„Für die Gehirn- und Allgemeingesundheit ist die Variabilität der Herzrate entscheidend“
Bei Gesunden schlage das Herz 70, bei Greisen und Melancholikern 60 und bei Frauen und Cholerikern rund 80 mal pro Minute. Wie schon beim Berechnen der Planetenbahnen, so legte Astronom Johannes Kepler (1571-1630) auch beim Pulsmessen exakte Zahlen vor. Das hatte das Herz seiner Meinung nach verdient, weil es selbst so exakt und unermüdlich in seiner Arbeit ist.
Trotzdem: Unser Puls ist weit mehr als nur Mechanik, wie beim Ticken einer Uhr. Er ist ausgesprochen flexibel, reagiert sehr empfindlich, wenn etwas passiert – und wir reagieren sehr empfindlich auf ihn.
Der Pulsschlag entsteht, wenn sich der Herzmuskel zusammenzieht und das Blut mit einer Stoßwelle durch die Arterien drückt. Dementsprechend kann man ihn am besten messen, wo sich die Blutgefäße leicht ertasten lassen. Wie etwa an der kleinen Schlagader am Handgelenk, unterhalb des Daumens.
„Die Stelle ist bequem zu erreichen“, erläutert Kardiologe Julian Chun vom Agaplesion Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main. „Außerdem ist das Messen dort weniger anfällig für äußere Störeinflüsse.“ Prinzipiell könnte man den Puls aber auch an anderen Stellen ertasten, wie etwa der Arteria carotis im Hals oder der Arteria femoralis in der Leiste.
Der grobe Richtwert für den Ruhepuls liegt zwischen 50 und 90 Schlägen pro Minute; für gesunde Erwachsene liegt der typische Ruhepuls meist eher im Bereich von etwa 60 bis 80 Schlägen pro Minute. „Die weite Spanne erklärt sich daraus, dass unser Herz sehr flexibel darauf reagiert, wie groß der aktuelle Sauerstoffbedarf ist“, so Chun. Da reicht bereits das Aufstehen aus dem Bürostuhl, ein koffein- oder alkoholhaltiges Getränk, eine deftige Mahlzeit oder eine fiebrige Infektion, um ihn deutlich nach oben zu treiben. Denn all diese Zustände gehen einher mit einem erhöhten Sauerstoff- und damit Blutbedarf, den das Herz decken muss. Auch emotionale Erregung spornt den Puls an.
In einer Studie der Universität Bielefeld kamen die Arminia-Fans beim DFB-Pokal-Finale 2025 auf durchschnittlich 94 Schläge pro Minute. Aber kollabiert sind nur wenige, und das lag in erster Linie am Alkohol. Denn kurzfristige Beschleunigungen steckt ein gesundes Herz in der Regel gut weg. „Das ist eine völlig normale Reaktion auf Belastung und kein Grund zur Beunruhigung“, betont Roland Tilz vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der zusammen mit Chun im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung ist.
Selbst ein länger andauernder Puls im 80- und 90-er-Bereich ist nicht zwingend gesundheitsschädlich. Niemand muss Angst haben, dass sich dabei sein Herzmuskel schneller „verbraucht“, als wenn er im Schongang arbeitet, und eine hohe Herzschlagrate korreliert auch nicht unbedingt mit Bluthochdruck. Genauso wie umgekehrt ein niedriger Puls von 50 bis 60 kein langes Leben garantiert. „Diese Werte findet man zwar häufiger bei Ausdauersportlern“, so Tilz. „Aber deren besserer Gesundheitszustand hat weniger etwas mit ihrem niedrigem Ruhepuls zu tun, als mit den vielen anderen Faktoren, die durch ein regelmäßiges körperliches Training angestoßen werden.“
Das Herz-Kreislauf-System eines Mannes (Illustration)Karl Deisseroth von der Stanford University fand allerdings in seinen Studien deutliche Hinweise darauf, dass ein Ruhepuls jenseits der 90-er-Marke unser Angstverhalten verstärken kann. Was konkret bedeutet: Das Herzjagen vor einer Prüfung oder vor dem Halten einer Rede könnte nicht die Folge, sondern die Ursache unserer Angst sein. „Zumindest ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Wirkungen in beide Richtungen geht“, betont Deisseroth.
