So nehmen Sie Nahrungsergänzungsmittel richtig
Frei verkäuflich heißt nicht sicher
Sie sehen aus wie Medikamente, sie sind verpackt wie Medikamente – und doch unterliegen Nahrungsergänzungsmittel, kurz NEM, lediglich dem Lebensmittelrecht. Das bedeutet: Niemand prüft ihre Wirkung oder Nebenwirkungen. Sie werden nicht wie Arzneimittel zugelassen, sondern lediglich beim Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gemeldet. Unternehmen oder Privatpersonen können dort in wenigen Minuten die nötigen Angaben machen: Name, Adresse, Produktname, Inhaltsstoffe samt Menge und ein Etikett – das reicht. Niemand kontrolliert, ob die Angaben stimmen oder die Dosierung korrekt ist.
Das BVL schreibt dazu: „Vor dem ersten Inverkehrbringen von Nahrungsergänzungsmitteln findet keine Prüfung oder Genehmigung durch eine Behörde statt.“ Die Lebensmittelüberwachungsbehörden der Länder führen nur Stichproben durch. Verbraucherschützer, Wissenschaftler und Politiker kritisieren diese lasche Regelung seit Jahren, da sie zum Missbrauch einlädt. Immer wieder kommen Produkte mit gefährlichen Beimischungen auf den Markt. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen dokumentiert zahlreiche Verstöße und ergänzt seine Liste jeden Monat. Gefunden werden krebserregende Stoffe, Salmonellen, Blei oder Wirkstoffe, die in Nahrungsergänzungsmitteln nichts zu suchen haben, das Potenzmittel Sildenafil („Viagra“) etwa oder der 2010 wegen lebensgefährlicher Nebenwirkungen verbotene Appetitzügler Sibutramin.
Die Dosis macht das Risiko
Mindestens zwei Zahlen sollte man kennen, wenn man sich vor Überdosierungen schützen will: Die erste ist der Referenzwert der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Er gibt an, wie viel ein gesunder Mensch von einem Vitamin oder einem Mineralstoff zu sich nehmen sollte, um gut versorgt zu sein. Die zweite ist die Höchstmenge, die das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) festlegt. Sie zeigt: Mehr sollte ein NEM nicht enthalten, sonst könnte es gesundheitsschädlich werden. Eigentlich sollten sich Hersteller daran halten – gesetzlich verpflichtet sind sie dazu jedoch nicht. Das hat Folgen: 2020 untersuchten Wissenschaftler der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd 106 verschiedene Präparate – und fanden teils drastische Abweichungen: Mehr als die Hälfte überschritt die Höchstmengenvorschläge bei mindestens einem Nährstoff, im schlimmsten Fall um 700 Prozent. Vor allem Multivitaminpräparate fielen negativ auf.
Ein wenig Hoffnung ist in Sicht: In diesem Jahr legt die EU vermutlich verbindliche Höchstmengen für ein paar der Inhaltsstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln fest, an die sich Hersteller dann halten müssten. Betroffen sind wohl unter anderem Selen, Vitamin B6, Vitamin A bzw. Betacarotin, Vitamin E, Vitamin D und Eisen. Noch etwas sollte man wissen, wenn man die Pillenpackungen checkt: Anders als bei Medikamenten dürfen die tatsächlichen Mengen in einem Nahrungsergänzungsmittel um bis zu 50 Prozent von den Angaben auf der Verpackung abweichen.
Erst mal beim Arzt abklären
Ob man eine Vitaminpille braucht, lässt sich ohne Untersuchung nur schwer beurteilen. Selbst bei Müdigkeit, Muskelkrämpfen oder Haarausfall steckt nicht immer ein Mangel dahinter. Umgekehrt hat man vielleicht einen, den man gar nicht vermutet hat. Bei Menschen mit Adipositas etwa mangelt es eher an Vitamin D im Blut, weil es im Fettgewebe gespeichert wird. Auch Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, Leber oder Gallenblase behindern die Aufnahme bestimmter Vitamine. Menschen mit Morbus Crohn oder Zöliakie leiden ebenfalls häufiger unter Mangelerscheinungen.
