Ernährung könne sogar ein beginnendes Wachstum der Schilddrüse also die Entstehung einer Struma und auch die Entstehung von Knoten aufhalten. Besonders jodhaltig ist Seefisch wie Kabeljau, Scholle und Seelachs.

Die Sorge, bei einer normalen mitteleuropäischen Kost zu viel Jod zu essen, sei unbegründet. Selbst wenn bereits eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse vorliege. „Es gibt keine Schilddrüsenerkrankung, bei der man Sorge haben muss, jodiertes Speisesalz zu verwenden. Das ist ein wirklich großes Missverständnis in der Bevölkerung“, so Führer-Sakel. Bedenken habe die Endokrinologin lediglich beim Verzehr von Algenprodukten. Besonders Meeresalgen reichern Jod stark an, sodass beim Verzehr die empfohlene Höchstmenge von 500 Mikrogramm schnell überschritten werden könne.

Sollte die Schilddrüse vorsorglich auf Veränderungen untersucht werden? Führer-Sakel findet klare Worte: „Für die Allgemeinbevölkerung ist die Antwort: Nein.“ Und weiter: „Schon gar nicht eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse im Rahmen eines Check-ups.“ Grundsätzlich sei eine Diagnostik nur bei Beschwerden und klinischem Verdacht auf eine Schilddrüsenerkrankung angezeigt, betont die Endokrinologin.

„Das Problem der Überdiagnose ist dringlich“

Denn zahlreiche Studien haben weltweit gezeigt, dass ein bevölkerungsweites Screening der Schilddrüse mittels Ultraschall direkt mit einer steigenden Rate an Schilddrüsenkarzinomen einhergeht. Das zeigt unter anderem eine südkoreanische Studie aus dem Jahr 2017. Die Forscher untersuchten für die Analyse die Schilddrüsen von über 70.000 Probanden. Die Ultraschalluntersuchungen ergaben: Bei mehr als einem Drittel der Teilnehmer fanden sich Schilddrüsenknoten und -zysten. Darauf folgten Schilddrüsenoperationen „Ohne, dass sich daraus ein erkennbarer Vorteil für die Bevölkerung ergeben hätte“, so die Expertin.

Und das, obwohl es sich dabei häufig um sehr kleine Tumoren handelte, die keine Beschwerden verursacht hätten und auch keinen Krankheitswert hätten. „Diese an sich gut intendierten Untersuchungen waren also nicht mit einem Nutzen verbunden, sondern eher mit Schaden“, bedauert die Endokrinologin. Tatsächlich standen eher Komplikationen im Vordergrund. Zu den möglichen Folgen operativer Eingriffe zählen ein dauerhafter Ausfall der Nebenschilddrüsen (mit Störungen des Kalziumhaushalts), eine lebenslange Substitution von Schilddrüsenhormonen sowie Verletzungen des Stimmbandnervs.

Eine kürzlich in der medizinischen Zeitschrift „Jama Network Open“ veröffentlichten Studie bestätigt, dass eine Diagnose kaum zur Schilddrüsengesundheit beträgt. Die Forscher sprechen vom „Überdiagnostizieren“ von Schilddrüsenknoten. Das amerikanische Forschungsteam schätzte mithilfe eines Simulationsmodells ab, wie viele Schilddrüsenkrebs-Fälle wirklich relevant sind im Vergleich zu solchen, die entdeckt und behandelt werden, obwohl sie wahrscheinlich nie Krankheitssymptome verursacht hätten.

Die Ergebnisse zeigten: hätte man zwei Drittel der Ultraschalluntersuchungen weggelassen, wären rund 40 Prozent weniger Befunde gestellt worden. Die Zahl der Todesfälle hätte sich dadurch um weniger als 0,1 Prozent verändert, heißt es in der Studie. „Das Problem der Überdiagnose ist dringlich und verschärft sich zunehmend“, schreiben die Forscher.

