Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) vertritt eine deutliche Meinung: Alkohol sei ein gefährliches Zellgift und das Beste sei, „gar keinen Alkohol zu trinken“. In Deutschland herrsche eine Kultur, in der Alkohol tief verankert sei. „Wir haben Schützenfeste, wir haben Weinköniginnen. Und da eine Veränderung zu machen, ist sehr schwierig“, sagte der Suchtbeauftragte Ende August gegenüber „Bild“.

Dass Deutschland als Land der Bier- und Weintrinker gilt, sieht auch Christina Rummel kritisch. Die Geschäftsführerin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) findet es unverständlich, dass auf Kinderfesten Alkohol und auch alkoholfreier Kindersekt ausgeschenkt wird. Im Gespräch erklärt sie, was Eltern unter einem „verantwortungsvollen Umgang“ mit Alkohol verstehen sollten.

WELT: Wieso diskutieren wir das Verbot für begleitetes Trinken für 14-Jährige erst jetzt?

Christina Rummel: Wir haben diese Schwachstelle im Jugendschutzgesetz schon lange angemahnt. 14 Jahre sind aber nicht das Maß aller Dinge. Wir fordern, dass Kinder unter 18 Jahren gar keinen Alkohol trinken sollten.

WELT: Wieso ist das Trinken von Alkohol in Deutschland so früh erlaubt?

Rummel: Das hat was mit unserer Kultur zu tun. Wir sind eine Nation der Bier- und Weintrinker. Das propagiert auch die Industrie. Gerade die Regelungen wie Preiserhöhungen, Werbeeinschränkungen oder Einschränkungen der Verfügbarkeit werden nicht angegangen. Laut Jugendschutzgesetz dürfen Kinder ab 14 Jahren im Beisein der Eltern Alkohol trinken. Diese Regelung stammt aus vorvergangener Steinzeit und gehört dringend abgeschafft. Wie viel Kinder trinken dürfen, ist nicht im Jugendschutzgesetz geregelt.

WELT: Wie viel Alkohol ist okay?

Rummel: Wir müssen uns ins Bewusstsein rufen, dass Alkohol kein Kulturgut ist, sondern ein gefährliches Produkt. Es gibt somit keine risikoarme Menge, die wir konsumieren können – für Kinder und Jugendliche schon mal gar nicht.

WELT: Bei welchen Anlässen trinken Minderjährige überhaupt?

Rummel: Häufig sind es die Trinkanlässe, die man mit anderen Jugendlichen zusammen das erste Mal erlebt. Jugendliche testen damit Grenzen aus, auf Feiern oder auch mal heimlich im häuslichen Wein- oder Bierkeller.

WELT: Immer weniger Jugendliche trinken Alkohol. Woran liegt das?

Rummel: Es findet gerade ein Kultur- und Sinneswandel statt. Jugendliche hinterfragen immer mehr den Konsum von Alkohol. Da stecken unterschiedliche Trends dahinter, wie zum Beispiel, dass man gesundheitsbewusster leben möchte. Da passt Alkohol nicht rein. Trotzdem trinken leider immer noch zu viele Jugendliche Alkohol. Wir müssen vor allem die Erwachsenenbevölkerung mit ins Boot holen: Sie sind die Vorbilder, von denen sich die Jugendlichen ihr Trinkverhalten abschauen.

WELT: Und wie sollte eine erste Erfahrung mit Alkohol als Jugendlicher im Idealfall aussehen?

Rummel: Je später, desto besser. Dann ist das Risiko, Alkoholprobleme zu entwickeln, viel geringer. Als Eltern hat man viel in der Hand.

WELT: Wie ist man als Elternteil ein gutes Vorbild?

Rummel: Man sollte sich regelmäßig selbst hinterfragen. Wird zu Hause täglich Alkohol getrunken? Erlebt das Kind Mitglieder der Familie betrunken oder gibt es Auswirkungen, wenn man Alkohol getrunken hat, auf die Kinder? Wird man aggressiv? Trinkt man Alkohol, wenn man selbst schlecht gelaunt ist und die eigenen Gefühle unterdrücken will? Ist das Trinken von Alkohol klar begrenzt auf bestimmte Anlässe oder gibt es auch bestimmte Zeiten, wo kein Alkohol getrunken wird? Bietet man Gästen auch selbstverständlich Wasser an?

WELT: Welche Schlüsse ziehe ich, wenn ich all diese Fragen reflektiert habe?