Klarheit schaffen können dann oft ein Ernährungsprotokoll, eine körperliche Untersuchung und Tests. Je nach Nährstoff analysiert man Blut, Urin oder Gewebe. Nicht alle Untersuchungen sind gleich zuverlässig. Und auch äußere Faktoren beeinflussen die Ergebnisse: Misst man den Zink-Wert während einer Infektion, ist er meist besonders niedrig. Der Ferritin-Wert, ein Indikator für Eisenmangel, erhöht sich dagegen bei Erkältungen.
Auch wer bereits Nahrungsergänzungsmittel nimmt, sollte das seinem Arzt sagen. Biotin etwa kann Labortests verfälschen, darunter Herzinfarkt-Biomarker und Schilddrüsenwerte. Und manche Präparate beeinflussen sogar Therapien: Hochdosierte Antioxidantien können die Wirkung einer Krebstherapie mindern.
Wenn Nahrungsergänzungsmittel krank machen
Im Jahr 2022 landete ein lebensgefährlich erkranktes Baby auf einer Intensivstation, berichtete das „Deutsche Ärzteblatt“. Es hatte Gewicht verloren und eine Bewusstseinsstörung, der Körper war ausgetrocknet, die Nieren waren verkalkt, die Kalium- und Kalziumwerte entgleist. Die Eltern hatten ihm auf Anraten von Freunden über mehrere Monate Vitamin-D-Tropfen in einer 80-fach zu hohen Dosierung verabreicht. Es ist die Spitze eines Eisbergs.
„Ich sehe häufig Blutwerte, die zu hoch sind – fast immer, weil die Patienten Nahrungsergänzungsmittel einnehmen“, sagt die Ernährungsmedizinerin Diana Rubin vom Berliner Vivantes-Klinikum. Vor allem Patienten mit schwer heilbaren chronischen Krankheiten sind anfällig für Werbeversprechen aus dem Netz. „Etwa jeder Zweite in unserer Sprechstunde hat eine zu hohe Dosis von Nahrungsergänzungsmittel eingenommen“, sagt auch Bernhard Schieffer, der an der Uniklinik Gießen-Marburg eine Post-Covid-Ambulanz führt. Er verfolgt diesen Trend kritisch anhand serieller Laboruntersuchungen und Patienten-Fragebögen. Oft zeigten sich dadurch Leber- und Gefäßschäden, ausgelöst durch vermeintlich harmlose Produkte wie Curcumin, Folsäure oder Resveratrol. Regelmäßig entdeckt er auch zu hohe Blutfettwerte, weil Patienten nach dem Motto „viel hilft viel“ zu viel Fischölkapseln mit Omega-3-Fettsäuren zu sich nehmen.
Auch Krebspatienten sind anfällig, sagt Jutta Hübner, Onkologin und Expertin für komplementäre Krebstherapien an der Uniklinik Jena. Sie warnt nicht nur vor Nebenwirkungen, sondern auch vor Wechselwirkungen mit der Tumortherapie. Zu viele Antioxidantien wie Vitamin C etwa können die Wirksamkeit von Chemo- und Strahlentherapien abschwächen und damit die Prognose einer Krebserkrankung deutlich verschlechtern. Deshalb rät Hübner, alternative Therapien mit den behandelnden Ärzten abzusprechen.
Wann Ergänzungen wichtig sind
Für Säuglinge sind Mineralstoffe und Vitamine unverzichtbar. Vier „kritische Nährstoffe“ erfordern laut Bundesgesundheitsblatt oft Supplemente: Jod für Stillende oder in der Beikost, Vitamin D (etwa 12 Mikrogramm täglich) bis zum zweiten Frühsommer, Vitamin K in den ersten Lebenswochen und Fluorid, solange keine Zahnpasta verwendet wird. Schwangere sollten idealerweise vier Wochen vor der Empfängnis Folsäure einnehmen, dazu Jod und bei einem Mangel auch Eisen.
Bei älteren Menschen sinkt der Energiebedarf, während der Nährstoffbedarf gleich bleibt. Je nach Lebensstil fehlt es ihnen oft an Vitamin B12, Eisen, Kalzium und Protein. Vitamin D ist entscheidend, um Knochenabbau zu verhindern. Besonders in Pflegeheimen, wo Senioren selten an die frische Luft kommen, lässt sich der Bedarf schwer ohne eine Ergänzung decken. Veganer benötigen laut DGE Vitamin B12 und Jod in Form von Pillen oder Pulvern. Auch Kalzium und Vitamin D nehmen sie oft nicht ausreichend auf.
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