Forscher weisen Effekt von Grippe und Covid-19 auf Risiko für Lungentumore nach
Menschen mit schweren Verläufen von Covid-19 oder Grippe haben einer Studie zufolge ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko. Ein US-Team beschreibt im Fachjournal „Cell“ gleich mehrere Faktoren für diesen Zusammenhang. Es empfiehlt, Menschen nach schweren Corona-Erkrankungen regelmäßig auf Lungenkrebs hin zu testen.
„Ein schwerer Verlauf von Covid-19 oder Grippe kann die Lunge in einen langanhaltenden Entzündungszustand versetzen, der es Krebs später erleichtert, sich dort anzusiedeln“, erläutert Hauptautor Jie Sun von der University of Virginia. Er verweist auf eine einfache Vorsorge durch die üblichen Impfungen: „Die gute Nachricht ist, dass Impfungen diese schädlichen Veränderungen für das Krebswachstum in der Lunge weitgehend verhindern.“
„Diese Ergebnisse haben wichtige und unmittelbare Auswirkungen auf die Überwachung von Patienten nach schweren Atemwegsinfektionen“, ergänzt Mitautor Jeffrey Sturek von derselben Universität. Die Studie lege nahe, dass Ärzte das Lungenkrebsrisiko durch schwere Atemwegsinfektionen ähnlich wie das durch Rauchen betrachten sollten.
In Deutschland haben zumindest starke Raucherinnen und Raucher ab April Anspruch auf eine jährliche kostenlose Untersuchung zur Früherkennung von Lungenkrebs. Das Angebot richtet sich an aktive und ehemalige Raucher im Alter zwischen 50 und 75 Jahren, wie der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) kürzlich mitteilte. Bis zum tatsächlichen Termin könnte es allerdings noch etwas dauern, da Radiologinnen und Radiologen eine spezielle Fortbildung und eine Genehmigung für die Untersuchung benötigen.
Daten von über 75 Millionen Menschen
Das Forschungsteam nutzte zunächst Daten von 75,9 Millionen Erwachsenen aus der sogenannten Epic-Cosmos-Datenbank. Ein Teil von ihnen war nicht mit dem Coronavirus infiziert. Andere Menschen hatten entweder eine milde bis moderate Covid-19-Erkrankung oder aber eine schwere mit einem Klinikaufenthalt in den Jahren 2020 und 2021. Krebsneuerkrankungen wurden ab 2022 ausgewertet.
Dabei zeigte sich nach den einfachen Infektionen sogar eine moderate Abnahme des Lungenkrebsrisikos. Eine Erklärung dafür gibt es in der Studie nicht. Eine überstandene schwere Covid-19-Erkrankung war dagegen mit einem 1,24-fachen Lungenkrebsrisiko verbunden. Geschlecht, Alter und Rauchstatus hatte das Team herausgerechnet.
Ähnlich erhöhte Risiken für Lungenkrebs seien auch nach Grippe beobachtet worden, „was darauf hinweist, dass eine erhöhte Entstehung von Lungenkrebs ein allgemeines Muster nach schweren respiratorischen Virusinfektionen darstellen könnte“, schreibt das Team. Auch bei Mäusen hätten schwere respiratorische Virusinfektionen das Wachstum von Lungenkrebs beschleunigt.
Geimpfte Mäuse haben vermindertes Krebs-Risiko
In Mäuseversuchen zeigte das Team den genauen Zusammenhang. Mäuse, die an Covid-19 erkrankt waren, erhielten zwei Wochen nach der Viruselimination spezielle Tumorzellen. Ergebnis: Eine vorherige Covid-Infektion hatte zwar keinen erkennbaren Einfluss auf die initiale Tumorentwicklung, verstärkte jedoch das Tumorwachstum ab der dritten Woche deutlich.
Wurden Mäuse gegen Corona oder gegen Grippe geimpft und anschließend mit den jeweiligen Viren infiziert, so zeigten sie in dem Versuch eine deutlich geringere Tumorbelastung als Mäuse, die nur eine Scheinimpfung erhalten hatten. Die Ergebnisse deuten nach Studienangaben darauf hin, dass diese Impfungen vor der Förderung der betrachteten Lungentumore schützen, indem sie schwere virusinduzierte Erkrankungen verhindern.
Schwere Virusinfektionen der Lunge verursachen nach Forscherangaben anhaltende Schäden in deren Auskleidung (Epithel). Diese und andere Schädigungen durch Viren könnten das Krebsrisiko noch Monate bis Jahre nach einer scheinbaren Genesung beeinflussen. Zudem könnten die Infektionen Immunzellen in der Lunge so umprogrammieren, dass sie das Wachstum von Krebstumoren begünstigen, anstatt Krebszellen zu bekämpfen. Dabei werden laut Studie gewisse Schalter umgelegt, die das Ablesen der Gene bestimmen – eine Änderung der epigenetischen Markierungen. Mit gezielter Therapie konnte in Mäusen das Tumorwachstum jedoch gehemmt werden.
Zusammenhang erstmals experimentell gezeigt
Es sei bekannt, dass eine schwere virale Lungenentzündung auch weit über das Ende der Erkrankung hinaus nachhaltige Effekte auf Immunzellen in der Lunge haben könne, sagt Marco Binder vom Deutschen Krebsforschungszentrum auf Nachfrage. „Hier wird nun aber erstmals schön experimentell gezeigt – in der Maus unter gut definierten Bedingungen –, dass diese immunologischen Veränderungen eine direkte Auswirkung auf die immunologische Kontrolle von Krebszellen haben.“
Eine Erklärung für die leichte Verringerung der Lungenkrebsfälle durch milde Covid-19-Erkrankungen könne sein, dass das Immunsystem auch durch diese Infektionen nachhaltig beeinflusst werde – allerdings eher hin zu einer stärkeren Aktivierbarkeit, was sich dann positiv bei künftigen Infektionen, aber eben auch auf die Krebskontrolle auswirke. Dieses Konzept sei allgemein als „trained immunity“ (trainierte Immunität) beschrieben, und umfasse weit mehr als Krebs. Die Studienautoren hatten keine Erklärung für die verringerten Lungenkrebsfälle gegeben.
Das Forschungsteam verweist zwar darauf, dass es beim Menschen nur einen statistischen Zusammenhang zwischen schweren Covid-19-Erkrankungen und Lungenkrebs und keinen kausalen gefunden hat. So könnte es auch sein, dass bestimmte Faktoren in einem Menschen sowohl schwere Covid-Erkrankungen fördern als auch Lungenkrebs. Durch die Mäuseuntersuchungen ergäbe sich jedoch ein komplettes Bild.
„Zusammen belegen diese Ergebnisse einen kausalen Zusammenhang zwischen früherer viraler Pneumonie und der Entstehung von Lungentumoren“, schließt das Team. Dies unterstreiche die Notwendigkeit einer verbesserten Überwachung sowie gezielter Interventionen, um das Krebsrisiko nach schweren Covid-19-Erkrankungen zu reduzieren.
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