Rummel: Wenn ich feststelle, ich trinke Alkohol, wenn ich schlecht gelaunt bin, dann ist das schlecht. Alkohol sollte nicht zum Alltag gehören, sondern etwas Außergewöhnliches bleiben. Auch im Kühlschrank. Allein die Feststellung, „hier ist Wein und da steht ein Bier“, könnte dazu führen, dass es zur Normalität gehört.

WELT: Wie kann man dem Kind zeigen, dass Alkohol zur Ausnahme gehört?

Rummel: Da helfen spezielle Grenzen: Gästen immer erst Wasser anzubieten, statt Alkohol. Anlässe, an denen es Alkohol gibt, begrenzen. Es sollte nicht selbstverständlich sein, dass Eltern bei Festen jedes Mal trinken und sich eine Fahrgemeinschaft besorgen müssen, weil sie sonst nicht nach Hause kommen. Wenn Eltern betrunken sind, ist das für Kinder nicht schön. Es sollte auch nicht viel Alkohol zu Hause gelagert werden. Falsch ist es auch, die Kästen Bier im Flur stehen zu haben oder den Wein im Wohnzimmer zu drapieren. Alkohol sollte nicht omnipräsent sein.

WELT: Könnte es besser sein, das Kind bei seiner ersten Erfahrung mit Alkohol zu begleiten?

Rummel: Wir raten davon ab. Alkohol ist ein Zellgift. Deswegen kann ich Ihnen da jetzt keine Vorteile nennen.

WELT: Ab wann sollte man das erste Gespräch über Alkohol mit dem Kind führen?

Rummel: Kinder im Alter von 10 Jahren sind schon gut aufnahmefähig, aber es sollte altersgerecht sein. Man sollte es nicht über alle Maße thematisieren, aber man kann es kurz anklingen lassen. Es kommt immer auf den Anlass und das Kind an.

WELT: Worauf sollte man bei dem Gespräch achten?

Rummel: Wichtig ist, dass Eltern einen Wissensvorsprung haben und sich über die Substanz Alkohol informiert haben, sodass man je nach Alter der Kinder auch argumentativ gewappnet ist. Es sollten Regeln aufgestellt werden, an denen sich das Kind orientieren kann.

WELT: Wie sollten Eltern reagieren, wenn das Kind trotzdem trinkt?

Rummel: Das Kind sollte erst mal ausnüchtern. Die eigene Wut sollte verrauchen. Am nächsten Tag muss man sagen, dass das nicht in Ordnung war. Es sollte eine ruhige Situation für das Gespräch gewählt werden. Dabei darf das Kind sich aber nicht abgewertet oder konfrontiert fühlen.

WELT: Sind die heutigen Erwachsenen gute Vorbilder?

Rummel: Die Zahlen zeigen: In den Altersgruppen zwischen 35 und 55 werden viel, viel mehr Menschen mit einer Alkoholintoxikation im Krankenhaus eingeliefert als Jugendliche. Also da können wir uns als Erwachsene einfach nicht herausnehmen, wenn wir über Jugendliche sprechen – da müssen wir uns an die eigene Nase fassen.

WELT: Was halten Sie für besonders problematisch?

Rummel: Es ist ein Problem, dass sogar auf Kinderfesten Alkohol ausgeschenkt wird. Ich bin immer überrascht, wenn bei Schul- oder Kindergartenfesten der Glühwein ausgegeben wird. Spricht man das an, sagen viele: „Mist, darüber haben wir gar nicht nachgedacht.“ Die Kinder sehen das ja. Jeder sollte seine Wahrnehmung bei Alkohol schärfen. Warum sollten Kinder mit Produkten wie Kindersekt herangeführt werden, damit sie später dann „endlich das normale Produkt“ trinken dürfen? Das ist genau wie die Kaugummi-Zigaretten von damals: ziemlicher Unsinn.

WELT: Was, wenn Eltern nicht weiterwissen?

Rummel: Wenn Kinder zum Beispiel im Alter von 14 oder 15 sind, hilft eine klare Abmachung, dass Partys und Feste alkoholfrei sind. Wenn sich Eltern ernsthafte Sorgen machen, können sie sich an Suchtberatungsstellen in Deutschland wenden. Wir haben ein spezielles Suchthilfeverzeichnis, wo man auch Beratungsstellen finden kann. Jeder, der Hilfe braucht, kann dort fündig werden. Da sollte sich keiner scheuen, eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Das ist kostenlos und anonym. Viele gehen erleichtert aus so einem Gespräch raus.

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