Nicht umsonst sei es unter Musikern beliebt, sich vor einem Konzert einen pulssenkenden Beta-Blocker gegen das Lampenfieber einzuwerfen. Der US-amerikanische Neurowissenschaftler hofft außerdem, dass der Weg über das Absenken der Herzfrequenz eine Alternative zur Therapie mit den üblichen medikamentöse Angsthemmern werden könnte: „Denn diese haben Nebenwirkungen und brauchen oft Monate, bis ihre Wirkung eintritt.“
Keinen zwingenden Grund für therapeutisches Einschreiten liefert hingegen die so genannte Herzratenvariabilität. Es handelt sich dabei um Unregelmäßigkeiten im Puls, die im Bereich der Millisekunden von einem Herzschlag zum nächsten stattfinden. Doch sie sind in der Regel harmlos. „Sie sind sogar besonders ausgeprägt, wenn wir entspannt sind“, betont Tilz.
„Wer hingegen herzkrank oder gestresst ist, oder auch wenig geschlafen hat, der zeigt deutlich weniger von solchen Pulsvarianzen.“ Das liege an den Stresshormonen, die auf den Herzmuskel wirken. „Die modernen Smartwatches sind auf dieses Phänomen eingestellt“, so Tilz. Pulsschwankungen im Millisekundenbereich oder auch ihr Ausbleiben klassisch mit den Fingern am Handgelenk zu spüren, sei hingegen – gerade für einen Laien – äußerst schwierig.
In jedem Falle gilt: Man muss sich nicht unbedingt Sorgen machen, wenn der Puls ein wenig unregelmäßig läuft. Und das gilt auch, wenn er sich mit dem Einatmen beschleunigt und mit dem Ausatmen verlangsamt. „Die Pulsunterschiede zwischen den beiden Phasen können schon spürbar und beim Messen durch die Smartwatch deutlich sichtbar sein“, betont Tilz.
Aber in der Regel sind sie harmlos und sogar ein Ausdruck von innerkörperlicher Harmonie. Sie erklären sich einerseits über die unterschiedlichen Aktivitäten des vegetativen Nervensystems während der beiden Atemphasen, und andererseits dadurch, dass sich beim Öffnen und Zusammenziehen der Lungen der Blutstrom zum Herzen ändert. Stehen wir hingegen unter Stress, unterbleibt die Synchronisation von Atmung und Herzschlag – und beide gehen ihren eigenen Weg.
Was die Herzratenvariabilität aussagt
Dass der Puls in der Nacht beim Schlafen meistens runtergeht, liegt auf der Hand, weil wir dann zur Ruhe kommen. „Oft sinkt er dann auf eine Frequenz von 50 bis 60 Schlägen die Minute“, berichtet Tilz. Doch die Herzratenvariabilität, also die Schwankungen des Pulses im Millisekundenbereich, kann hier wiederum sehr ausgeprägt sein. Und auch das muss kein schlechtes Zeichen sein, im Gegenteil.
Ein Forscherteam des Inselspitals in Bern ermittelte in einer Langzeitstudie an knapp 4200 Männern und Frauen einen starken Zusammenhang zwischen den nächtlichen Pulsschwankungen und dem zukünftigen Gesundheitszustand. So hatten depressive Menschen in den Monaten vor dem Ausbruch ihrer Erkrankung eine ausgesprochen schwache Herzratenvariabilität, während sich künftige Schlaganfallpatienten mit einer sehr hohen und unregelmäßigen Pulsvarianz präsentierten.
Studienleiterin Irina Filchenko erklärt diese Vorgänge damit, dass „die Herzratenvariabilität entscheidend für die Gehirn- und Allgemeingesundheit ist, da sie die Funktionen des autonomen Nervensystems widerspiegelt, das bekanntlich lebenswichtige Prozesse wie Atmung, Verdauung und Muskeltonus steuert und den Körper für Belastungen wappnet“.
