Glück und Zufriedenheit? Ein anderer Faktor ist wichtiger für das Wohlbefinden
Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, lautet ein altbekanntes Sprichwort, das im Kern noch heute so aktuell wie je ist. Tatsächlich ist es jedoch bereits mehr als zwei Jahrtausende alt. Es geht auf einen Konsul der Römischen Republik aus dem dritten Jahrhundert vor Christus zurück, Appius Claudius Caecus, der als eine der ersten Persönlichkeiten in die Geschichte der römischen Literatur einging. Zur Zeit seines Ausspruchs eroberte das spätere Weltreich erst noch die italienische Halbinsel und expandierte nach Kräften auf der Suche nach Wohlstand, Ruhm und Glück.
Wer glücklich sein will, so die Redewendung, müsse nur die richtigen Entscheidungen treffen, sein Leben in die Hand nehmen und Verantwortung übernehmen. In kaum einer Weltregion scheint dieses Ideal heute so gut aufzugehen wie im Norden Europas. Finnland, Dänemark, Schweden – seit Jahren führen die Skandinavier die internationalen Glücksrankings an.
Doch ist dieses Glücksversprechen universell? Gilt Selbstbestimmung überall als Schlüssel zu einem guten Leben – oder ist sie ein Luxus wohlhabender, individualistischer Gesellschaften?
Genau diese Frage stand lange im Zentrum eines wissenschaftlichen Streits. Vertreter der sogenannten Selbstbestimmungstheorie argumentierten: Autonomie sei ein grundlegendes menschliches Bedürfnis – kulturunabhängig und tief verankert in unserer Psyche. Andere hielten dagegen und sagten, Selbstbestimmung werde vor allem dort geschätzt, wo materielle Sicherheit herrscht und das Individuum traditionell im Mittelpunkt steht. In ärmeren, stärker kollektivistisch geprägten Gesellschaften könnten ganz andere Faktoren entscheidend sein.
Neue Forschung der Aalto-Universität in Finnland, veröffentlicht im Fachjournal „Social Indicators Research“, will nun Klarheit in diese Debatte bringen. Hauptautor Frank Martela gilt als einer der bekanntesten Glücksforscher Finnlands und Erklärer des skandinavischen Wohlbefindens. Sein Forschungsteam analysierte Befragungen von fast 100.000 Menschen aus 66 Ländern, erhoben zwischen 2017 und 2023 im Rahmen der World Values Survey.
Gemessen wurden darin zwei Dinge: Das subjektive Wohlbefinden, abgebildet durch Fragen zu Lebenszufriedenheit und Glück. Andererseits das Ausmaß empfundener Autonomie, als die Antwort auf die Frage, wie viel Entscheidungsfreiheit und Kontrolle jemand über den eigenen Lebensverlauf erlebt. Das Ergebnis der Auswertung wirkt zunächst banal: Selbstbestimmung hängt weltweit mit höherem Wohlbefinden zusammen. Doch die Stärke dieses Zusammenhangs variiert erheblich.
Glück und Autonomie
„Wir haben festgestellt, dass Autonomie überall auf der Welt mit Wohlbefinden zusammenhängt, aber es gibt auch eine kulturelle Komponente“, sagte Martela. „In reichen, individualistischen Ländern wie den nordischen Staaten ist das Gefühl von Selbstbestimmung besonders wichtig für das Wohlbefinden.“ In ärmeren Staaten hingegen spielt sie zwar ebenfalls eine Rolle, tritt aber hinter existenziellere Faktoren zurück.
Damit, so Martela, hätten im Grunde beide Lager der Autonomie-Debatte recht. Diese sei ein universelles Bedürfnis, doch ihre Bedeutung wachse mit dem Wohlstand. Wo Menschen um Nahrung, Sicherheit oder medizinische Versorgung kämpfen, ist Selbstverwirklichung ein fernes Versprechen. Erst wenn diese Grundlagen gesichert sind, entfaltet Autonomie ihre volle psychologische Wirkung.
Um diese Zusammenhänge präzise zu erfassen, kombinierten die Forscher mehrere Datenquellen. Der nationale Wohlstand in den untersuchten Ländern wurde über das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gemessen. Schwieriger war es, den kulturellen Grad von Individualismus oder Kollektivismus zu bestimmen. Frühere Arbeiten in dem Feld litten lange unter fragwürdigen Messmethoden und inkonsistenten Ergebnissen, wie die Forscher schreiben. „Viele Indizes beziehen etwa Messgrößen wie gute physische Arbeitsbedingungen ein, die auf den ersten Blick wenig mit Kollektivismus zu tun haben“, erklärte Martela. Das Team nutzte deshalb den von anderen Forschern neu entwickelten Global Collectivism Index (GCI), der sich stärker an beobachtbaren Verhaltensweisen orientiert: etwa an der Größe von Haushalten oder der Nutzung gemeinschaftlicher Verkehrsmittel. Der GCI sei zwar nicht perfekt, aber derzeit das beste verfügbare Instrument, sagte Martela.
Die Ergebnisse hätten auch konkrete politische Implikationen, schreiben die Forscher in der Studie. Denn sie legten nahe, dass es keine universelle Glückspolitik geben kann. „Da sowohl Autonomie als auch nationaler Wohlstand wichtige Prädiktoren für Wohlbefinden sind, hängt die beste Strategie vom Entwicklungsstand eines Landes ab“, sagt Martela.
In sehr armen Ländern steigert wirtschaftliches Wachstum das Wohlbefinden meist deutlich – insbesondere dann, wenn der Zugewinn fair verteilt wird. In wohlhabenden Gesellschaften dagegen stößt reines Wachstum an psychologische Grenzen. Hier wird persönliche Autonomie zum entscheidenden Hebel. Denn der Schmied des eigenen Glückes braucht mehr als einen Hammer: Er braucht eine Gesellschaft, die ihm Raum lässt eigene Entscheidungen zu treffen.
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