Aus diesen Bevölkerungsdaten hätten die internationalen Fachgesellschaften Konsequenzen gezogen, sagt Führer-Sakel: Ziel sei es, Überdiagnostik und Übertherapie konsequent zu vermeiden und den Fokus stattdessen auf die fachspezifische Behandlung solcher Schilddrüsenveränderungen zu legen, die für Patienten tatsächlich relevant sind.

„Kippt das hormonelle Gleichgewicht der Schilddrüse, gerät der ganze Organismus aus dem Rhythmus“, sagt Führer-Sakel. Die Symptome: Starkes Schwitzen, Wärmeintoleranz, Nervosität, Zittern, Konzentrationsstörungen, bei Frauen zudem Zyklusstörungen oder Haarausfall zählen zu den Symptomen, die ärztlich abgeklärt werden müssen. Lampenfieber ähnelnd, sind sie Indikatoren für eine Überfunktion der Schilddrüse. „Wenn Sie eine Schilddrüsenüberfunktion haben, dann schmelzen die Fettspeicher im Körper und Sie nehmen unfreiwillig ab“, sagt Führer-Sakel.

„Das finden die Patienten unter Umständen sogar gut, weil sie dann essen können, was sie wollen.“ Die vermehrte Verfügbarkeit von Schilddrüsenhormon bei der Überfunktion kurbelt den Stoffwechsel massiv an, so verbrennt der Körper ohne Anstrengung deutlich mehr Kalorien als ein gesunder Mensch. Aber gesund sei das nicht, denn innere Organe wie Herz, und Leber sowie der Knochen und das Gehirn würden in ihrer Funktion beeinträchtigt.

Bei einer Unterfunktion zeigen sich meist gegenteilige Symptome: Konzentrationsprobleme, ausgeprägte Müdigkeit, Verlangsamung und Antriebslosigkeit. Auch Haarausfall und ein verstärktes Kälteempfinden können darauf hinweisen. Bleibt bei Frauen eine Schwangerschaft aus, sollte die Schilddrüse ebenfalls in die Diagnostik einbezogen werden. Bei der Hashimoto-Thyreoiditis – einer krankhaften Unterfunktion des Schmetterlingorgans, produziert die Schilddrüse zu wenige Hormone.

Eine Störung der Schilddrüsenfunktion tritt bei Menschen über 65 Jahre häufig anders in Erscheinung. Oft meldet sich ein Problem mit dem Herzen. Das alternde Herz verträgt sowohl eine Über- als auch eine Unterversorgung mit Schilddrüsenhormonen deutlich schlechter als ein Jüngeres. Die Folge können Herzschwäche (Herzinsuffizienz), Luftnot oder plötzlich auftretende Herzrhythmusstörungen sein. „Es kann auch sein, dass der Betroffene antriebslos wirkt, keinen Appetit mehr hat oder sogar an Gedächtnisstörungen leidet“, erklärt Führer-Sakel.

Die Endokrinologin möchte mit Missverständnissen aufräumen, die ihr „täglich“ begegnen: „Autoimmunthyreoiditis tritt in der Bevölkerung sehr häufig auf und muss nicht zwangsläufig mit einer Unterfunktion einhergehen. Für die Beurteilung sollte der Wert des Hormons TSH untersucht werden.“ Ein weiterer Irrtum betreffe das Thema Schilddrüsenkrebs. „Wir haben gelernt, dass mindestens zehn Prozent der Erwachsenen einen nur wenige Millimeter großen Schilddrüsenkrebs hat. Diesen sehen wir zwar im Ultraschall aber der Patient wird deswegen nie krank sein oder Beschwerden haben.“

Führer-Sakel will auch Betroffenen mit aggressiven Tumoren Mut machen: „Wir können verschiedene Formen von metastasiertem Schilddrüsenkrebs inzwischen präzise behandeln, das ist wirklich segensreich.“ Mittlerweile gebe es Medikamente, die wie ein „Schlüssel-Schloss-Prinzip“ auf die genetische Veränderung und das Immunprofil in den Tumoren passen. „Hier sind wir in Forschung und Versorgung tatsächlich große Schritte vorangekommen“, so die Endokrinologin.

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