Dementsprechend könnte sich die Beobachtung der nächtlichen Pulsschwankungen dazu eignen, das Risiko für bestimmte Krankheiten vorherzusagen. Was aber die Frage aufwirft, ob man das wirklich immer wissen will. So legen Untersuchungen italienischer Forscher nahe, dass Herzinfarkt-Patienten, deren Puls nachts fast schwankungsfrei durchschlägt, ein deutlich erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod haben. Diese Erkenntnis dürfte nicht gerade zu ihrer Beruhigung beitragen.
Neben der Pulsfrequenz – ihrem Tempo und ihrer Regelmäßigkeit – kann auch die Art des Herzschlags etwas über den Gesundheitszustand eines Menschen verraten. Schon die antiken Ärzte um Hippokrates unterschieden zwischen „palmos“, dem gesunden Puls, und den Pulsabweichungen „sphygmos“ (hämmernden), „tromos“ (zitternd“) und „spasmos“ (verkrampft). Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) kennt 28 unterschiedliche Pulstypen, die Rückschlüsse auf Erkrankungen und Funktionsstörungen zulassen.
Demnach kann etwa ein „schlüpfriger“ Puls auf Wasseransammlungen im Gewebe hinweisen und ein sehr langsamer Herzschlag auf kältebedingte Krankheiten. Zu letzteren zählen gemäß der asiatischen Heilslehre nicht nur Schnupfen und Husten, sondern auch der „Nieren-Yang-Mangel“, der sich als Müdigkeit, Impotenz und Tinnitus äußern kann. Die wissenschaftliche Medizin von heute kann freilich mit solchen Begriffen nur wenig anfangen.
Nichtsdestoweniger kennt auch sie bestimmte Puls-Charakteristika, die typischerweise bei bestimmten Krankheiten auftreten. „So kann ein flacher, kaum wahrnehmbarer Puls auf eine Herzschwäche hinweisen“, berichtet Chun, „vor allem dann, wenn er auch mit klinischen Symptomen wie etwa dem Schwindel verbunden ist“. Umgekehrt kommt es im Zusammenhang mit einer Insuffizienz und Stenose der Aortenklappen oft zu einem „Wasserhammer-Puls“, weil das Herz dabei stärker pumpen muss. Wenn sich hingegen immer wieder mal ein „Blubber-Schlag“ des Herzens zeigt, können Extra-Kontraktionen der Herzkammern dahinterstecken. „Solchen Pulsauffälligkeiten sollte man mit Hilfe eines EKG nachgehen“, rät Chun.
Der Kardiologe ist trotz seiner langjährigen Berufserfahrung immer wieder fasziniert, wie viel man aus der Betrachtung des eigenen Pulses über sich und seinen Körper lernen kann: „Außerdem lässt es ehrfürchtig werden, wenn man daran denkt, dass sich unser Herz 100.000 Mal pro Tag für diesen Puls zusammenzieht.“ Andererseits muss man schon aufpassen, dass man ihm nicht zu viel Beachtung schenkt. Denn man tappt dadurch möglicherweise in eine Aufmerksamkeitsfalle, die selbst zur Krankheit werden kann.
So leiden groben Schätzungen zufolge rund 15 Prozent aller Patienten, die in Deutschland wegen Herzbeschwerden zum Arzt gehen, nicht etwa unter einer organischen Herzerkrankung, sondern unter einer Herzneurose. Das heißt: Sie sind so auf ihren Puls fixiert, dass sie jede angebliche oder tatsächliche Abweichung von ihm als lebensbedrohlich einstufen und dementsprechend in Panik geraten. Betroffen sind vor allem Männer über 40 Jahren.
In einigen Fällen kann es so schlimm werden, dass sie kaum noch schlafen, weil sie dauernd auf ihren Herzschlag fixiert sind. Oder sie fahren nur noch in den Urlaub, wenn ihnen eine Liste mit allen Ärzten vor Ort zur Verfügung steht. Einige gehen überhaupt nicht mehr aus dem Haus. Die Therapie der Herzneurose ist schwierig und kann Monate oder Jahre dauern.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke