Schwule Tiere: Warum gleichgeschlechtliche Liebe weitverbreitet ist
Roy und Silo machten international Schlagzeilen, wurden zu Helden zweier Kinderbücher und sogar in einem Bühnenstück gefeiert. Im Central Park Zoo von New York waren sich die beiden begegnet und 1998 ein Paar geworden. Die beiden Zügelpinguine blieben einander über Jahre treu und sorgten gemeinsam für ihre Tochter Tango. Die allerdings war aus einem adoptierten Ei geschlüpft. Denn Roy und Silo waren beide männlich.
Homosexualität: warum Darwin sich irrte
Dass gleichgeschlechtliches Verhalten irgendwann in der Evolutionsgeschichte aufgetreten ist, verstört heute allenfalls noch Anhänger einer reinen Schöpfungslehre. Lange taten sich aber auch Naturwissenschaftler mit dem Phänomen schwer, das auch als "darwinsches Paradox" bekannt ist. Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, hatte das Konzept der "sexuellen Selektion" entwickelt. Kurz gefasst besagt sie, dass sich in der Entwicklung einer Spezies alles durchsetzt, was der Fortpflanzung dient und damit dem Erhalt der jeweiligen Art.
Wieso aber zog es dann Roy ohne jegliche Aussicht auf Vermehrung zu Silo? Wieso war das rund 60 Millionen Jahre, nachdem die ersten Vertreter dieser Art irgendwo auf der Südhalbkugel herumgewatschelt waren, überhaupt noch möglich? Welchen Vorteil brachte das ihrer Art?
Homosexualität ist bei mehr als 1500 Tierarten bekannt
Tatsächlich ist die Liste gleichgeschlechtlicher Tierpaare lang und reicht von den Pinguinen über Delfine, Löwen und Giraffen bis zu Japanmakaken und Bonobos. Alles in allem wurden bereits mehr als 1500 Tierarten gezählt, bei denen sich auch Männchen mit Männchen und Weibchen mit Weibchen verbinden. Und keineswegs ist das ein reines Zoo-Phänomen und quasi erzwungene Folge der Gefangenschaft. Vielmehr wurde diese Form des Zusammenlebens bei über 80 Prozent der entsprechenden Arten in freier Wildbahn beobachtet. Am darwinschen Paradox aber ändert das vorerst nichts. Dazu muss man den Blick so weiten, wie es die Biologin Chloë Coxshall mit ihrem Team vom Imperial College London getan hat.
Für die jetzt im Fachjournal "Nature Ecology & Evolution" veröffentlichte umfangreiche Analyse wurden Beobachtungsdaten fast aller Primatenarten ausgewertet. Dabei konnten unter 491 Spezies 59 identifiziert werden, in denen homosexuelles Verhalten wissenschaftlich dokumentiert ist. Für 23 Arten konnte sogar berechnet werden, wie häufig dieses Verhalten vorkam.
Zwar sind die Daten lückenhaft. Dennoch lassen sich Trends herauslesen und vor allem haben die Forschenden versucht herauszufinden, was die treibenden Faktoren sind, die homosexuelles Verhalten begünstigen.

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geoUm im Datenwust mögliche Muster erkennen zu können, konzentrierte sich das Londoner Team auf 15 Variablen. Es interessierte sich etwa dafür, ob eine Art ausreichend Ressourcen hatte oder ob sie von anderen Tierarten bedroht wurde. Wie hoch die Lebenserwartung war, wann die Weibchen fruchtbar wurden, wie lange die Schwangerschaft dauerte. Auf der sozialen Ebene wurden die Größe und Stabilität der zusammenlebenden Gruppen berücksichtigt, wie komplex die Hierarchie aufgebaut ist und wie stabil die Paarbeziehungen üblicherweise sind: Gab es etwa vorwiegend feste Bindungen? Oder ging es auch sexuell eher bunt zu?
In diesen Details aus dem Leben und Zusammenleben der verschiedenen Primaten fanden sich tatsächlich Umstände, die offenbar gleichgeschlechtliches Verhalten besonders begünstigen. Und zwar immer dort, wo Arten unter Druck geraten. Wenn sie etwa in besonders trockenen Regionen leben, das Nahrungsangebot knapp ist oder sie oft Raubtieren zum Opfer fallen. In derart bedrohlichen Situationen ist es überlebenswichtig, füreinander da zu sein und zusammenzuhalten. Solche sozialen Bindungen aber stärkt die Sexualität – womit sich auch das darwinsche Paradox auflöst.
Homosexualität ist tief verwurzelt in der Biologie
Den "Nutzen" von Sex auf die Fortpflanzung und den Erhalt der Art zu reduzieren, ist also viel zu kurz gedacht. Sex ist auch Beziehungspflege. Interne Konflikte und sonstiger Stress können auf vergleichsweise einfache Weise abgebaut werden, was die Gruppe insgesamt stärkt. Dass es ein komplexes Geflecht von äußeren und inneren Faktoren ist, das solches Verhalten hervorbringt, wurde zwar schon länger vermutet. Die jetzt präsentierte Analyse mit dem Vergleich von fast allen Primatenarten aber bestätigt diese Annahme, seien die Daten auch lückenhaft. Es zeigt sich dabei, wie tief gleichgeschlechtliches Verhalten in der Biologie sozialer Säugetiere verwurzelt ist.
Offenbar gilt das vor allem für Primatenarten, die eine hohe Lebenserwartung haben und in sozial komplexen Gruppen leben. Auch Menschen also. Schimpansen und Bonobos sind unsere engsten genetischen Verwandten. Erst vor rund sechs Millionen Jahren trennten sich deren Entwicklungslinie von unserer eigenen. Viele Gemeinsamkeiten sind dennoch geblieben. Wie unsere haarigen Verwandten leben wir in komplexen sozialen Strukturen, müssen unsere Beziehungen unablässig pflegen, Allianzen schmieden und Konflikte lösen. Sex ist dabei offenbar ein Mittel, das sich über Millionen Jahre bewährt hat, egal in welcher Form.

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geoWie und warum sich der Sex allerdings im konkreten Einzelfall gestaltet und wer mit wem zum Paar wird, ist damit nicht erklärt. Zu komplex ist offenbar das Netz der miteinander verwobenen Faktoren, Gene, Umwelt, soziale Strukturen. Natürlich können die auch wechseln. So lebten sich die Pinguine Roy und Silo aus dem New Yorker Central Park Zoo allmählich auseinander, nachdem die Adoptivtochter Tango erwachsen war und nicht mehr umsorgt werden musste. Silo ging schließlich eine neue Partnerschaft ein. Mit Scrappy. Einem Weibchen.
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